Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



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09.09.2009
 

Deutscher Afghanistan-Einsatz

"Keine Friedensmission, sondern Krieg"

Die Medizinerin Heike Groos war jahrelang als Bundeswehrärztin in Afghanistan stationiert. Mit dem SPIEGEL sprach sie darüber, wie dieser Kriegseinsatz sie verändert hat, über den unmenschlichen Umgang mit traumatisierten Veteranen und den Ärzteschwund bei der Bundeswehr.

SPIEGEL: Frau Groos, bei Ihrem ersten Einsatz in Afghanistan 2002 kamen Sie sich vor wie in einem Pfadfinderlager. Wann war es mit der scheinbaren Idylle vorbei?

Heike Groos: Der erste Tote hat mich aus dieser Stimmung gerissen. Es geschah bei meinem zweiten Einsatz in Kabul, ich war erst eine Woche da und hatte erwartet, dass es sein würde wie beim ersten Mal: viel Sonne, wunderschöne Landschaften, nette Kameraden, und es wird schon nix passieren. Aber dann fuhr einer unserer Jeeps über eine Mine und flog in die Luft. Ein junger Soldat war sofort tot. Sein Körper war nur noch Brei. Den haben sie natürlich zu uns ins Lager zurückgebracht, in den Sanitätspanzer, aber keiner wollte die Leiche untersuchen. Als Chefin fragt man in so einer Situation nicht lange herum, man macht es eben selbst. Als ich in den Panzer stieg und dort plötzlich ganz allein war mit diesem toten, schlaksigen, dunkelhaarigen Jungen, der mich an meinen ältesten Sohn erinnerte, da hab ich erst kapiert, wo ich gelandet war.

SPIEGEL: Wie sind Sie von der Bundeswehr auf Afghanistan vorbereitet worden?

Groos: Kurz nach dem 11. September 2001 rief das Verteidigungsministerium bei mir an: 'Wir brauchen Ärzte, die nach Afghanistan gehen, wollen Sie nicht zur Bundeswehr zurückkommen?' Ich dachte erst, das sei ein Scherz. Nach dem Studium hatte ich vier Jahre als Zeitsoldatin in einer Kaserne gearbeitet, aber das war schon elf oder zwölf Jahre her. Inzwischen hatte ich fünf Kinder bekommen und arbeitete freiberuflich als Notärztin. Aber eine feste Anstellung und das soziale Netz der Bundeswehr erschienen mir verlockend. Ich sollte als Truppenärztin in Gießen arbeiten und nur manchmal, kurz, für ein paar Wochen nach Afghanistan reisen, um die Truppen dort zu versorgen. Das klang unproblematisch.

SPIEGEL: Wie sah Ihr Alltag in Afghanistan aus?

Groos: Am Anfang war alles sehr nett. Ich wurde als Notärztin auf dem "Besetzten Arzt-Trupp" eingesetzt, einem militärischen Notarztwagen. Wir haben die Patrouille auf ihrer Fahrt durch die Stadt begleitet, oder Aufklärungskompanien bei ihren Einsätzen, und wir waren auf der Schießbahn dabei, wenn die Soldaten trainierten. Es war eine ganz normale Routine. Es war nicht fühlbar, dass da draußen ein Krieg stattfand. Viele Gebäude in Kabul waren zerstört, aber es herrschte eher eine Nachkriegsstimmung. Die Afghanen waren froh, uns zu sehen, sie winkten und lächelten, wenn wir vorbeikamen, und wir wurden oft zum Tee eingeladen. Wir waren das Symbol für die Befreiung von den Taliban - die ISAF-Truppen, die alles wieder aufbauen. Die Stimmung in der Stadt war fröhlich.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schildern Sie, wie sich das langsam verändert habe: Der Kontakt zur Bevölkerung sei unterbunden worden, und die Deutschen seien immer mehr aufgetreten wie eine Besatzungsarmee. Wie kam das?

Groos: Nach dem ersten Terroranschlag, der direkt gegen uns gerichtet war, haben wir uns stark verändert. Ein Selbstmordattentäter hatte einen unserer Busse in die Luft gejagt, vier Soldaten kamen dabei ums Leben, viele wurden schwer verletzt. Danach waren wir vorsichtiger, angespannter, misstrauischer. Auch bei den Einsatzkompanien hat sich die Stimmung verändert. Wobei es gar nicht die gleichen Soldaten waren, es sind ja immer neue aus Deutschland nachgekommen. Aber die Neuen waren offensichtlich ganz anders vorbereitet worden. Die stiegen aus dem Flugzeug und fragten: Wo sind die Taliban? Wir wollen kämpfen! Manche waren ganz deprimiert, wenn sie zu normalem Wachdienst eingeteilt wurden.

SPIEGEL: Wie hat sich der Kontakt zur Bevölkerung gewandelt?

Groos: Sehr stark. Am Anfang haben die Patrouillenführer noch Geld bekommen, um in der Stadt einzukaufen und Kontakte zu knüpfen. Wir von der Sanität gingen am Anfang in Krankenhäuser und Arztpraxen und haben Patienten behandelt oder Medikamente gebracht. Wir dachten, die Menschen, denen wir helfen, würden nicht auf uns schießen. Das alles hat sich schleichend verändert. Uns Sanitätern wurde verboten, mit einheimischen Ärzten zu arbeiten. Es war ein schwieriger Balanceakt. Auf der einen Seite sollten die Truppen Präsenz zeigen, anderseits durften wir keine Kontakte pflegen.

SPIEGEL: Wie haben Sie selbst sich verändert?

Groos: Ich bin dünnhäutiger geworden. Durch die zunehmende Bedrohung, die Kameraden, die verletzt wurden und gestorben sind - nicht bei Unfällen, sondern durch Gewalt. In gewisser Weise bin ich aber auch härter geworden. Wenn heute zum Beispiel jemand meine Kinder angreifen würde, könnte ich ihn eiskalt erschießen und in der folgenden Nacht gut schlafen. Ob mir das jetzt Angst machen sollte oder nicht, weiß ich nicht.

SPIEGEL: Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in Afghanistan?

Groos: Das war dieses Selbstmordattentat auf unseren Bus im Juni 2003. Wir wussten erst gar nicht, was passiert war, nur, dass es ein Busunglück mit vielen Verletzten gegeben hatte. Das erste, was ich an der Unglücksstelle sah, war ein Bein in unserer Uniform mit einem Stiefel dran. Ich wunderte mich noch, dass die Afghanen auf einmal unsere Klamotten trugen. Dann habe ich den Blick gehoben und tausend Leute gesehen, die wild durcheinanderrannten, und hinten im Feld lag unser Bus und war ein Wrack. Da habe ich erst begriffen, dass es unsere Leute waren, die verunglückt waren. Es herrschte das totale Chaos, keiner der Sanitäter hatte einen Überblick.

SPIEGEL: Waren die Sanitäter auf solche Vorfälle denn nicht vorbereitet?

Groos: Nein. Die meisten Ärzte bei der Bundeswehr waren vor 2003 notärztlich unerfahren. Es ist ja auch nie etwas passiert. Die Bundeswehr war ja nie im Krieg, sie war auf so etwas nicht eingestellt. An einigen Stellen war sie in den zivilen Rettungsdienst eingebunden, und dort haben Notärzte und Sanitäter dann auch praktische Erfahrungen gesammelt. Aber das war eher die Ausnahme.

SPIEGEL: Was haben Sie dann getan?

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ZUR PERSON

Jörg Steinmetz
Heike Groos, 49, diente mehrmals als Zeitsoldatin bei der Bundeswehr. Von 2002 bis 2007 verbrachte sie insgesamt zwei Jahre als Oberstabsärztin in Afghanistan. In ihrem Buch "Ein schöner Tag zum Sterben"*, das diese Woche erscheint, schildert sie die Hilflosigkeit der Sanitäter angesichts der zunehmenden Bedrohung.










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