• Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.10.2009
 

Evangelische Kirche

Käßmann ist neue Chefin der deutschen Protestanten

Von Peter Wensierski

Margot Käßmann: Bischöfin in der Bredouille
Fotos
DPA

Das wichtigste Amt in der Evangelischen Kirche Deutschlands ist erstmals mit einer Frau besetzt - eine historische Wende. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wurde zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Die 51-Jährige soll dem Apparat Amtskirche neue Spiritualität verleihen.

Hamburg - Sie hat klug taktiert, demütig Zurückhaltung geübt und am Ende überzeugt. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann ist am Mittwochvormittag in Ulm mit 132 von 142 Stimmen zur Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt worden. Nur fünf Synodale stimmten gegen sie, vier enthielten sich, eine Stimme war ungültig. "Im Vertrauen auf Gottes Hilfe nehme ich die Wahl an", sagte Käßmann.

Die kleine, zähe, aus Marburg an der Lahn stammende 51-jährige Frau ist damit ranghöchste Vertreterin der 25 Millionen hierzulande lebenden evangelischen Christen. Die Fragen nach ihrer Favoritenrolle für den Posten mochte sie Journalisten schon seit Monaten nicht mehr beantworten und reagierte eher unwirsch darauf. Umso erleichterter wirkte sie nun nach ihrer Wahl.

Schon seit zehn Jahren arbeitet sie als erfolgreiche Bischöfin in Deutschlands größter evangelischer Landeskirche. Durch ihre Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden wird sie die erste Frau an der Spitze jener von Martin Luther begründeten Kirche - eine historische Sensation. Als Nebeneffekt dieser Wahl werden es die katholischen Bischofskollegen in Zukunft noch schwerer haben, zu erklären, warum bei ihnen Frauen nicht einmal als Priester Karriere machen können. "Wir sind Päpstin" bleibt einfach nur Fiktion.

Mit der geschiedenen, selbstbewussten Margot Käßmann könnten die Protestanten weiter auf Erfolgskurs kommen, trotz eines chronischen Schrumpfungsprozesses der großen Kirchen in Deutschland. Doch die Nachfolgerin von Bischof Wolfgang Huber, 67, wird künftig wohl nicht mehr ganz so frei gestalten können wie das in ihrem eigenen Bistum möglich war. Sie muss die von Huber begonnene große Kirchenreform fortsetzen, Landeskirchen zusammenführen, Gemeinden neu aufstellen, recht unterschiedliche Frömmigkeitsströmungen berücksichtigen und Mission betreiben gegen den ständigen Schwund an Mitgliedern - in diesen Tagen wurden gerade die überraschend hohen neuen Austrittszahlen bekannt. Es geht in der Ära Käßmann um nicht weniger als den Abschied von der Volkskirche, die einst flächendeckend in beinahe jedem Dorf mit Kirchturm und Pastor präsent war.

Die Ratsvorsitzende wird im Verhältnis zum Islam neue Akzente setzen müssen, genauso wie in der Ökumene gegenüber der römisch-katholischen Kirche des Papstes, die sie bei dessen Deutschlandbesuch 2005 in Köln nicht einmal zu ihm vorgelassen hatte. Sie wird das Profil ihrer Kirche weiter schärfen müssen, vielleicht wird es das Profil einer Kirche mit menschlicherem Antlitz als bisher.

Der umtriebige Huber prägte in seinem Amt die evangelische Kirche wie kaum einer seiner Vorgänger. Er sorgte stets für mediale Aufmerksamkeit und hat die EKD gesellschaftspolitisch gestärkt. Am Ende nervte er aber auch manche in seiner Kirche mit seiner dauernden Medienpräsenz. Andere litten unter dem Druck seines forschen Reform- und Modernisierungskurses. Nun muss er gehen, ohne den Umbau der evangelischen Landeskirchen vollendet zu haben.

Kein Zweifel: Margot Käßmann kann ihre Kirche und ihren Glauben nach außen bestens vertreten. Aber sie muss noch mehr als ihr Vorgänger die Kirche auch nach innen umgestalten. Die Voraussetzungen bringt sie durchaus mit, sie ist nicht nur medientauglich, sondern auch unentwegt in ihren Gemeinden zu eher unspektakulären Terminen unterwegs und kümmert sich dort - auch als Seelsorgerin - um die Kirchenbasis.

Im Konfirmandenunterricht, sagte sie einmal, habe man ihrer Meinung nach mehr über Sekten und Drogen gesprochen als über die Bibel, in evangelischen Kindertagesstätten könne man nicht nur fröhliche Herbstlieder singen, sondern auch biblische Geschichten erzählen. Die Bischöfin tritt für ein entschieden stärkeres geistliches Profil kirchlicher Einrichtungen ein, Kinder und Erwachsene sollten wieder mehr beten und Kirchen sollten wie Kirchen aussehen und nicht wie unverbindliche Gemeindezentren. Margot Käßmann steht für einen selbstbewussten Protestantismus. Obendrein - und das ist ihre besondere Stärke - kann sie jene Nähe und Wärme ausstrahlen, die dem professoralen Huber mitunter fehlte.

Käßmann, die sich schon lange für mehr Spiritualität in der Kirche engagiert, gilt auch im starken evangelikalen Lager innerhalb der EKD als wirklich fromme Christin - und ist damit für diesen wichtigen Flügel in der Kirche eine gute Wahl. Dass sie im Jahre 2007 ihre Ehescheidung eingereicht hatte, tragen ihr die meisten Evangelikalen nicht nach, seitdem der einflussreiche Chefredakteur der evangelikalen Nachrichtenagentur Idea, Helmut Mathies, für sie eine Lanze gebrochen hat. Er schrieb damals, auch im evangelikalen Lager sei Scheidung "kein Tabu mehr". Schließlich sei der Bischöfin keine Schuld am Scheitern der Ehe zuzuweisen, sondern ihrem Ex-Mann, der sich eine neue Freundin genommen habe.

So kann Margot Käßmann zunächst einmal von allen Seiten geliebt und beliebt ihr Amt antreten. Die Kür hat sie hinter sich, nun kommt die Pflicht im frommen Apparat.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 132 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
05.11.2009 von Willie: 2

Wieder ein Logikfehler. Worauf gemuenzt wird, entscheidet der Muenzer.:-) Das glauben sie aber?:-) Sehen sie, auch darin unterscheiden wir uns. Mein Wissen begrenzt sich eben nicht auf eine Berufung auf Mitras Artikel. [...] mehr...

05.11.2009 von Willie: -

Eigentlich nur sie. Weil sie nicht begreifen was sie selbst schreiben. Denn sie fragten explizit nach meinem "wollen". Ich schrieb aber nirgendwo etwas diesbezueglich 'beweisen zu wollen'. Naja, wenn sie die [...] mehr...

05.11.2009 von Willie: -

So unlogisch es scheinen und eine Aussage denkfreien Reflexes es auch sein mag, die Qualitaet ihres Postings scheint diesen Willen zu bestaetigen. Es *erscheint ihnen* so weil *sie es so empfinden.* Das macht es aber nicht [...] mehr...

04.11.2009 von retmar: ....

Ach Gottchen, was für ein Füsschengetrampel. Aber endlich konnten Sie Ihre Google-Erfolge verwenden, gelle? Wenn Sie denn beleidigt zitieren, dann bitte im Zusammenhang. Eigentlich ist der Kontext des Soldaten-Zitates [...] mehr...

04.11.2009 von estragon001: Für Mullah Nasrullah - Teil 2

Auf meine Frage nach Beweisen für die Existenz von "Jesus" sagen Sie: Das kann man ja eigentlich nur mehr mit "CACA DI BUFFALO" abtun ! "Ausreichend belegt" - was soll'n das heißen ? [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Evangelische Kirche in Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



SPIEGEL-Gespräche an Unis

DPA

Themen, Termine, Orte: SPIEGEL-Gespräch live in der Uni - die Debattenreihe im Wintersemester 2009/10

Welche Werte sollen unser Leben bestimmen? SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski im Gespräch mit Bischöfin Margot Käßmann, Dienstag, 3. November 2009, 18 Uhr Universität Leipzig. Studienzentrum, Großer Hörsaal, Liebigstr. 27, 04103 Leipzig
– Eintritt frei –







TOP



TOP