Caen - Das Leben als Held war für Howard Manoian sehr angenehm. In der Kneipe des nordfranzösischen Dorfes Sainte-Mère-Eglise bekam der 84-jährige US-Veteran Freibier, die Gäste hörten sich bewundernd seine Kriegsgeschichten an. Der Bürgermeister errichtete ihm eine Gedenktafel, Frankreich nahm ihn in die Ehrenlegion auf. Doch nun ist der Traum zerplatzt. Seine Geschichte über den heroischen Einsatz bei der Befreiung der Normandie war wohl frei erfunden - und Manoian verließ Frankreich fluchtartig.
"Ich kann es noch immer nicht glauben", sagt Marc Lefèvre, der Bürgermeister von Sainte-Mère-Eglise. "Hier war er bekannt wie ein bunter Hund." Dafür hat Manoian, der seit 1984 einen Teil des Jahres in Frankreich lebte, selbst gesorgt. Er erzählte seine Geschichte immer wieder - so lange, bis sie alle glaubten.
Manoian gab sich als Mitglied der berühmten 82. US-Luftlandedivision aus. Seinen eigenen Schilderungen zufolge sprang er Anfang Juni 1944 mit dem Fallschirm hinter den feindlichen Linien über der Normandie ab und kämpfte dann in Sainte-Mère-Eglise gegen die Deutschen, die von den Alliierten von der Kanalküste zurückgedrängt wurden. Zweimal sei er dabei durch Schüsse verwundet worden.
Manoian war ein stolzer "Held": Er trug die Abzeichen der Fallschirmspringerdivision auf der Jacke und am roten Barett, auch seinen alten Renault und sein Haus im Nachbarort von Sainte-Mère-Eglise zierten die Insignien der Truppe. Französische und ausländische Medien interviewten den Kriegsveteranen regelmäßig zum Jahrestag der Landung der Alliierten am 6. Juni.
Nun bereitete die US-Zeitung "Boston Herald" der Legende ein Ende. Sie suchte in US-Militärarchiven und fand Manoian zwar - allerdings nicht als Fallschirmspringer. Tatsächlich war er demnach Soldat in einer Einheit zur Abwehr von Chemiewaffen und kam mit dem Schiff in der Normandie an. Im Kampf schwer verletzt wurde er der Zeitung zufolge auch nicht: Er hat sich lediglich einmal einen Finger gebrochen, ein Unfall.
Den Historiker Christophe Prime, der in der Weltkriegsgedenkstätte der Stadt Caen arbeitet, überrascht Manoians Geschichte nicht. Viele Veteranen erzählten, "dass sie zu der und der Zeit an der Front waren, obwohl das nicht stimmt", sagt er. Manche lebten sich so sehr in diese Legenden hinein, "dass sie sie am Ende selber glauben".
Zweifel an Manoians Geschichte gab es schon länger, aber niemand wollte sie glauben. "Ich dachte, dass dahinter Rivalitäten zwischen Veteranenverbänden stecken", sagt Bürgermeister Lefèvre. Er weist sich und seinen Landsleuten auch selbst Schuld zu. "Wir haben derart großen Respekt für die Veteranen, vielleicht zu viel." Andererseits könne er aber auch nicht die Vergangenheit jedes Kriegsteilnehmers überprüfen, den er treffe.
Im Ort hat Manoian noch immer Freunde. "Ich hoffe, dass es falsch ist", sagt Huguette Joret, die bei sich zu Hause Veteranen aufnimmt, wenn sie zu Besuch kommen. "Howard bleibt mein Freund", betont der Wirt der Dorfkneipe, Roger Coueffin: "Er ist in die USA zurück, um nach Beweisen für die Wahrheit seiner Geschichte zu forschen." Bis Klarheit herrscht, will Coueffin die Bilder von Howard in seinem Lokal nicht von der Wand nehmen.
Doch wirklich kämpfen will der angebliche Kriegsheld offenbar nicht mehr. Wird er von Journalisten in den USA angerufen, legt er einfach auf.
siu/AFP
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH