Von Annette Langer
Agnieszka* hat Angst. Seit Wochen macht ihr ein Leberfleck am rechten Oberarm zu schaffen. Er hat seine Form verändert, juckt, nässt und schmerzt bis in die Schulter. Im Internet hat die dralle und lebensfrohe Rothaarige nach möglichen Diagnosen für die Symptome gesucht. Jetzt befürchtet sie, dass es Hautkrebs ist.
Schon zu viel Zeit hat Agnieszka mit fruchtlosen Hypothesen verbracht. Jede andere wäre längst zum Dermatologen gegangen, um sich Klarheit zu verschaffen, doch die Polin hat ein Problem: Zwar darf sie sich als EU-Bürgerin gemäß Paragraf 5 des Gesetzes "über die allgemeine Freizügigkeit" in Deutschland aufhalten. Eine Krankenversicherung hat sie deshalb jedoch noch lange nicht.
Nach ihrer zweiten Schwangerschaft hatte sich die 33-Jährige selbständig gemacht. Die Geschäfte liefen schlecht, irgendwann war kein Geld mehr da. Weil sie weder Hartz IV noch Wohngeld bekam, wurde eben gespart - an allem, auch an der privaten Krankenversicherung. Bisher stand ihr immer ein Landsmann mit ärztlichem Rat und kostenlosen Medikamenten zur Seite. Jetzt jedoch ist ein Facharzt gefragt.
"Mich macht das total kaputt", sagt Agnieszka. "Ich lebe ständig in der Angst, krank zu werden." Wenigstens die beiden fünf und drei Jahre alten Kinder seien versorgt. Sie haben die italienische Staatsbürgerschaft und sind über den Vater versichert. Der stammt aus Sardinien und arbeitet in Deutschland.
Natürlich habe man daran gedacht, endlich zu heiraten, und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Doch um die erforderlichen Unterlagen zu bekommen, muss sie persönlich bei mehreren polnischen Behörden vorstellig werden - ein längerer Aufenthalt in der Heimat ist derzeit aber einfach nicht drin.
"Die Dinge selbst in die Hand nehmen"
Weil die Zeit drängt, hat Marcello seine Freundin in die Ambulanz der Malteser Migranten Medizin (MMM) am Hamburger Marienkrankenhaus gebracht. Dort praktiziert Dr. Helgo Meyer-Hamme, Internist im Ruhestand und ruheloser Aktivist für die Sache der "Illegalen" und Versicherungslosen in Deutschland. Er beruhigt die aufgelöste Agnieszka und vermittelt sie an einen Dermatologen aus dem umfangreichen MMM-Netzwerk, in dem sich zahlreiche Fachärzte zusammengeschlossen haben, die ehrenamtlich und möglichst kostenfrei helfen.
"Schreiben Sie bloß nichts über mich, sondern über das Projekt", sagt Meyer-Hamme und hebt abwehrend die schmale, weiße Hand. Das fällt schwer, denn hier, in dem gemütlichen Bonsai-Büro voller Ikea-Regale sitzt ein Gutmensch der angenehmen Sorte. Einer, der still und bestimmt hilft, ohne zu beschämen. Der aber auch Forderungen stellt.
"Der Mensch verliert seine Würde, wenn er sich immer nur von anderen helfen lässt", sagt er mit leiser Stimme. "Für die Seele ist es besser, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen." Diesem Vorsatz ist er treu, wenn er in Indien mit seinem Projekt "H.E.L.G.O" gegen Kinderarbeit kämpft - oder wenn Patientinnen wie Mia zu ihm kommen.
Die alleinerziehende Mutter aus Rumänien lächelt scheu, als sie das Beratungszimmer im Marienkrankenhaus betritt. Fast geräuschlos sinkt sie auf einen der wenigen Stühle und schlägt die langen Beine übereinander. Über ihr thront ein großes Holzkruzifix mit Olivenzweig, gegenüber sitzt Meyer-Hamme, der ihr aufmunternd zunickt.
Mia reibt ihre feuchten Hände aneinander, die braunen Augen sind von dunklen Schatten umrahmt. Überschwänglich bedankt sie sich bei dem Arzt, der ihrem Sohn geholfen hat, einen Schulplatz zu bekommen. Dann berichtet sie von Atemnot-Attacken, die sie nachts nicht schlafen lassen. Mia ist als EU-Bürgerin seit drei Jahren legal in Deutschland, hat aber keine Arbeit oder Krankenversicherung. Meyer-Hamme wird herausfinden müssen, ob es Asthma, Existenzangst oder etwas vollkommen anderes ist, das der jungen Frau den Atem raubt.
Behutsam misst er den Puls, hört die Lunge ab und lässt die Mittdreißigerin mehrere Treppen auf- und absteigen, um die Atmung unter Belastung zu kontrollieren. Sie solle einen Lungenfunktionstest machen, am besten in der Praxis eines befreundeten Arztes, erklärt Meyer-Hamme. Dann schreibt er ein Rezept aus für ein Asthmaspray, das Mia vorübergehend nehmen soll. Das günstigste kostet 14,80 Euro. "Kann ich nicht bezahlen", flüstert Mia.
Meyer-Hamme sieht sie prüfend an und kramt dann in einem kleinen Spendentopf. "Ich zahle zehn Euro und sie den Rest", sagt er bestimmt und Mia nickt zufrieden. Dann machen sie einen Folgetermin aus.
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