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13.10.2009
 

Pferdetherapie bei Autismus

Ausritt ins Leben

Von Barbara Hans

Rowan Isaacson: Der Pferdejunge
Fotos
Scherz Verlag/ Justin Hennard

Rowan Isaacson ist anders als andere Kinder: Er schmeißt sich brüllend auf den Boden, schlägt seinen Kopf immer wieder gegen den Bordstein. Rowan ist Autist. Durch seinen kleinen Körper zucken Nervenblitze, das Leben ist eine Qual - bis sein Zusammentreffen mit Pferden alles verändert.

Hamburg - Die Sekunden, in denen Rupert Isaacson um das Leben seines Sohnes fürchtet, fühlen sich an wie Stunden. Während Rupert starr ist vor Angst, amüsiert sich Rowan königlich. Der Zweieinhalbjährige grunzt vor Freude, strampelt vor Vergnügen. Rowan liegt rücklings im Gras, rudert mit den Armen. Ein wenig sieht er aus wie ein Käfer, dem es nicht gelingt, zurück auf die Beine zu finden. Ihn beglückt der Anblick von Betsy, der Stute, die groß und gewaltig über ihm steht. Wenige Zentimeter trennen die Hufe des Hunderte Kilo schweren Tieres vom Körper des Kindes.

Ein lauter Knall, eine abrupte Bewegung und Rowan wäre zerquetscht. Doch Rowan ist selig, denn er kennt keine Gefahr. Rowan ist Autist.

"Wenn ich mich damals auch nur minimal bewegt hätte, wäre das sein Ende gewesen", sagt Rupert Isaacson SPIEGEL ONLINE. Doch Isaacson, 42 Jahre alt, Brite, gelernter Journalist und passionierter Menschenrechtler, kennt sich mit Pferden aus.

Betsy, die Stute, unterwirft sich in jenem Moment dem kleinen Bündel Mensch, das sich zu ihren Füßen gelegt hat. Das Tier, Anführerin der Herde, die um sie herumsteht, senkt den Kopf und stupst den Jungen mit der Nase. Isaacson kann nicht glauben, was er sieht, aber er kann es deuten. Betsy will seinen Sohn schützen.

Für Rowan ist es die Wende in seinem Leben.

Der Junge ist eineinhalb Jahre alt, als Isaacson und seine Frau Kristin Neff, eine Psychologieprofessorin, realisieren, was sie bis dahin nur befürchtet hatten. Rowan ist nicht nur anders als andere Kinder, er ist krank. Der Junge kann nicht sprechen, keine Wörter wiederholen, nur brabbeln. Unverständlich murmelt er vor sich hin, wo andere schon "Mama", "Papa", "Ja" oder "Nein" sagen können. Zu seiner Umwelt verhält Rowan sich wie ein Fremdkörper. Er nimmt kaum Kontakt zu seinem Umfeld auf. Andere zeigen in seinem Alter auf Gegenstände, präsentieren ihr Spielzeug, reagieren auf den eigenen Namen. Rowan tut nichts von all dem. Isaacson und seine Frau sind ihrem Sohn nah, doch sie trennen Welten.

Rowans Welt ist zu laut, zu grell, zu schwer

"Kaiserschnittkinder sind oft etwas langsamer in der Entwicklung", versuchen Freunde Isaacson und seine Frau zu beruhigen. Doch das Paar weiß es längst besser. Rowan ist nicht nur langsamer als andere Kinder, sein Gehirn funktioniert anders als das Gleichaltriger.

Forscher gehen davon aus, dass lediglich ein kleiner Bereich des menschlichen Gehirns für die Symptome der Autistic Spectrum Disorder (ASD) verantwortlich sind. Nur wenige Autisten weisen eine geistige Behinderung auf - die meisten hingegen haben ganz besondere intellektuelle Fähigkeiten. Die Zahl autistischer Kinder ist in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist das Diagnosespektrum erweitert worden, zum anderen ist das Bewusstsein für die Krankheit gewachsen. Studien gehen davon aus, dass eines von 150 Kindern betroffen ist.

Eine Untersuchung von Rowans DNA ergibt, dass ihm ein Gen fehlt, das ein Enzym namens Glutathion produziert und dem Körper hilft, Toxine zu verarbeiten. Rowans Nervensystem ist überaktiv. Autistische Gehirne enthalten viel mehr Nervenzellen als andere. Für Rowan bedeutet das: Er sieht, fühlt und spürt mehr als andere Kinder. Alltägliche Dinge stellen für ihn eine sensorische Überlastung dar. Das Licht eines Supermarktes wirkt auf ihn wie ein Stroboskop, Pullover, Hosen und Bettdecken fühlen sich für ihn an wie Bleigewichte. Das Surren der Klimaanlage ist ein Höllenlärm in seinen Ohren. Rowans Welt ist zu laut, zu grell, zu schwer. Alle Sinneseindrücke strömen in ungebremster Intensität auf ihn ein. Die Welt surrt, blinkt, pfeift, drückt, sie ist übervoll mit Farben, Klängen, Sinnesreizen. Doch Rowan kann nicht aus seiner Haut - und nicht aus seiner Welt.

Er kann das, was er erlebt, nicht artikulieren. Ihm fehlen die Worte. Rowan teilt sich mit, indem er schreit. Er schreit wie von Sinnen, stundenlang und überall, halb vor Wut, halb vor Qual. Auf der Straße passiert es, dass Bauarbeiter ihre Presslufthämmer beiseite legen und den Knirps anstarren, der sich in Rage brüllt, bis er schließlich in hohem Bogen erbricht.

Das Leben ist geprägt durch Lärm, Selbstzerstörung, emotionalen Zwang

Rowan ist unberechenbar. Er schmeißt sich auf den Boden, schlägt mit Kopf und Fersen auf den Beton, macht sich zugleich in die Hose. Er verzerrt den kleinen Körper stakkatoartig in bizarre Verrenkungen.

Passanten beschimpfen die Eltern, der Junge sei schlecht erzogen, habe zu viele Freiheiten. Oder sie wollen den Notarzt rufen. Hat er einen Anfall, dann scheint Rowan nicht von dieser Welt zu sein. Eine Kontaktaufnahme ist für die Eltern unmöglich. Rowan ist da - und auch nicht. Das Leben der Familie auf dem Land in Texas ist geprägt durch Lärm, Selbstzerstörung, emotionalen Zwang.

Rupert und seine Frau kutschieren den Jungen von einem Therapie- zum nächsten Begutachtungstermin, sprechen mit Versicherungen, Sozialpädagogen, Medizinern. Sie versuchen verschiedene Ansätze, der Arzneischrank ist voller Medikamente. Nur besser wird die Situation nicht. Rowan kämpft mit seiner Umwelt und gegen sich selbst.

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insgesamt 22 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.10.2009 von Jule2005: .

Autismus ist kein Folgeschaden emotionaler Verletzungen. Das interessiert Autisten aber nicht, weil sie zu gegenseitigem Verstehen und Aufeinanderzugehen nicht fähig sind. Das macht ja auch ihre Fremdaggressionen so [...] mehr...

19.10.2009 von Jule2005: .

Stimmt, obwohl Autisten das allerdings tatsächlich häufig tun, auch wenn sie teilweise nicht nur unartikulierte Laute von sich geben, sondern auch perseverieren. mehr...

19.10.2009 von Jule2005: .

Nein. Es gibt Autisten, die sind normal bis überdurchschnittlich intelligent, dies sind aber in der Regel Menschen, bei denen der Autismus nicht so stark ausgeprägt ist. Menschen, bei denen der Autismus stark ausgeprägt ist, [...] mehr...

19.10.2009 von Jule2005: Romantisierung des Autismus

Richtig. Die sogenannten Inselbegabungen sind sehr selten. Ich weiß nicht, warum sich dieses Gerücht, dass Autisten besonders intelligent seien, so hartnäckig hält. Mir scheint, dass dies darin begründet ist, dass Autismus eine [...] mehr...

18.10.2009 von rabenkrähe: Wertvolle Tiere

..... Tiere sind als "Therapie" äußerst wertvoll, in psychischen Lagen vor allem, weil Tiere insbesondere Kinder dort abholen, wo vielfach die emotionalen Verletzungen stattgefunden haben. Tiere sind berechenbar und [...] mehr...

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Autismus

Kindliche Entwicklungsstörung, die sich in einer gestörten Beziehung zur äußeren Umwelt manifestiert. Die Kinder reagieren darauf mit einem Rückzug in eine eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt und isolieren sich häufig von ihrer Umgebung, sprechen kaum und bauen keine engen Beziehungen zu Bezugspersonen wie Eltern und Geschwistern auf. Autismus tritt in unterschiedlichen Schweregraden auf. Überdurchschnittlich häufig haben Autisten eine sogenannte Inselbegabung – auch Savant-Syndrom genannt. Sie bezeichnet das Phänomen, bei dem Menschen, oft mit kognitiver Behinderung , in einem kleinen Teilbereich außergewöhnliche Leistungen vollbringen. mehr auf der Themenseite...

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