Von Barbara Hans
Hamburg - Wenn Bart Rouwenhorst über Rothaarige spricht, gerät der niederländische Künstler ins Schwärmen. Sie seien "etwas Besonderes", würden sich "von der Masse abheben", seien "verletzlich", besäßen aber häufig zugleich eine "besondere Willensstärke".
Fragt man Rouwenhost aber, was er ansonsten mit den Rotschöpfen assoziiert, wird es weniger poetisch: "Sie bekommen schnell einen Sonnenbrand und sind von Kindesbeinen an daran gewöhnt, 'Leuchtturm' genannt zu werden."
Rouwenhorst weiß so gut wie kaum ein anderer, wovon er spricht, dreht sich sein Leben doch seit rund vier Jahren um die Feuerköpfe. Rouwenhorst ist für die Rothaarigen, was der WWF für die Tierwelt ist. Er kämpft um den Artenschutz.
Zu diesem Zweck veranstaltet er in Breda das Welttreffen der Rothaarigen. An diesem Wochenende werden 4000 Rotschöpfe in der niederländischen Stadt erwartet, dazu kommen noch einmal doppelt so viele Sympathisanten.
Rouwenhorst organisiert das Stelldichein bereits zum vierten Mal, angefangen hat alles 2005. "Damals habe ich mir ein Thema für meine Bilder gesucht", sagt der Maler SPIEGEL ONLINE. "Ich habe an Künstler wie Klimt und Rosetti gedacht und mir überlegt, mich rothaarigen Frauen zu widmen." Was folgte, war die Suche nach Modellen.
"Rothaarige Frauen gibt es viele, aber ich habe nach natürlich Rothaarigen gesucht. Da wurde es schon schwieriger." Rouwenhorst durchkämmte Bars und Cafés. Doch die Ausbeute blieb mager. Im Schummerlicht der Kneipen war so mancher Treffer dabei, der sich im Tageslicht als gefärbter Fake entpuppte. "Echte Rothaarige erkennt man an ihrer Haut."
"Sie sind etwas Besonderes"
Freunde schalteten schließlich eine Anzeige in einer Zeitung. Und, siehe da, der Zuspruch war enorm. Rouwenhorst konnte zwischen 150 Modellen wählen - und machte schließlich ein Gruppenfoto. Die Resonanz war überwältigend, die Frauen baten um ein weiteres Treffen.
Seither kommen Rothaarige aus allen Teilen der Welt, Männer wie Frauen, in Breda zusammen. "Sie kommen nicht meinetwegen, sie kommen, um sich zu treffen, weil sie zu einer seltenen Spezies gehören", sagt Rouwenhorst.
Nur bis zu zwei Prozent der Weltbevölkerung sind rothaarig. Forscher gehen davon aus, dass es auch unter den Neandertalern schon Rotschöpfe gab. Verantwortlich für die außergewöhnliche Farbe der Haare ist der Farbstoff Melanin. Das Pigment kommt in zwei Variationen vor. Eine davon ist das Phäomelanin, das blondem und rotem Haar seine charakteristische Färbung gibt.
Wissenschaftler befürchten, dass die Rothaarigen bis zum Jahr 2100 aussterben könnten. Der Grund: Damit ein Kind rote Haare bekommt, müssen in der Regel beide Elternteile rot - oder zumindest hellhaarig sein. Diese Konstellation gibt es jedoch selten.
Sie sind für die anderen nur die "Leuchttürme"
Grund genug, miteinander solidarisch zu sein. Ein Teilnehmer reist seit Bestehen des "Redhead Days" aus Mexiko an, wo es landesweit nur drei Rotschöpfe gibt. "Denn die kennt er alle", sagt Rouwenhorst. "Sie gehören nämlich zu seiner Familie."
In Breda gibt es wissenschaftliche Lesungen, Ausstellungen, gemeinsame Picknicks, speziell dekorierte Schaufenster. Alles dreht sich um die Haarfarbe, man trifft sich, weil man das gleiche Schicksal teilt. "Seit sie denken können, werden sie gehänselt. Rothaarige fallen immer auf. Egal, was sie machen und egal, ob ihnen die Aufmerksamkeit recht ist. Hier können sie die Erfahrungen teilen."
Das klingt fast ein wenig nach Selbsthilfegruppe: In Gesprächen über Sommersprossen, Sonnenbrand und die fiesesten Hänseleien baut man einander auf.
Neben diversen Legenden sind inzwischen einige Besonderheiten der Rothaarigen auch wissenschaftlich belegt: Häufig sind sie bei einer Operation schwieriger zu betäuben als andere Menschen, sie haben auch deutlich weniger Haare als der Durchschnittsblonde oder die Durchnittsbrünette auf dem Kopf.
Mythenumwoben waren die rothaarige Frauen nicht nur im Mittelalter. Ein französisches Sprichwort besagt, sie seien entweder gewalttätig oder hinterlistig - meist aber beides.
Ganz frei von der Anziehungskraft der Legenden ist allerdings auch Organisator Rouwenhorst nicht. Rothaarige seien einer neuen Studie zufolge sinnlicher, für andere Menschen attraktiver - und haben angeblich mehr Partner als die Blonden oder Brünetten.
"Wenn ich gewusst hätte, was ich mir mit den Treffen aufhalse, hätte ich die Finger davon gelassen", sagt Rouwenhorst rückblickend. Organisation, Finanzierung, Logistik für 12.000 Besucher - kein leichtes Unterfangen. Ihn quält vor allem eine Sorge: "Normalerweise finden Eltern ihre rothaarigen Kinder in der Menge sofort. Aber am Wochenende? Ich habe Angst, dass es am Ende ein riesiges Durcheinander kleiner, verlorener rothaariger Kinder gibt."
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