Von Annette Langer
Von jeher werden Jugendliche in Deutschland auch von den eigenen Eltern an Alkohol herangeführt. Die Konfirmation oder eine Silvesterparty sind Anlässe, bei denen der Vater dem Sohn ein Bier reicht - bestenfalls: "In ländlichen Regionen greift man bei diesen Gelegenheiten gern gleich zu den harten Sachen, das ist ein Initiationsritus, der schlimme Folgen haben kann", warnt Suchtexperte Möller.
Früher waren die Kinder dabei 13 oder 14 Jahre alt. "Weil die Pubertät aber immer früher einsetzt, müssten die Eltern jetzt schon im Alter von etwa elf Jahren diesen Initiationritus einleiten - was sie aus verständlichen Gründen nicht tun", erklärt Experte Hurrelmann. "Also springt die Gruppe ein, die allerdings ist weder fürsorglich noch reflektiert im Umgang mit Alkohol."
Tatsächlich ist der altbekannte Gruppenzwang ein Phänomen, das noch immer zu Exzessen verleitet - auch im Internet, wo auf Plattformen wie YouTube Videos von unappetitlichen Wetttrinken zur Nachahmung animieren. Neu ist, dass jetzt auch die Mädchen nachziehen und sich in einem Akt falsch verstandener Emanzipation in die Bewusstlosigkeit katapultieren.
PR-Strategen polieren Alkohol-Image auf
Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung trinkt etwa ein Fünftel der Jugendlichen exzessiv. Im Jahr 2007 wurden mehr als 23.000 Minderjährige wegen akuter Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingewiesen. Eine dramatische Steigerung, die in seltsamem Kontrast dazu steht, dass junge Menschen insgesamt weniger Alkohol trinken als zuvor.
Die Gefahren des Komasaufens sind konkret: Wenn die Schutzreflexe ausfallen, wird beim Erbrechen nicht mehr abgehustet - es droht der Erstickungstod. Orientierungslosigkeit erhöht die Gefahr für Verkehrsunfälle, erhöhte Aggressivität und eine niedrige Hemmschwelle begünstigen Gewalttaten.
"Alkohol hinterlässt erhebliche Spuren in der Hirnstruktur, bis hin zum Hirnabbau", erklärt Suchtexperte Möller. "Je früher exzessiv getrunken wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, süchtig zu werden." Wer wie Marcel aus einer ohnehin alkoholbelasteten Familie komme, habe ein vier- bis zehnfach erhöhtes Risiko, in der Abhängigkeit zu landen.
"Der Umgang der Eltern mit Drogen wird vom Nachwuchs sehr genau registriert und zwar schon im Kindesalter", weiß Professor Hurrelmann. "Während Zigaretten inzwischen als Unterschichtendroge weitgehend verpönt sind, hat der Alkohol die Kurve gekriegt, weil er in immer neueren Formen auf den Markt kommt", sagt Jugendforscher Hurrelmann. Über Werbung, Produkt- und Preisgestaltung sei es den PR-Strategen gelungen, die Attraktivität des Alkohols zu steigern und vom traditionellen Erwachsenenkonsum abzukoppeln. Als 2004 die sogenannte Alkopop-Steuer eingeführt wurde, ging deren Konsum massiv zurück - die Industrie reagierte sofort und produzierte stattdessen Wein- und Biermischgetränke.
"Wer einmal süchtig ist, den braucht man nicht mehr zu werben"
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), hat es angesichts einer mächtigen Alkohollobby nicht leicht: Sie konnte weder Warnhinweise für Schwangere auf Bierflaschen noch die Senkung der Promille-Grenze im Straßenverkehr durchsetzen. Auch ein geplantes TV-Werbeverbot für Alkohol scheiterte.
Dabei belegt eine repräsentative Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse vom Mai 2009 unmissverständlich, dass Minderjährige durch Werbung tatsächlich zu einem höheren Alkoholkonsum verleitet werden. "Wir haben heute im Internet, Fernsehen und in den Printmedien ein Werbeaufgebot, das es so vor 20 Jahren nicht gab", sagt Oberarzt Möller. Ganz gezielt würden Jugendliche umgarnt, denn die könne man noch an bestimmte Marken binden. Außerdem gelte: "Wer einmal süchtig ist, den braucht man nicht mehr zu werben."
Viele der Maßnahmen im Kampf gegen den Alkoholabusus greifen zu kurz oder sind umstritten: Die Drogenbeauftragte der CDU/CSU, Maria Eichhorn, ist der Meinung, jugendliche Trinker sollten mit einem fünfjährigen Führerscheinverbot bestraft werden. Auch ein Alkoholverbot in Bussen und Bahnen hält sie für angebracht. Die Stadt Freiburg hatte bereits ein Trinkverbot im Zentrum erlassen, musste dies nach einer Klage aber wieder aufheben.
In Niedersachsen schicken die Behörden minderjährige Polizeischüler zu Testkäufen in die Läden, um Verstöße gegen den Jugendschutz aufzudecken - ein Akt der Staatsspionage, ätzen Kritiker. Bei der Prävention wird es dünn mit den Konzepten - man setzt auf Online-Schulung für Tankwarte zum Jugendschutz oder die Einberufung von Drogenkontaktlehrern an den Schulen.
Hurrelmann warnt vor politischen Überreaktionen, findet aber restriktive Maßnahmen wie das Verbot von Flatrate-Partys richtig: "Sonst wird die Botschaft nicht verstanden".
Eines ist sicher, auch im Jammertal der jugendlichen Kampftrinker: Der Trend wird sich erschöpfen. "Man könnte eine Spanne von zehn Jahren annehmen - allerdings nur, wenn in dieser Zeit ein öffentlicher Sinneswandel stattfindet", sagt Hurrelmann. Die Diskussion läuft - ob sie die nötigen Veränderungen provoziert, bleibt abzuwarten.
Vermutlich ist bis dahin längst die nächste Modedroge im Anmarsch, "vielleicht eine Kombination von mehreren psychoaktiven Substanzen, Alkohol, Medikamenten oder Naturprodukten", vermutet der Forscher. Sicher sei dies aber nicht, denn "ein solcher Trend ist schwer zu steuern - selbst von der Industrie".
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