Von Marc Pitzke, New York
Der Montag war ein ereignisreicher News-Tag in den USA. Washington verschärfte den Druck auf Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai. Die politischen Debatten um den Krieg und die Gesundheitsreform gewannen immer mehr an Fahrt. Präsident Barack Obama legte eine neue Darfur-Initiative vor. An der Wall Street war der Insiderskandal um Hedgefonds-Milliardär Raj Rajaratnam das Gesprächsthema Nummer eins.
CNN-Anchorman Rick Sanchez, der sich gerne als Zeremonienmeister des "vom Publikum getriebenen, interaktiven, schlauen Gesprächs" aufplustert, begann seine News-Show derweil mit folgender dramatischer Ankündigung: "Wir haben die ersten Bilder vom Ort, wo sich der Ballon-Boy versteckt haben könnte!" Nur halb im Scherz fügte er hinzu: "Sie glaubten doch nicht, dass wir diesen Tag verstreichen lassen, ohne den Ballon-Boy zu erwähnen?"
Und so segelte die Heißluft-Saga um die skurrile Familie Heene aus Colorado in ihren fünften Tag. Selten hat eine Story, die eigentlich keine war, die Amerikaner so aufgeregt. Besser gesagt: die US-Medien. Keine Stunde vergeht, ohne dass über die fiktive Himmelfahrt des sechsjährigen Falcon Heene auf einem TV-Sender weiter berichtet wird.
"Beispiel, wie lächerlich Kabelnews geworden ist"
In Amerika agierte allen voran CNN, jener Sender, der sich brüstet, "The World's News Leader" zu sein. Die Show des Star-Talkers Larry King widmete der Flug-Ente am Montagabend wieder mal mehr als eine halbe Stunde, gastmoderiert von Wolf Blitzer, sonst für "harte" Themen wie Wahlkämpfe zuständig. Selbst CNN.com, die globale Top-Newssite, listet den "Ballon-Boy" als "Hot Topic" auf, zwischen "Afghanistan" und "Latino in America", einer eigenen Dokuserie.
Die karge Ballon-Schlagzeile des Montags wurde dabei endlos aufgewärmt: Die Behörden würden bis Mittwoch Strafanzeige gegen Falcons flunkernde Eltern erstatten, diese wollten sich dann freiwillig in Gewahrsam begeben.
Die wahre Schlagzeile jedoch verschwiegen die Reporter, die dem Flop erst brav aufgesessen waren und nun trotzdem weiter vor dem Heene-Haus in Fort Collins campierten: Das Pseudodrama enthüllt die Sensationssucht und Quotenhatz, die auch unter den seriösen Medien grassiert - manche Beobachter machen daran sogar den sich vollziehenden Niedergang des gesamten, einst ruhmreichen amerikanischen TV-Journalismus fest.
"Die Ballon-Boy-Nichtgeschichte war nur das jüngste Beispiel, wie lächerlich Kabelnews geworden sind", schreibt Alan Sepinwall, der Fernsehkritiker der Zeitung "Star-Ledger". Sein eigenes Blatt surfte unterdessen munter auf der Flutwelle der Belanglosigkeiten mit.
"Zu uns kommen die Leute, wenn was passiert"
Das liege halt am System, erklären die Vertreter dieses Systems hilflos. In der Tat müssen Kabel-Newssender wie CNN, MSNBC und Fox News 24 Stunden Programm füllen, egal, wie dünn die Nachrichtenlage, wie PR-inszeniert das angebliche Ereignis. Die Konkurrenz ist brutal, das Budget knapp, der Kampf um Quoten überlebenswichtig - und das Internet ist einem immer voraus.
"Das ist CNN", rechtfertigte CNN-Vizepräsident Bart Feder die Ballon-Orgie seines Senders, der schon seit dem Ende des US-Wahlkampfs immer öfter auf weiche Themen und Celebrity-Interviews zurückfällt: "Zu uns kommen die Leute, wenn was passiert."
Die Einschaltquoten scheinen das zunächst zu bestätigen. Während der zwei Stunden, binnen derer die Live-Kameras den leeren Ballon ohne Pause verfolgten, verdoppelten sich die Zahlen der US-Newssender: Fox News brachte es auf 2,4 Millionen Zuschauer, CNN auf 1,7 Millionen, MSNBC auf 768.000. Parallel nahm das Thema auch Facebook und Twitter in Beschlag, und der Suchbegriff "balloon boy" schoss an die Spitze der Google-Trends.
Niemanden schien dabei zu stören, dass diese Story von Anfang an unplausibel war - nicht zuletzt die Journalisten selbst. Der Heimbau-Folienballon war viel zu leicht, um selbst einen kleinen Jungen tragen zu können. Die Schreckensmeldung, Falcon stecke in dem Heißluftmobil, hatte nur eine Quelle - die Heenes selbst. Die Heenes hatten übrigens zuerst den lokalen TV-Sender KUSA alarmiert - und erst dann den Notruf.
"Wir glaubten aufgrund von Gesprächen mit den örtlichen Behörden wirklich, dass da ein Kind in Gefahr sein könnte", sagte KUSA- Nachrichtenchefin Patti Dennis später. "Wir haben es behandelt, als wäre ein Kind in einem Einkaufszentrum verlorengegangen." Was freilich kein Grund ist für einen Weltsender wie CNN, sich der Hysterie anzuschließen - zumal CNN-Präsident Jon Klein ähnlichem TV-Unsinn eigentlich abgeschworen hat, namentlich den in Kalifornien beliebten Freeway-Autojagden.
Stattdessen übertrug CNN die Ballon-Legende - die nichts anderes war als eine aeronautische Autojagd - kritik- und recherchefrei. "Da ist ein sechsjähriger Junge drin", versicherte die CNN-Anchorfrau, derweil ein Kommentator sich mit großer Geste auf ein Satellitenfoto einschoss. Darauf fett markiert: "THE KID'S HOUSE."
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Jou, für die Bildung des Volkes steht dann nur noch "Hallo Deutschland" und "Brisant" zur Verfügung. Und das ZDF hat schon vor Jahren ein "ZDF Spezial" gesendet, als in Deutschland mal eine Woche [...] mehr...
Ich weiß gar nicht, was alle haben. Die Geschichte ist doch klasse. Was wäre denn gewesen, wenn sie echt gewesen wäre und ein dramatisches Ende gefunden hätte. Das hat nunmal eine Symbolik und Bedeutung, die Menschen nahegeht. [...] mehr...
Apropos Nachholbedarf... der Autor des Artikels stellt die Sache so dar, als waere die Geschichte von vornherein unglaubwuerdig und somit jeder, der sie glaubte, ein idiot. "Der Ballon war zu leicht (bzw. zu klein) ist in [...] mehr...
Ich übernehme den kompletten Wortlaut. mehr...
Lebe zur Zeit in den USA und muss mich dann und wann mal dem hiesigen Fernsehen preisgeben. Da ist die Ballon Geschicht ja harmlos weil vergänglich. Schlimmer finde ich Sendungen, die regelmässig ausgestrahlt werden, wie Ghost [...] mehr...
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