Regine schwärmt von höhenverstellbaren Kommoden, die in Dänemark weitverbreitet sind. Aber in Skandinavien ist ja vieles besser. Weil Erzieherinnen zudem bei Bastelarbeiten stundenlang auf einem Ministuhl hocken, um mit den Kleinen an ihren Kindertischen auf Augenhöhe zu sein, sind Rückenschmerzen nur eine Frage der Berufsjahre. Allein bei Führungskräften sollen Haltungsschäden häufiger vorkommen als unter Kindergärtnerinnen. Nur gibt es in Chefetagen fürs Rückgratverbiegen immerhin ordentlich Schmerzensgeld.
Kindergärtnerinnen hingegen sind absolut unterbezahlt. Da etwa 60 Prozent der Erzieherinnen in Teilzeit arbeiten, reiche das Geld kaum zum Leben, argumentieren die Gewerkschaften. Frankfurter Kindergärtnerinnen sind schon auf die Straße gegangen und haben skandiert: "Unsere Parole: Endlich mehr Kohle!"
In der Politik haben die Hüterinnen unserer Augäpfel inzwischen Fürsprecher. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir sagt, die Erzieherinnen machten zu Recht auf ihre "desolate Lage" aufmerksam. Und Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sekundiert: "Dieser Beruf muss besser in der Bewertung werden."
Einen Generalstreik der Müllabfuhr könnte ich länger ertragen
Denn längst ist klar, dass nicht nur ich von den Erziehern meiner Kinder mehr erwarte, als dass sie mit ihnen im Sand buddeln oder am Tisch basteln. Ich wurde einst noch meiner Mutter am Nachmittag übergeben mit dem Satz: "Er ist satt und sauber." Das reicht modernen Eltern nicht. Ein Kinderladen muss ja nicht zum kleinen Harvard werden, aber eine Erzieherin mit abgeschlossenem Fachstudium wäre nicht schlecht. Und wetterfest sollte sie gleichfalls sein, weil Kindern auch frische Regenluft gut tut.
Vor allem aber sollte die ideale Kindergärtnerin streikresistent sein, trotz ihres neuen Bewusstseins um die eigene Stärke. Denn tatsächlich sind die Erzieherinnen insgeheim nicht nur zur größten Kampftruppe im öffentlichen Dienst avanciert, sondern auch zur mächtigsten. Weil es so viele Paare gibt wie Esther und mich - mit Kindern, zwei Jobs und einem Tag, der nur 24 Stunden hat - haben sie inzwischen das ganze Land in der Hand.
"Wenn alle Kitas der Republik schließen würden", das ist der große Traum des Gewerkschaftsmitglieds Regine, "dann würdet ihr sehen, was ihr wirklich an uns habt." Ich jedenfalls gestehe: Einen Generalstreik der Müllabfuhr könnte ich länger ertragen. Morgens um neun mit meinen drei Goldstücken vor verschlossener Tür - das wäre der Fangschuss für einen waidwunden Vater wie mich.
Nachtrag: Gerade hat Regine angerufen. Sie scheint Mitleid mit meinen ohnehin schon zerrütteten Nerven zu haben und gibt Entwarnung an der Wickelfront. Der Kinderladen werde am Montag ganz normal geöffnet sein. Unsere Erzieherinnen wollen sich auf "Solidaritätsbekundungen" beschränken, vorerst zumindest.
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