Von Karl-Ludwig Günsche, Johannesburg
Johannesburg - Der südafrikanische Leichtathletikverband Athletics South Africa (ASA) kennt weder Gnade noch Erbarmen. "Wer was von ihr will, muss zahlen", erklärt ASA-Boss Leonard Chuene ungerührt über den Star des Verbands, Goldmedaillen-Gewinnerin Caster Semenya. "Wir werden sie zum Markennamen aufbauen." Ein vom ASA ausgesuchtes Management-Team solle die junge Athletin vermarkten.
Einen Vorgeschmack auf die Vermarktung des in die Schlagzeilen geratenen Jung-Stars lieferte der Verband bereits: Die Rechte an der "Marke Caster" hat er exklusiv an das südafrikanische Magazin "You" verkauft. Das Blatt brachte eine Riesenstory, in der die Athletin zum Sex-Star herausgeputzt wurde. Auf dem Titel war sie mit Bob-Frisur, Make-Up und gepushten Brüsten abgebildet.
Gegen die Strategie der Verbandsoberen mehren sich jedoch Vorbehalte. Semenyas früherer Trainer Wilfreds Daniels, der wegen der Affäre zurückgetreten ist, greift die ASA-Funktionäre frontal an: "Mit der Siegen-um-jeden-Preis-Mentalität haben sie das Leben dieser jungen Frau zerstört. Sie haben immer nur an Medaillen gedacht und nicht daran, was sie Caster angetan haben."
Seit der australische Journalist Mike Hurst in der vergangenen Woche einen Bericht veröffentlicht hat, wonach die 18-jährige Goldmedaillen-Gewinnerin von Berlin ein Hermaphrodit sein soll, tobt in Südafrika die "Schlacht um Caster".
Hurt stützt sich auf bisher unter Verschluss gehaltene und nicht dementierte Untersuchungsergebnisse der Internationalen Leichtathletik-Föderation IAAF, die Semenya nach ihrem sensationellen Sieg bei der Berliner WM einem Geschlechtstest hatte unterziehen lassen. Seitdem ist die Diskussion, ob die Weltrekordlerin Mann oder Frau ist, zur Schlammschacht geraten.
"Vielleicht sollte sie nicht gewinnen, weil sie schwarz ist"
Der Vorsitzende des Sportausschusses in der südafrikanischen Nationalversammlung, Butana Komphela, sagt voll Mitleid: "Sie fühlt sich, als sei sie vergewaltigt worden. Sie hat Angst vor sich selbst und lässt niemanden mehr an sich heran. Wenn sie Selbstmord begeht, sind wir alle mitschuldig." Er habe am Sonntag mit ihr gesprochen. Semenya sage zwar, sie sei in Ordnung. "Aber ich konnte an ihrer Stimme hören, dass sie fast in eine Art Agonie verfallen ist. Sie ist schwer traumatisiert." Auch Ex-Coach Daniels sagt, Semenya sei in keiner guten Verfassung.
Semenyas Vater Jacob Semenya erklärte mit Tränen in der Stimme: "Ich habe sie gewickelt. Ich weiß, dass sie ein Mädchen ist." Auch ihre Mutter Dorcus Semenya ist tief verstört und empört über den Umgang der Sportfunktionäre und der Medien mit ihrer Tochter. "Wenn sie Zweifel an ihrem Geschlecht hatten, warum haben sie dann gewartet, bis sie die Medaille gewonnen hat?" fragt sie. "Ich kümmere mich nicht darum, was sie angeblich sein soll, Mann oder Frau. Ich bin ihre Mutter. Was mich empört ist, dass wir als ihre Eltern von niemandem darüber informiert worden sind, dass unsere Tochter getestet werden sollte. Sie haben sich wie Diebe verhalten, die in unser Haus eingebrochen sind und gemacht haben, was sie wollten." Was ihr aber wirklich das Herz breche, sei, dass auch Caster von niemandem darüber aufgeklärt worden sei, dass sie sich solch entwürdigender Tests unterziehen sollte. "Vielleicht sollte sie nicht gewinnen, weil sie schwarz ist", sagt die 60-Jährige verbittert.
Nach Angaben ihres früheren Trainers Wilfred Daniels musste die Leichtathletin sich bereits vor der Weltmeisterschaft auf Drängen des ASA einem Sex-Test unterziehen. Die ärztliche Untersuchung, bei der auch Fotos gemacht worden seien, sei so demütigend gewesen, dass Semenya hinterher "völlig verstört und verwirrt" gewesen sei. ASA-Verbandsarzt Harold Adams habe sogar empfohlen, sie in Berlin nicht starten zu lassen.
"Caster, heirate mich"
Doch der ASA dementiert alles - und der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) erklärt, man habe niemals die südafrikanischen Untersuchungsergebnisse erhalten. Südafrikas Offizielle möchten gerne den IAAF zum Sündenbock machen. Sportminister Makhenkesi Stofile tobt: "Was die gemacht haben, ist ekelhaft." Wenn Caster Semenya von künftigen Wettbewerben ausgeschlossen würde, "wäre das der Dritte Weltkrieg". Unfair, ungerecht, unethisch und abstoßend sei das Verhalten des IAAF.
Dabei hatte alles so schön begonnen. Als das "Gold-Mädel von Limpopo" nach ihrem Sieg in Berlin am 19. August in ihr Heimatdorf Ga-Masehlong zurückgekehrt war,, wo die meisten Häuser noch aus Lehm gebaut sind und bis heute weder Wasser noch Strom haben, wurde sie als Heldin empfangen.
"Meine Mutter war ein Küchenmädchen, mein Vater war ein Hausboy, Deshalb bin ich heute der Champion" sangen die Dorfbewohner begeistert - in Abwandlung eines alten Kampfliedes der ehemaligen Befreiungsbewegung ANC.
Gleichaltrige Männer aus ihrem Dorf flehten Semenya an: "Caster, heirate mich." Ihre Großmutter Maputhi Sekgala erzählte immer wieder, wie sie früher Geld im Dorf gesammelt habe, damit Caster zu den Wettbewerben fahren konnte, und wie ihre Enkelin jeden Tag nach der Schule auf der staubigen Dorfstraße trainiert habe. Die Weltmeisterin war gefeiert und hofiert worden.
Bei ihrer Rückkehr nach Pretoria, wo sie studiert, geriet der Empfang für die junge Athletin zum Volksfest. Sogar Südafrikas greise Freiheitsikone Nelson Mandela hatte Semenya an sein Herz gedrückt. Die bereits umlaufenden Gerüchte, sie sei eigentlich keine Frau, nahm niemand so richtig ernst. Mutter Dorcus erklärte damals noch lächelnd: "Ich kann nichts zu all diesen Wissenschaftlern und Professoren sagen. Alles was ich weiß, ist, dass ich 1991 ein Mädchen zur Welt gebracht habe."
"Caster soll zum Opfer gemacht werden"
Großtante Martina Mpati sprang ihr unter dem Jubel der Dorfbewohner zur Seite: "Caster ist ein Mädchen. Ich habe sie eine Minute, nachdem sie zur Welt gekommen ist, gewaschen. Also, wenn irgendjemand weiß, welches Geschlecht sie hat, dann bin ich es."
Umso schmerzhafter war der Absturz. Winnie Mandela, Ex-Frau des früheren Präsidenten, schwang sich zur Stimme der Nation auf: "Sie können sich ihre Tests sonst wohin stecken. Das ist und bleibt unser kleines Mädchen." Sie forderte alle Südafrikaner, vor allem aber jede südafrikanische Mutter, dazu auf, sich mit Semenya und ihrer Familie solidarisch zu erklären, sie moralisch zu unterstützen und ihnen beizustehen. "Caster soll zum Opfer gemacht werden", sagte die streitbare und umstrittene Ex-Frau Mandelas, die in der Regierungspartei ANC wieder eine einflussreiche Rolle spielt. "Aber es ist die Pflicht Südafrikas, sich hinter dieses arme Kind zu stellen und dem Rest der Welt zu zeigen, dass sie die Heldin bleibt, die sie ist, und dass ihr das niemand nehmen kann."
Frauen- und Familienministerin Noluthando Mayende-Sibiya schrie beim Empfang Semenyas empört: "Nieder mit dem IAAF". Die ganze Diskussion sei nur entbrannt, "weil sie Afrikanerin ist".
Wissenschaftler, Schriftsteller, Feministinnen und Schwulengruppen warnten in einem offenen Brief zwar davor, der Diskussion im "Fall Caster" eine falsche Richtung zu geben - "Die Semenya-Story ist eine Geschlechterfrage, nicht der Rasse", hieß es - doch Politik und Öffentlichkeit waren nicht mehr zu bremsen.
"Sie ist ein tapferes Mädchen, eine starke Frau"
Sportausschuss-Vorsitzender Komphela hat den IAAF bereits bei der Uno-Menschenrechtskommission wegen "Rassismus und Sexismus" angeklagt. Selbst Staatspräsident Jacob Zuma warf sich vehement für Südafrikas Goldmädel in die Bresche. Bei einer Pressekonferenz mit EU-Ratspräsident Fredrik Reinfeldt und Javier Solana warf er angesichts der detaillierten Schilderung der Tests in den Medien echauffiert die Frage auf, ob denn das Arztgeheimnis überhaupt nicht mehr gelte. Die Würde und die Privatsphäre der Athletin sei auf "ekelhafte Weise" verletzt worden. Sportminister Stofile forderte IAAF-Chef Lamine Diack gar auf, sich bei seinem bevorstehenden Südafrika-Besuch offiziell vor dem Parlament beim südafrikanischen Volk für das zu entschuldigen, was der Leichtathletik-Verband Semenya angetan habe.
In Caster Semenyas Geburtsort Ga-Masehlong und im Nachbardorf Fairlie, wo Semenya die High-School besuchte, ist nach der Volksfeststimmung nunmehr Trauer eingekehrt. Aber beirren lassen sich Semenyas Nachbarn, Freunde, Verwandte nicht. "Caster ist eine Frau", sagt ihr früherer Mitschüler Mapula Phano. "Was sie über sie erzählen ist Stuss." Nachbarin Erina Langa ist voller Mitgefühl: "Sie ist ein tapferes Mädchen. Aber wie ihre Großmutter ist auch sie eine starke Frau. Sie wird das durchstehen."
Doch um das Haus der Familie Semenya ist es einsam geworden. Wo sich in der vergangenen Woche noch die Gratulanten drängten, saß am Wochenende Casters jüngere Schwester ganz allein auf der Veranda. Caster Semenya hatte eine Meldung zu einem 4000-Meter-Lauf in Pretoria abgesagt, weil sie sich "nicht gut fühle". Dann war sie mit ihrem Vater und ihrer Mutter vorerst abgetaucht. Freunde sagen, die tief erschütterte junge Frau habe die Hilfe eines Psychologen gesucht. Aber, tönt Winnie Mandela, "wir werden unser kleines Mädchen aus Limpopo verteidigen. Sie ist und bleibt unsere Heldin."
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