Von Michael Scholten, Phnom Penh
Die Forderung der kambodschanischen Regierung, die Internetseite zu schließen und die Online-Wahl zu stoppen, will er aber nicht erfüllen: "Web-Seite und Fotos sind kein kambodschanisches Eigentum." Die Abstimmung soll bis zum 3. Dezember weitergehen. Bislang haben sich mehr als 2300 Besucher aus 40 Ländern an der Wahl beteiligt.
Neth Pheaktra, Leiter des nationalen Ressorts der Tageszeitung "The Phnom Penh Post", verspricht: "Im Dezember werden wir auf jeden Fall über die Siegerin berichten." Sanktionen durch die kambodschanische Regierung befürchtet er nicht: "Wir leben in einem freien Land." Seit Anfang August berichtet die Zeitung fast täglich über das Verbot der "Miss Landmine"-Ausstellung. Auch druckte sie die Fotos, die nach Ansicht des Premierministers "die Würde und die Ehre der Behinderten" verletzen.
Zudem räumte die "Phnom Penh Post" Traavik am letzten Montag 124 Zeilen für einen "offenen Brief an die vergessenen Kandidatinnen" ein. Darin beschuldigte dieser die kambodschanische Regierung, sich politisch in eine "totalitäre Richtung" zu bewegen. Die Redakteure der Zeitung stehen auf der Seite des Norwegers. "Sein Wettbewerb trägt dazu bei, den Minenopfern ein neues Selbstwertgefühl zu geben", so der kambodschanische Reporter Sam Rith.
In seinen Artikeln kamen bislang aber vor allem die Kritiker des Projekts zu Wort. Darunter Kek Galabru, die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Licadho. Sie hält das Projekt für einen "fragwürdigen Ansatz auf Kosten der Opfer". Chris Minko von der kambodschanischen Rollstuhl-Volleyball-Liga sieht vor allem in der Wahl eines Schönheitswettbewerbs "eine Herabsetzung für Frauen" - egal ob sie behindert sind oder nicht.
Gestärkt wird diese Haltung durch das generelle Verbot, das Premierminister Hun Sen im September 2006 gegen Miss-Wahlen in Kambodscha erlassen hat. Das Land müsse das Geld für wichtigere Dinge wie die Bekämpfung der Armut ausgeben, sagte er damals.
"Miss Landmine"-Fotos gingen per Luftfracht nach Oslo
"Miss Landmine"-Kandidatin Song Kosal, die beim Wettbewerb Phnom Penh vertritt, wirkt eingeschüchtert. Nach zweimaliger Anfrage ist sie dann aber doch bereit, am Telefon ein kurzes Statement abzugeben: "Ich bin sehr enttäuscht über das Verbot der Ausstellung", sagt sie. "Ich nehme, wie alle anderen Kandidatinnen auch, freiwillig an diesem Wettbewerb teil. Einerseits, weil ich Spaß daran habe, andererseits, weil ich eine wichtige Botschaft loswerden will: Die Landminen zerstören Leben und müssen eliminiert werden. Nicht nur in Kambodscha, sondern überall auf der Welt."
Nico Mesterharm überraschen die kontroversen Ansichten über das "Miss Landmine"-Projekt nicht. "Wir wussten, dass die geplante Ausstellung grenzwertig ist, und waren auf viele Diskussionen vorbereitet. Es ist allerdings ein Unterschied, ob man eine Kunstaktion nicht mag oder ob man sie verbietet." Mit Kritik an der kambodschanischen Regierung hält Mesterharm sich zurück. "Das ist unser erstes Ausstellungsverbot, seit wir das Meta House im Januar 2007 eröffnet haben. Kambodscha ist für uns Künstler eines der freiesten Länder Asiens, aber es gibt halt Grenzen." Dazu gehöre auch die Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit.
Im Meta House wurde in dieser Woche eine Ausstellung mit experimentellen Werken dreier junger Franzosen eröffnet. Die gerahmten "Miss Landmine"-Fotos, die eigentlich an den Wänden hängen sollten, sind ungesehen per Luftfracht nach Oslo geschickt worden.
Dort sitzt Morten Traavik und beantwortet täglich per Telefon und E-Mails Fragen von Journalisten aus aller Welt. Unbezahlte PR, die es ohne das Verbot der Ausstellung vermutlich nie gegeben hätte. Und nicht zuletzt ist der Streit mit der kambodschanischen Regierung wertvoller Stoff für die Dokumentation, die ein kanadisches Filmteam seit Dezember 2008 über "Miss Landmine" dreht.
Die Zukunft der "Miss Landmine"-Reihe ist übrigens beschlossen. "Bevor ich unser nächsten Land ankündige, will ich erst 'Miss Landmine Cambodia' abschließen", sagt Traavik SPIEGEL ONLINE, "aber ja, wir führen bereits Untersuchungen durch und wollen den Wettbewerb, im Anschluss an Afrika und Asien, beim nächsten Mal auf einem anderen Kontinent durchführen."
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