Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



G-8-Gipfel in L'Aquila 2009

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08.07.2009
 

Gipfel-Ort L'Aquila

"Yes, we camp"

Von Alexander Smoltczyk, Rom

Großes Kino zwischen Trümmern: Gutgelaunt empfängt Italiens Premier Berlusconi die Mächtigen der Welt - in einer Kaserne der Erdbebenstadt L'Aquila. Die mehr als 50.000 Obdachlosen verkommen zu Randfiguren, einzig Gast Gaddafi zeigt sich solidarisch. Er übernachtet im Beduinenzelt.

Diesen Gipfel hätte Federico Fellini nicht besser inszenieren können. Eingeschlossen in einer Kaserne der Finanzpolizei treffen sich die Mächtigen der Welt, umgeben von den Trümmern einer durchs Erdbeben zerstörten Stadt mit dem Namen "Der Adler". Trümmer, die alle paar Stunden noch stauben, wenn der Boden wieder zuckt.

Der G-8-Gipfel als Camping-Urlaub: Das Zelt des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi vor der Kaserne der Guardia di Finanza in L'Aquila
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dpa

Der G-8-Gipfel als Camping-Urlaub: Das Zelt des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi vor der Kaserne der Guardia di Finanza in L'Aquila

Ein strahlender, mehrfach gelifteter Gastgeber mit falschem Haar, der mit allem Ernst und aller Entschlossenheit gegen Korruption und Steueroasen vorzugehen verspricht, obwohl er selbst mehrfach wegen solcher Delikte angeklagt wurde. Und mittendrin in der Szenerie noch ein Original-Beduinenzelt, weil ein ebenfalls angereister Revolutionsführer aus der Wüste nicht ohne sein Zelt schlafen kann.

Großes Kino. Als gäbe es nicht schon genug Zelte im Erdbebengebiet.

Mehr als 52.000 Menschen sind obdachlos geworden und hausen nach wie vor in Notunterkünften, Hotels oder den blauen Zelten des Zivilschutzes. Und an dieser Zahl ändert sich seit Wochen kaum etwas. Das schürt den Unwillen der Bevölkerung. Und jetzt sehen sie, wie sie wegen des Gipfels aus ihrer Stadt ausgesperrt werden, wie sie Formulare ausfüllen müssen, um überhaupt zu ihren alten Häusern vorgelassen zu werden.

An gutem Willen fehlt es nicht. Auch neunzig Tage nach dem Erdbeben vom 9. April kommen die Helfer noch aus allen Regionen Italiens zu Wochenschichten in die Abruzzen. Aber der gute Wille der Freiwilligen wird arg strapaziert. Sonntagnacht zogen erstmals viertausend Entwurzelte durch die Trümmerstadt L'Aquila. Bürgermeister Massimo Cialente empörte sich über die Trägheit der Behörden: "Die wollen diese Stadt tot haben", sagte er und beklagte immense Verzögerungen in den Bauämtern. "Die Arbeiten haben bisher erst in sechs der 20 vorgesehenen Areale begonnen." Es sei ein Skandal, dass seine Bürger ab Januar wieder Steuern zahlen müssten.

Auf einer Banderole hinter ihm stand "Yes, we camp", in Erinnerung an die Bemerkung von Silvio Berlusconi bei einem seiner Besuche: "Man muss es eben nehmen wie ein Campingwochenende." Aber Provisorien haben in Italien einen Hang zur Ewigkeit. Man erzählt sich gern, dass in Messina noch die Behelfsbauten des Erdbebens von 1908 stehen.

"Anfangs war es wie in Chile, inzwischen ist es wie in Teheran", sagt Romina, eine junge Aktivistin, die seit der Katastrophe in einem Lager lebt. Es sei verboten, Flugblätter zu verteilen oder kritische Ausstellungen zu organisieren. Andere beklagen sich über die überall herumstehenden Polizisten, 1500 sollen es sein, die nichts Sichtbares für den Wiederaufbau tun.

Es ist ein Kontrast, der sich kaum auflösen lässt. Auf der einen Seite die logistische Meisterleistung, innerhalb von wenigen Wochen einen G-8-Gipfel vorzubereiten. Und andererseits die endlosen Wochen in den Zeltstädten.

Der Staat deckt die Kosten für den Hausbau. Gut. Aber was, wenn die Baufirma erst einmal 50.000 Euro Vorschuss verlangt? Und wenn der Kredit für das zerstörte Haus erst in einigen Jahren abbezahlt ist? Eine Familie möchte in ihr Haus der Kategorie A (leicht beschädigt und bewohnbar) zurück, darf es aber nicht, weil das Nachbarhaus einsturzgefährdet ist. Wieso wird es nicht eingerissen? Solche Geschichten gibt es unzählige.

Berlusconi hat versprochen, dass "maximal in einem Monat" drei von vier beschädigten Häusern wieder bewohnbar gemacht sein würden. Das hat er am 18. April gesagt. Vor fast drei Monaten.

Wer irgend konnte, hat sich ohnehin selbst geholfen. Bisweilen sieht man in den Dörfern Blockhütten aus dem Baumarkt, die auf eine Garage gesetzt sind oder in eine Ecke des Gartens. Da hat die Verwandtschaft zusammengelegt, damit die Großeltern nicht den ganzen Sommer aufs Dixi-Klo gehen müssen.

Es ist ein Leben als Bittsteller, auch wenn an alles gedacht worden ist. Es gibt Zeltkirchen, Zeltkindergärten und Zeltspielhallen. Es gibt eine Ausgabestelle für Hundefutter, die Zelte haben jetzt in der Juli-Hitze Klimaanlagen. Viele gehen aus den Camps zur Arbeit, sofern sie noch eine haben. Es gibt Kammerkonzerte und, in Onna, dem Epizentrum, auch ein Zelt, in dem eine Organisation namens "Islamic Relief" Unterricht in Arabisch anbietet. Die deutsche Botschaft in Rom hat "Hilfe für Onna" organisiert. Vor fast genau 65 Jahren hatte die Wehrmacht dort 17 unschuldige Zivilisten exekutiert. Am heutigen Mittwoch hat Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit Silvio Berlusconi den zerstörten und noch immer in Trümmern liegenden Ort inspiziert.

Währenddessen regt sich der Untergrund wieder. Die Wahrscheinlichkeit eines Erdstoßes der Stärke vier hat sich laut Angaben des "Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie" im Juni auf 30 Prozent erhöht.

Falls es zu einem Beben dieser Stärke kommt, wird das G-8-Treffen abgebrochen, nicht verlagert, wie zuerst gemeldet. Die Staatschefs werden sofort mit dem Helikopter evakuiert, für die Delegationen ist eine Zeltstadt vorbereitet.

Und Muammar al-Gaddafi ist sowieso immer in Sicherheit mit seinem Beduinenzelt.

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