Von Alexander Smoltczyk, Rom
Am 29. Juni, also neun Tage vor dem G8-Gipfel in L'Aquila und gefühlte tausend Tage nach Ausbruch der Weltfinanzkrise, wird Papst Benedikt seine dritte Enzyklika unterzeichnen. Sie heißt "Caritas in veritate", also "Liebe in Wahrheit", oder Gott in Wahrheit, wenn "Deus caritas est".
Aber das ist nicht so wichtig.
Entscheidend ist, dass es sie endlich gibt. Mindestens vier Entwürfe habe es bereits gegeben, berichtet die Zeitung "Il Foglio". Der Vatikan hatte Ökonomen, Philosophen, Politologen befragt, was nun von der Marktwirtschaft zu halten sei. Kaum hatte im Frühling 2008 der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden eine abschließende Version vorgelegt, brachen die Märkte ein, und in jeder Talkshow wurde Moralwirtschaft gepredigt. Da hätte der Papst mit seiner Lehrbotschaft für die Ewigkeit leicht von gestern wirken können.
Also entschied er, sich die Krise noch etwas entwickeln zu lassen. Im ersten Teil des Textes geht es um die Bedeutung des Naturrechts für die katholische Soziallehre und die Kritik am liberal-konservativen Denken. Im zweiten Teil werden moralische Prinzipien entwickelt, um unter den Bedingungen globalen Wirtschaftens menschliche Würde, Armutsbekämpfung, Sicherheit und Ökologie zu sichern.
Während über all dies disputiert wurde, klopfte die Krise auch an die Pforten des Vatikans. Das "Governatorat des Staates der Vatikanstadt" muss seine Bilanz für 2008 wieder mit einem Defizit von neun Millionen Euro abschließen. Schon im Vorjahr waren die Zahlen ähnlich kardinalsrot gewesen. Das ist noch kein Grund, den Bittgang zum nächsten Stabilisierungsfonds anzutreten, schließlich wird das Kapital des Vatikans auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt
Alexander Smoltczyk:
"Vatikanistan"
Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt.
Heyne Verlag, 352 Seiten, 17,95 Euro.
Papst Benedikt ist darüber Ende April, kurz vor der Palästina-Reise, von vier Top-Kardinälen informiert worden. (Worauf er geantwortet haben soll: "Spe salvi!", spart an Spesen - nein, just kidding.)
Auf jeden Fall stehen die Finanzen des Vatikans seitdem wieder im apostolischen Interesse, und in den Schlagzeilen sowieso. Der Journalist Gianluigi Nuzzi hat gerade seine Untersuchung "Vaticano Spa" veröffentlicht ("Vatikan AG"). Darin wertete er rund 4000 aus dem Vatikan herausgeschmuggelte Dokumente des "Istituto per le Opere di Religione" (IOR) aus, der Privatbank des Papstes. Das IOR hatte in den Achtzigern im Zentrum eines Finanzskandals gestanden, bei dem es um schwarze Kassen, Mafiagelder und einen von der Londoner Blackfriars Bridge baumelnden Toten ging.
Papst Johannes Paul II. räumte mit dem Heuschreckenwesen auf. So glaubte man. Laut Nuzzi war die Säuberung der IOR weitaus schwieriger als bislang angenommen. Noch bis in die Neunziger hinein wurden etwa über ein Tarnkonto Zahlungen an die Christdemokratische Partei vorgenommen, unter anderem an Giulio Andreotti. Verantwortlich für diese Konten sei, so Nuzzi, Erzbischof Donato De Bonis.
Dessen Generalsekretär, Monsignore Renato Dardozzi, war übrigens auch der Informant für das Buch "Vaticano Spa". Er habe aus Verbitterung gehandelt, heißt es. Das IOR habe Dardozzi eine Kommission bei einem Immobiliengeschäft verweigert, mit der er Behandlungskosten für seine kranke Adoptivtochter bezahlen wollen.
Caritas in veritate.
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