Hamburg - "Dieter, wir streiken." Regine hat schon bessere Scherze gemacht.
Erst vor ein paar Wochen hatte mich die Leiterin unserer "Strubbelkinder" reingelegt. Die Hälfte der Kleinen müsse die Einrichtung verlassen, erschreckt sie mich, als ich mit unseren Zwillingen Fanny und Lilly, 3, sowie Rosa, gerade zwei Jahre alt, in unserem Kinderladen ankomme - gehetzt wie immer, weil alles mal wieder viel zu langsam ging. Aufgrund der hohen Lärmbelästigung, so Regine, hätte der Hausbesitzer vor Gericht erzwungen, dass entweder die Gruppe der "Tiger" oder die der "Löwen" geschlossen werde.
Entsetzt greife ich zum Blackberry, um Esther, die beste aller Mütter, anzurufen. Da hält Regine mich zurück: April, April!
Sehr witzig.
Kinder und Erzieherinnen in einer Kita in Münster: Für Papa Ohrenstöpsel
Nächste Woche kann ich die Pfropfen vielleicht gut brauchen und Baldrianpillen noch dazu, die extra starken. Denn Regines Streikdrohung scheint kein böser Scherz zu sein.
Wie schon Zehntausende ihrer Kolleginnen im ganzen Bundesgebiet drohen auch die Erzieherinnen der "Strubbelkinder" auf die Barrikaden zu gehen. Und das bringt mich auf die Palme. Wissen die denn, was ein geschlossener Kinderladen für mich bedeutet?
Ich habe mir schon am Donnerstag einen Tag Urlaub genommen, weil die "Strubbelkinder" geschlossen waren - nur wegen eines gesetzlichen Feiertags, an dem ich trotzdem in der Redaktion hätte arbeiten müssen. Aber, zum Vatertag mal der Muster-Papa, wollte ich Esther mit den Mädchen nicht alleine lassen.
Am Freitag hatten die "Strubbelkinder" auch schon wieder zu: Brückentag! Der hat mich viel Geld gekostet für das Kindermädchen, weil die Juristin Esther unaufschiebbar zum Gericht musste und mir die Urlaubstage fehlen. Das kann doch nicht so weitergehen. Müssen wir den Griechenlandurlaub stornieren, weil wir an der Wickelfront verheizt werden?
Wenn der Kindergarten am Montag geschlossen wäre, hieße das für mich, ich bräuchte am Sonntag gar nicht erst damit anzufangen, die Stunden zu zählen, bis ich Montag wieder arbeiten gehen darf. Denn bei einem Streik können wir Eltern zum Wochenanfang sehen, wo wir mit unseren Kindern bleiben.
Statt Ausruhen im Büro droht mir also Zwangsurlaub an der Wickelfront, nur weil Regine meint, sie müsse als Jeanne d'Arc der Erzieherinnen in die Geschichte der Strubbelkinder eingehen.
Aber wofür wollen die eigentlich streiken?
Hat Regine mir nicht mal selbst erzählt, sie habe "einen ganz tollen Job"? Spricht sie nicht auf den Elternabenden von "dieser wunderbaren Aufgabe, Kinder positiv zu prägen"? Schildert sie nicht auf den Info-Nachmittagen für Neuaufnahmen, wie gut Eltern und Erzieher in unserem Kinderladen zusammenarbeiten?
"Ihr dürft mit Kindern zusammensein, wir müssen arbeiten"
Auch wenn ich auf dem Weg zum Kinderladen manchmal innerlich fluche, weil es wieder nicht weitergeht: Sobald meine Töchter in ihre eigene Welt eintauchen, denke ich oft, Regine und ihrem Team geht es gut, zumindest geht es ihnen besser als mir.
Manchmal, wenn mich kein Konferenztermin drängt, frage ich die Erzieherinnen Petra und Sandra von den Löwen oder Helga und Simone von den Tigern, ob ich einen Becher Kaffee bekommen kann und mich noch ein wenig zu ihnen setzen darf. Ganz gerührt vom versonnenen Spiel meiner Kleinen, die im Zeitvertreib mit anderen Kindern herzallerliebst sein können, hocke ich mich auf einen der niedlichen Kinderstühle. Toll, denke ich dann, Petra und Co. dürfen den Vormittag mit unseren Kindern verbringen, während ich mich ins Büro schleppen muss. Wie gerne würde ich dann tauschen.
Aber sagen darf man ihnen nicht, dass man sie beneidet. Da kann selbst die gelassene Petra ganz wuschig werden. Richtig grimmig hat sie mich angesehen, als ich mal geseufzt habe: "Ihr dürft mit unseren Kindern zusammensein, und wir müssen arbeiten gehen." Hinterher wurde mir über Esther ausgerichtet, Eltern sollten grundsätzlich morgens ihren Nachwuchs nur vorbeibringen und sich nicht lange aufhalten. Strafe muss sein, auch in einem Kinderladen.
Aber muss Streik wirklich sein? Ja, sagen viele der 220.000 Beschäftigten in Sozial- und Erziehungsdiensten und verweisen auf Ignoranten in der Politik, in Verbänden und bei Eltern, die keine Ahnung hätten, allein von der körperlichen Beanspruchung.
Dezibelzahl mitunter höher als auf mancher Baustelle
Die "hauptberuflichen Mütter" der Strubbelkinder - denen es als Mitarbeiterinnen eines privaten Kindergartens besser geht als etlichen Kolleginnen in öffentlichen Einrichtungen - sprechen da gern vom "Kita-Dreikampf: Bücken, Heben, Tragen". Und nicht alle Kleinen wiegen gerade mal zehn Kilo wie unsere Rosa - obwohl ich mich auch schon an unserem leichtesten Kind schwer verhoben habe.
Und ich gebe auch zu: Natürlich gönne ich mir den Luxus eines Frühkaffees bei den Strubbelkindern nur in ausgesprochen stillen Minuten. Dass die Dezibelzahl selbst in kleinen Kindergärten mitunter höher ist als auf mancher Baustelle - ich glaube es Regine ungeprüft.
Kindergärtnerinnen mit Ohrenschutz aber will niemand - sie könnten dann ja das Schreien unserer Fanny überhören, falls Max ihr wieder die Haare abschneiden will.
Mangelhaft ist vielerorts auch die Ausstattung. Selbst bei den vergleichsweise gut versorgten Strubbelkindern ist nur ein Wickeltisch, eine Maßanfertigung, wirklich wirbelsäulenverträglich; der zweite, aus einem großen Möbelhaus, ist zu niedrig.
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