Eine Tankstelle in Berlin, morgens um 5 Uhr.
Als Jochen sah, wie der Heini mit dem Cabrio fast den Schluffi mit dem Kinderwagen ummähte, da durchfuhr ihn dieser wunderbare Satz: "Die Tankstelle ist das Frauenhaus des Mannes" - brillanter Gedanke. Klar, Tankstellen waren die letzten Schutzräume einer aussterbenden Art, seitdem das Internet die Peepshows praktisch vernichtet hatte.
Jochen kritzelte die Worte sofort in sein Notizbuch zu all den anderen Sätzen, die er dort bereits aufbewahrte. Das Sätzesammeln war Teil seiner neuen Strategie. Das ewige Umschwänzeln von Frauen mit SMS oder Sushi hatte in der letzten Zeit kaum Erfolg gebracht. Seit ein paar Wochen versuchte er daher, Frauen einfach lässig zu ignorieren. Das machte ihn viel interessanter, jedenfalls ab dem Moment, da die Frauen es merken würden.
Gehobene Perfidie
Seine Rache an den Frauen zeichnete sich durch gehobene Perfidie aus. In seiner nächsten Radio-Sendung würde er den Tankstellen-Satz fallen lassen, ganz nebenbei, als sprudelten solche Gedanken einfach aus ihm heraus. Die Hörer würden jubeln oder jaulen oder voller Andacht schweigen.
Der Offene Kanal war nicht gerade das Quoten-Paradies, schon gar nicht um 3 Uhr morgens mit einem baltischen Laienprediger als Vorlauf, der sich auf der Multikulti-Schiene ins Programm schlawienert hatte. Dennoch konnte Jochen sein Glück kaum fassen. So nah war er einem Traumjob noch nie gewesen: DJ mit Tiefgang.
Er würde aufsteigen, vom Kassenhäuschen der Tanke direkt in die Liste der wichtigsten Berliner, weit vor Wowereit landen und nur knapp hinter Preetz. Der Cabrio-Heini war ausgestiegen und baute sich vor dem Kinderwagen-Typen auf. Der Kerl sah aus wie ein typischer Temposünder: weißes Hemd, einen Knopf zu weit offen, dunkelblaues Jackett, Jeans. Morgens um 5 Uhr kommt schon keiner, hatte er gedacht, als er in die Einfahrt donnerte. Kam aber doch einer.
Der Kinderwagen-Typ
Der Kinderwagen-Typ schlurfte fast jeden Morgen hier entlang. Jochen erkannte ihn am Gang. Er trug diese merkwürdigen Gesundheitsschuhe, deren halbrunde Sohle aus einem Stück Autoreifen zu bestehen schien. Jochen hatte die Treter neulich in einem Schaufenster gesehen: Massai-Technologie, oder so ähnlich. Entwickelte ein afrikanischer Nomadenstamm seit neuestem orthopädische Technologie? Natürlich nicht.
Vielmehr hatte sich ein Marketing-Lurch die Massai-Story ausgedacht. Perfektes Märchen für Kinderwagen-Schieber, die auf der ewigen Suche sind nach dem guten einfachen Leben und sich deswegen nicht gerolltes, sondern gefaltetes Klopapier bei Manufaktum bestellen, aus einem kleinen Klopapierfaltbetrieb im Thüringer Wald, dem letzten, der diese fast vergessene Handwerkstradition des Klopapierfaltens noch pflegte, natürlich in achter Generation in Familienhand. Manchmal quatschten sie ein paar Sätze, über Hertha oder das Wetter.
Der Kinderwagen-Typ trug Honk-Brille, arbeitete für eine Agentur, war aber auf Elternzeit. Das Baby schlief nur, wenn es im Kinderwagen durch die Gegend gefahren wurde. Jetzt stand er vor dem Cabrio-Heini, sah allerdings nicht sehr furchteinflößend aus. Männer mit Kinderwagen verbreiten keine Angst, erst recht nicht in Massai-Schuhen.
Der Cabrio-Heini
Trotzdem schien sich der Cabrio-Heini zu entschuldigen. Na klar. Jochen entdeckte zwei nackte Füße auf dem Armaturenbrett und ziemlich viel Frauenbein. Schade, dass das Verdeck geschlossen war. Der Typ hatte sich offenbar noch Arbeit mit nach Hause genommen. Wenn er sich jetzt mit dem Kinderwagen-Typen anlegte, würde er alle Chancen verspielen. Baby-Väter standen unter Artenschutz.
Während die beiden Hände schüttelten, kam der Jogger herangetrabt. Er lief hier seit ein paar Wochen lang, manchmal kaufte er sich was zu trinken. Komischer Vogel. Guckte immer grimmig. Schien aber jede Menge Kohle zu haben: Edle Klamotten, sauteure Pulsuhr, hochfeine Clip-Kopfhörer. Der Jogger blickte kurz auf die Streithähne, steuerte dann auf die Kasse zu, blieb aber drei Meter vorher stehen und hackte plötzlich auf sein Blackberry ein, das er wie eine Dienstwaffe aus seinem Oberarmhalfter gezogen hatte.
Zusammen mit dem besoffenen Bausparer, der in seinem Geländewagen seit über einer Stunde vor der Waschanlage schlief, waren sie fünf. Fünf Männer um 5 Uhr morgens auf einer Tankstelle. Fünf Schicksale. Fünf Einsamkeiten. Fünf Sorten Fürze. Die Braut und das Baby zählten nicht. Hier dominierte der Geruch von Bier, Schweiß und Frostschutz. "Die Tankstelle ist das Frauenhaus des Mannes" - der Satz wurde immer besser.
Die Krise des Mannes
Zwischen Kasse und Zapfsäulen verdichtete sich eines der großen Dramen des dritten Jahrtausends: die Krise des Mannes. Einer rannte vor seiner Frau weg, einer schob den Kinderwagen, weil seine Frau es ihm befahl, einer war so besoffen, dass er es nicht mal zu seiner Frau nach Hause schaffte und einer würde jetzt noch den Affen machen, nur um eine Frau zum Sex zu bewegen.
Nur er, Jochen, hatte bereits die nächste Stufe der Erkenntnis erreicht. Er hatte sich von Frauen so gut wie losgesagt. Die moderne Frau ernährte sich ohnehin selbst, wusste den Akkuschrauber zu führen, ließ in Reagenzgläsern befruchten und delegierte die Kinder hinterher einfach weg. Der Mann war nur mehr da, um herumkommandiert zu werden.
Zu Recht hatte die Emanzipation beklagt, dass vorwiegend Männer in den letzten Jahrtausenden die Regeln bestimmt hatten. Jetzt bestimmten Frauen. Und sehnten sich gleichzeitig nach echten Kerlen. Aber die durften weder riechen, schreien und erst recht keine Widerworte geben. Bei Bedarf mussten sie ein Stück schwellkörperhaltiges Fleisch hinhalten. Und bisweilen nicht mal das.
Wo kommen Männer her?
Was blieb, war die Identitätskrise: Wo kommen Männer her? Wo wollen sie hin? Was soll das alles? Jochen hatte sich für Guerillakampf im Piratensender entschieden, der Cabrio-Heini für den klassischen Aufriss, der Kinderwagen-Typ für den Rollentausch. Der Jogger hatte wahrscheinlich eine zickige Zuckerpuppe zu Hause, der besoffene Bausparer einen Hausdrachen.
Sie alle wollten ihr eigenes Leben zurückerobern, und wenn es nur für ein paar Minuten am Grill war, wenn sie eine ehrliche Wurst neben die matschigen Zucchini-Scheiben auf ihrer beölten Folie legten. Fünf Männer, eine Mission: Sie starteten gemeinsam in einen neuen Tag, in dem sie sich vielleicht mal nicht verlieren würden.
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