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09.09.2009
 

Komasauf-Therapie

"Der Alkohol ist meine Freundin, die große Liebe"

Von Annette Langer

Legale Drogen: "Spiel mit Druck und Gegendruck"
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ddp

Sie glühen vor, tanken voll, erbrechen - und trinken dann ungerührt weiter: In einer Kinderklinik in Hannover werden jugendliche Kampftrinker therapiert. Warum ist der gewollte Kontrollverlust Trend? Und wann ist der endlich vorbei? SPIEGEL ONLINE hat das "Teen Spirit Island" besucht.

Hannover - "Mein erstes Bier hab ich mit sechs getrunken", erinnert sich Marcel, heute ein großer und kräftiger 17-Jähriger mit raspelkurzem Haar und trotzig vorstehender Unterlippe. Damals habe er noch bei seinen leiblichen Eltern gelebt, großen Durst gehabt, aber "irgendwie kein Wasser im Haus gefunden".

"Voll räudig" habe das geschmeckt, nicht so gut wie heute. Dem Vater sei das egal gewesen, denn der war Alkoholiker und verprügelte ihn regelmäßig mit einem Stromkabel. Die Mutter war an Schizophrenie erkrankt und damit beschäftigt, den sadistischen Übergriffen ihres Mannes zu entkommen. So richtig losgegangen mit dem Trinken sei es ohnehin erst mit elf, zwölf. Aufgehört hat es bis heute nicht.

"Das Gefühl, breit zu sein, ist geil", sagte er, "aber wenn ich total abstürze und mich nicht mehr bewegen kann, ist das nicht so toll."

Wegen seiner massiven Suchtprobleme wird Marcel derzeit im Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover stationär behandelt. Vor dem Gebäude des Therapiezentrums steht ein riesiger, nach Honig duftender Schmetterlingsflieder. Hunderte Pfauenaugen und Zitronenfalter haben sich darauf niedergelassen und zappeln aufgeregt mit den Flügeln. Das könnte eine schöne Metapher sein, für Verwandlung, Heilung und Neubeginn. Doch der Weg in ein drogenfreies Leben ist hart - und verlangt Entscheidungen.

"Vom Professorentöchterchen bis zum Hartz-IV-Empfänger"

Mehr als 600 minderjährige Drogenabhängige wurden in den vergangenen zehn Jahren auf dem "Teen Spirit Island" behandelt. Eine interne Studie zur Wirksamkeit der Therapie zeigt, dass alkohol- und nikotinabhängige Jugendliche am meisten mit Rückfällen zu kämpfen haben. Demnach sind die Therapieerfolge bei den sogenannten harten Drogen größer als bei den legalen.

Oberarzt Christoph Möller wundert das nicht: "Alkohol ist heute in Deutschland so billig und frei verfügbar wie in kaum einem anderen Land der EU", empört sich der Psychiater. Die große "Griffnähe" in Supermärkten und Tankstellen, gezielte Werbung und extrem niedrige Preise führten dazu, dass die Kids immer wieder in Versuchung gerieten.

"Die Alkoholsteuer liegt hierzulande weit unter dem europäischen Durchschnitt. Die Jugendlichen kaufen sich eine Flasche Wodka für fünf Euro, kippen Brausepulver für ein paar Cent hinzu, fertig ist der Party-Mix." Komatrinken ist ein schichtenübergreifendes Phänomen, da sind sich die Experten einig. "Bei uns landen alle - vom Professorentöchterchen bis zum Hartz-IV-Empfänger", sagt Möller.

Marcels Entschluss, sich endlich in Therapie zu begeben, war nur bedingt freiwillig und hat viel mit seinem Lebenswandel der vergangenen Jahre zu tun. Nach Zusammenstößen mit Polizei und Justiz wusste er: "Wenn ich den Richtern nicht zeige, dass ich mich bessern will, lande ich für ein paar Jahre im Knast."

"Ich musste noch 'ne Runde drehen"

Weil ihm "langweilig" war, hatte Marcel in einem Jugendtreffpunkt mit einem Bunsenbrenner Feuer gelegt. Bei einer Prügelei stach er seinem Widersacher mit einem Messer in Hals und Bein. Als seine Adoptivmutter ihn vor die Wahl stellte, Therapie zu machen oder auszuziehen, lebte er zeitweise auf der Straße, hielt sich mit Einbrüchen und Diebstählen über Wasser.

Bis zu 15 Anzeigen gleichzeitig hatte Marcel am Hals. Eine Weile kam er mit Arbeitsauflagen davon, dann drohte der Jugendknast. Er entschloss sich zur Therapie und fand sie "sehr intensiv". Aber nicht immer. Erst vor kurzem wurde er von der Teen-Spirit-Insel verbannt, weil er sich "unkooperativ" zeigte. Er soll die Mitarbeit verweigert und Patienten gegen die Ärzte aufgehetzt haben. "Mir wurde alles zu viel, da hab ich angefangen zu blocken", murmelt er in seine Hand, die er beim Sprechen vor den Mund hält.

Kaum in "Freiheit", ging alles von vorn los: Jede Menge Hochprozentiges, aber auch Kokain und Marihuana begleiteten Marcel durch den Tag. "Ich musste noch 'ne Runde drehen", sagt er lakonisch. Nach eineinhalb Monaten durfte er auf die Station zurückkehren, machte Gruppen- und Einzeltherapie, freundete sich zögerlich mit dem Gedanken an, den Hauptschulabschluss nachzumachen, denn "in der Schule war ich seit Jahren nicht mehr".

"Wie eine große Liebe"

Die Therapeuten in Hannover haben es nicht leicht mit Marcel, der so viele Drogen nimmt, wie sein Leben ihm Probleme aufbürdet. Und der, wie viele Gleichaltrige, orientierungslos ist. "Der Alkohol, die Drogen, sie sind wie eine Freundin für mich, meine große Liebe. Sie geben mir das Gefühl, etwas wert zu sein."

Doch was ist cool daran, dieselben Drogen wie die Eltern zu nehmen, die Kontrolle über sich und seine Körperfunktionen zu verlieren, im Suff zur Witzfigur zu werden? "Ich war zwölf und total blöd im Kopf, fand mich cool und erwachsen, wenn ich die anderen unter den Tisch gesoffen habe", sagt Marcel.

Wie er seinen Körper austrickste, immer wieder die Ekelgrenze überschritt? Marcel zuckt mit den Schultern. "Ich hab gekotzt, bin kurz zu mir gekommen und hab weitergemacht." Später sei ihm "sowieso nicht mehr schlecht geworden". Mit 14 fing er "mit Chemie an". "Wenn ich morgens verkatert aufgewacht bin, hab ich Amphetamine gezogen, dann war alles wieder gut."

Leistungsdruck und Turboentspannung

"Das Komasaufen ist ein Trend, der schon zu Beginn der neunziger Jahre eingesetzt hat", sagt der Soziologe Klaus Hurrelmann, Professor an der Berliner "Hertie School of Governance". "Die Jugendlichen suchen eine Art Turboentspannung, ähnlich wie bei Ecstasy, aber mit legalen Mitteln", so der Jugendforscher. Das sei eindeutig eine Reaktion auf die allgemeine Temposteigerung: "Der Leistungsdruck im Kessel spielt eine große Rolle und erklärt, warum so viele Gymnasiasten unter den Kampftrinkern sind". Es bleibe allerdings ein Rätsel, warum sie Entgleisung und den völligen Kontrollverlust in Kauf nähmen.

"Die jungen Leute sollen immer mehr Leistung bringen, sind aber gleichzeitig perspektivlos - das weckt den Wunsch nach der totalen Dröhnung", sagt Patrick Schenk vom Hamburger Trendbüro. "Es ist ein Spiel mit Druck und Gegendruck." Der Trendforscher hält es für typisch, dass ausgerechnet die Generation der braven, angepassten Pragmatiker sich einer legalen Droge zuwendet: "Selbst beim Drogenkonsum dominiert der Effizienzgedanke, man setzt auf harte Sachen und maximalen Output, versüßt sich den Konsum aber mit zuckerversetzten Alko-Pops."

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insgesamt 824 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.02.2010 von Claus M.:

Der Verkauf / die Weitergabe von Bier an Minderjährige sollte verboten werden. Volljährige sind für sich selbst verantwortlich, und dürfen gerne pausenlos trinken. Wer sich in jungen Jahren jedes Wochenende betrinkt, ist nun [...] mehr...

19.02.2010 von deltacentauri: Letzteres!

Es ist ganz einfach: Die Rechnung für die Intensivstation zahlt nicht die Krankenkasse, sondern die Eltern. Da kommen schnell ein paar tausend Euro zusammen. Und wenn sie Hartz4 beziehen, wird das eben abgestottert. Und - o [...] mehr...

18.02.2010 von mimi1608:

Hier kamen schon viele Vorschläge, wie Kinder besser betreuen oder Alkohol unglaublich hoch besteuern. Ich halte von beiden Argumenten sehr wenig. Man kann nicht rund um die Uhr ein Kind bewachen und am Beispiel von Finnland kann [...] mehr...

14.02.2010 von murrle01:

Sie verkennen die Wirklichkeit! Und wenn Sie ein Dutzend Kinder als 0,x % Problemfälle, und als minimale Randgruppen bezeichen, spreche ich Ihnen jegliches Gefühl und Verständnis ab. Hoffe nur, das niemals eine Polizeistreife [...] mehr...

10.02.2010 von ehmaik:

Alkohol ist eben in Deutschland die billigste Droge! Sie ist gesellschaftsfähig und wird uns in schönen bunten Flaschen angeboten. Die beste Lösung wäre natürlich Alkohol so hoch zu besteuern damit es gerade mal für ein Glas Sekt [...] mehr...

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Komatrinken

Was Suchtexperten fordern

1. Höhere Besteuerung von Alkohol und Zigaretten

2. Alkoholabgabe erst ab 18 Jahren

3. Ein generelles Werbeverbot

4. Einführung der Null-Promille-Grenze im Straßenverkehr

5. Verzicht auf Prohibition, weil das die Schwarzbrennerei fördert

6. Einrichtung spezieller Liquor-Stores, die um 20 Uhr schließen

7. Tankstellen sollten nicht mehr rund um die Uhr Alkohol verkaufen, das schränkt Gelegenheitskäufe ein.

8. Gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol thematisieren

9. Lehrer und Eltern sollten ihren eigenen Alkoholkonsum kritisch hinterfragen und an ihre Vorbildfunktion denken.

10. Eltern sollen sich mit ihren Kindern auseinandersetzen, sie nicht vor Computer und TV alleinlassen und eine klare Haltung einnehmen.






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