Von Annette Langer
Beyan* sieht gut aus. Schlanke weiße Hände, melancholischer Künstlerblick, perfekt sitzende Lederjacke. Keine Narbe durchzieht das glatte Gesicht, der 25-Jährige lächelt verhalten. Beyan könnte Bankangestellter sein oder Berater, freundlich und zuvorkommend, einer von Millionen Zugereisten, die sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut haben.
Doch der junge Mann aus Syrien ist nichts dergleichen, denn er hat ein Problem: Er kann seine Haustür in Berlin nicht aufschließen, weil das Geräusch des sich drehenden Schlüssels ihn in Panik versetzt. Er hat Angst vor Autos, vor seinen Gedanken und Erinnerungen, Angst vor seinem eigenen Schatten.
Irakisches Folteropfer, Uno-Sonderbotschafterin und Flüchtlingsaktivistin Angelina Jolie: Wunden am ganzen Körper
"Sie waren wie die Wölfe", beginnt Beyan seinen Bericht. "Sie" - die Männer mit den Masken, die Männer mit der Macht, die Folterknechte des syrischen Militärgeheimdienstes in Damaskus. Im März 2006, sagt Beyan, habe er auf einer Gedenkfeier für die Opfer eines Massakers in der Stadt Qamischli im Nordosten Syriens Gedichte vorgetragen. Kritische Polit-Lyrik, die Gerechtigkeit für die etwa eineinhalb Millionen Kurden im Land forderte.
Nach dem spurlosen Verschwinden zwei seiner politisch aktiven Brüder habe er die Versammlungen der radikalen Yekiti-Partei besucht und nach Antworten gesucht. Die bekam er nicht. Stattdessen sei er festgenommen und in das berüchtigte Verhörzentrum Freh' Filistin in der Hauptstadt Damaskus gebracht worden. Am Anfang habe er mit siebzig anderen Häftlingen in einer Gemeinschaftszelle gesessen. Danach Einzelhaft, in einem dunklen Loch, zu eng zum Sitzen und Liegen. Regelmäßig sei er zu Verhören abgeholt worden: "Jedes Mal, wenn die Tür aufging, hab ich gedacht, am liebsten wäre ich tot."
Fragen habe man ihm gestellt, endlos wiederholte Fragen, auf die er keine Antwort wusste: "Sie schleppten mich in eine Zelle, wo ich mich ausziehen musste", sagt er leise. Von überall habe er die Schreie der anderen Gefolterten gehört, die Menschen um ihn herum nur noch als schwarze Silhouetten wahrgenommen.
"Sie banden meine Arme und Füße an eine Eisenstange. Dann schlugen sie mich, immer wieder, von allen Seiten." Die bevorzugte Foltermethode im Gefängnis von Damaskus sei die sogenannte Dullap gewesen - dabei wird der Inhaftierte in völlig verrenkter Körperhaltung in einen Autoreifen gezwängt, dann im Kreis gedreht und mit Knüppeln malträtiert.
Quälende Bilder
Auch Elektroschocks seien in Freh' Filistin an der Tagesordnung, sagt Beyan: "Wenn sie den Strom anschalten, kannst du nicht mehr reden und bist total wehrlos. Danach bist du so erschüttert, dass du mit dir selbst nicht mehr klarkommst", sagt er und verbirgt sein Gesicht in den Händen. "Sie haben mich so fertiggemacht, dass ich das Vertrauen in die Menschen verloren habe."
Seit knapp zwei Jahren ist Beyan in Deutschland. Seine Frau lebt bei ihm, auch die beiden Kinder, von denen das jüngste erst sechs Monate alt ist. Zwei seiner Brüder sind tot, weil ihre Körper der Folter nicht standhielten. Tot wie die Schwester, die sich das Leben nahm. Tot wie der Vater, der die Mutter mit dem Schmerz über die verlorenen Söhne allein ließ. Den Söhnen, die in den Krieg zogen für einen Kurdenstaat und für immer verschwanden.
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat Beyans ersten Asylantrag 2007 abgelehnt. Das Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin (bzfo) erstellte ein Gutachten - jetzt läuft der Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens. Beyan hat kaum Beweise für seine Geschichte. Er hat nur seine Worte, die den Behörden beweisen sollen, dass er gefoltert wurde.
Beyan ist Schneider, er liebt seinen Beruf, kann ihn aber derzeit nicht ausüben. Zwar fand er einen Job, der ihm vier Euro in der Stunde einbringen sollte. Die Behörden verweigerten auf Grund seines ungeklärten Aufenthaltsstatus' jedoch die Zustimmung. Beyan würde gern etwas tun, für einige Stunden am Tag die Bilder vergessen, sagt er, die Gedanken zur Seite schieben, die ihn quälen.
Für Psychotherapeutin Gisela Scheef-Maier vom Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) ist das ein tägliches Dilemma: "Traumatisierte können sich nur stabilisieren, wenn sie sich sicher und geschützt fühlen. Solange der Aufenthaltsstatus ungeklärt ist, sind sie jedoch ständig in Angst, in die Heimat zurückkehren zu müssen. Das ist aus therapeutischer Sicht kontraproduktiv."
Gerade Menschen, die lange Zeit inhaftiert waren und gefoltert wurden, würden sich zurückziehen, weil ihr Urvertrauen zerstört sei. Das Schweigen der Opfer sei verständlich, aber in den Asylverfahren fatal, weil sie nicht in der Lage sind zu beschreiben, was mit ihnen passiert ist, sagt Scheef-Maier: "Deshalb kommt es häufig zu Fehlentscheidungen."
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...... Es müßte viel, in Wirklichkeit wird ein Autoabsatzrückgang viel ernster genommen, als die willentliche Verletzung eines Menschen. Wäre dies umgekehrt, würden Regierungschefs lautstark die Folter und Demütigung in [...] mehr...
Eigentlich geht es hier ja um einen konkreten Fall eines Menschen, der laut Artikel, gefoltert wurde und versucht Asyl in Deutschland zu erlangen! Die humanitäre Pflicht gebietet es uns diesem Menschen zu helfen! Jetzt kann man [...] mehr...
Hm...deine Definition von Folter ist recht eng auf da Zufügen von körperlichen Schäden gefasst, würde ich meinen. Eine Masse der heute üblichen Foltermethoden basieren aber psychischen Ängsten und Druck, weil diese oft weitaus [...] mehr...
Wie beweist man den Folter? Ich halte es fuer unmenschlich von einem Gefolterten zu verlangen, den Beweis zu fuehren, dass die Narben auf seinem Schwaxx von Elektrofolter stammen etc. Viele Foltermethoden hinterlassen keine [...] mehr...
Das Problem ist aber, dass alle diese Laender das gleiche Argument bringen. Irgendein Land muss diese Menschen aufnehmen, warum also nicht eines der reichsten Laender der Erde wie Deutschland? Wir geben Abermilliarden fuer den [...] mehr...
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