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10.12.2009
 

Mengele-Opfer

Der Mann, der nie mehr zum Arzt wollte

Aus Petach Tikwa berichtet Christoph Schult

Jitzchak Ganon: "Ich bete, dass ich sterben möge"
Fotos
Christoph Schult

Seit seinem 20. Lebensjahr verweigerte Jitzchak Ganon jeden Arztbesuch. Selbst nach einem Herzinfarkt wehrte sich der Israeli dagegen, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Erst nach der Operation nannte er den Grund seiner Panik vor den Männern in Weiß: KZ-Arzt Josef Mengele.

Ein dürres Männchen, die weinrote Strickjacke ein wenig zu groß, die Beine wie Streichhölzer in den brauen Hosen. Jitzchak Ganon hat sich zurecht gemacht, er ist frisch rasiert, sein weißer Oberlippenbart fein gestutzt. Der 85-Jährige sitzt auf einem grauen Sofa, ein Kissen stützt seinen Rücken. Er ist zu schwach, um sich zu erheben. Aber er lässt es sich nicht nehmen, seinen Gast auf Deutsch zu begrüßen: "Guten Tag."

Das Sprechen fällt ihm schwer. "Langsam, Abba", sagt seine Tochter Iris und stellt ihm einen Becher Wasser hin. Ihr Vater habe sich in seinem ganzen Leben nie beschwert über irgendwelche Schmerzen, sagt sie.

Vor einem Monat sei er dann von seinem morgendlichen Spaziergang zurückgekommen und habe sich hingelegt. "Papa, bist du krank?", fragte Iris. "Nein, nur ein bisschen müde", sagte Jitzchak Ganon und legte sich schlafen. Nach ein paar Stunden war er immer noch müde. "Ich brauche keinen Arzt", wehrte er ab.

Am nächsten Morgen ging es ihm noch schlechter, da holten Frau und Tochter doch einen Arzt. Der sprach von einer Viruserkrankung und schrieb ihm eine Überweisung ins Krankenhaus. Jitzchak Ganon wehrte sich, doch zum ersten Mal spürte er, dass sein Leben in Gefahr war. Irgendwann gab er den Widerstand auf.

Die Familie brachte ihn ins Scharon-Krankenhaus seiner Heimatstadt Petach Tikwa bei Tel Aviv. Kaum war er angekommen, verlor er das Bewusstsein. Herzinfarkt, diagnostizierten die Ärzte. Mit Hilfe von Ballons wurden die verstopften Blutgefäße geweitet, anschließend setzten ihm die Ärzte fünf Stents ein. "Wir dachten, er würde die OP nicht überleben", sagt Dr. Eli Lev, "vor allem, weil er nur eine Niere hat."

Als Jitzchak Ganon nach der Operation zu sich kam, erzählte er den Ärzten, wo er die andere Niere verlor. Und warum er 65 Jahre lang nicht in Behandlung war. Ein Reporter der israelischen Zeitung "Maariv" hörte davon. Und jetzt, vier Wochen nach der OP, ist Jitzchak Ganon bereit, seine Geschichte zum ersten Mal einem deutschen Journalisten zu erzählen.

Die Zahl 182558 ist in seine Haut geritzt

Er streckt seinen Rücken und blickt auf das Foto an der Wohnzimmerwand. Es zeigt die Akropolis in Athen. "Ich komme aus Arta, einer Kleinstadt in Nordgriechenland. Es geschah am Samstag, den 25. März 1944. Wir hatten gerade die Kerzen angezündet, um den Sabbat zu segnen, als ein SS-Mann und ein griechischer Polizist ins Haus eindrangen. Sie sagten, wir sollten uns für einen Ausflug fein machen."

Der 85-Jährige krempelt den Ärmel seines Hemds hoch und entblößt den linken Unterarm. Mit dunkelblauer Tinte ist dort die Zahl 182558 in die Haut geritzt.

Zwei Wochen dauert der Transport nach Auschwitz. Der kranke Vater stirbt auf der Fahrt. Nach der Ankunft müssen sie sich ausziehen und werden untersucht, die Mutter und fünf Geschwister werden ins Gas geschickt.

Jitzchak Ganon wird ins Krankenhaus von Auschwitz-Birkenau gebracht. Hier verrichtet der Arzt Josef Mengele, genannt der "Todesengel", seine grausamen Experimente an jüdischen Häftlingen.

Ganon muss sich auf einen Tisch legen, wird festgebunden. Ohne Narkose öffnet Mengele seinen Unterleib und schneidet ihm eine Niere heraus. "Ich sah die Niere in seinen Händen pulsieren und weinte wie ein Verrückter", erzählt Ganon. "Ich schrie das 'Höre Israel' (5. Buch Mose, Kapitel 6, jüdisches "Glaubensbekenntnis"). Ich betete, dass ich sterben möge, um nicht länger zu leiden."

"Wann immer er krank wurde, sagte er, dass es nur die Müdigkeit sei"

Nach der "Operation" musste er ohne Schmerzmittel in der Näherei des KZ arbeiten, unter anderem gehört das Reinigen blutiger Operationsbestecke zu seinen Aufgaben. Sechseinhalb Monate verbrachte Jitzchak Ganon in dem Krankenhaus. Einmal musste er eine ganze Nacht lang in einem Becken mit eiskaltem Wasser verbringen, weil Mengele seine Lungenfunktion "prüfen" wollte.

Als sie keine Verwendung mehr für ihn hatten, schickten die Nazis ihn in die Gaskammer. Er überlebte durch einen Zufall. Ganon hatte die Nummer 201 erhalten, doch die Gaskammer fasste nur 200 Menschen.

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen befreit. Jitzchak Ganon kehrte in seine Heimat Griechenland zurück, traf seine einzigen überlebenden Geschwister wieder, einen Bruder und eine Schwester, und wanderte 1949 nach Israel aus. Er heiratete. Und er schwor sich, niemals mehr zu einem Arzt zu gehen. "Wann immer er krank wurde, auch wenn er schwer litt", sagt seine Frau Ahuva, "sagte er, dass es nur die Müdigkeit sei."

Aber jetzt ist Ganon doch froh, dass er nach dem Herzinfarkt ins Krankenhaus kam. Eine Woche nach der OP bekam er noch einen Infarkt und dann einen Herzschrittmacher. "Wenn die Ärzte nicht gewesen wären", sagt er - und lächelt zum ersten Mal, "wäre ich jetzt tot." Jitzchak Ganon hat überlebt, zum zweiten Mal.

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insgesamt 34 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.05.2010 von L0k3: Hmm

Irgendwie klingt die Geschichte arg unglaubwürdig. 65 Jahre mit einer Niere leben aber keinen Arzt aufsuchen müssen? Die gaskammer überlebt weil die Kapazität überschritten war? Das entfernen einer Niere bei vollem Bewusstsein [...] mehr...

11.12.2009 von friederrike: Wert des Menschen

Ich kann eigentlich nichts hinzufügen, was die Bestürzung über das Geschehene angeht. Mir ist es nur wichtig anzumerken, dass es auch heute unzählige Orte gibt, an denen ein Mensch keinen Cent wert scheint. War schockiert [...] mehr...

11.12.2009 von Citrusfrucht: Mengele-Opfer: Der Mann, der nicht zum Arzt wollte

Unfassbar. Soviel Grausamkeit.... Ich wünsche Herrn Ganon und seiner Familie alles erdenklich Gute. @SPIEGEL "Ein dürres Männchen, die weinrote Strickjacke ein wenig zu groß, die Beine wie Streichhölzer in den brauen [...] mehr...

11.12.2009 von altruist: alter Spruch

Alter Spruch von mir; Alle die den Kittel hinten zumachen,von denen soll man sich fernhalten-Ärzte,Juristen,Geistliche. mehr...

11.12.2009 von nurmeinsenf: Es gibt keine irdische Strafe, die die Taten eines Herrn Mengele

sühnen könnte. Zu lebenslänglicher Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung? Lächerlich. Und selbst eine Verurteilung zum Tode findet heute vergleichsweise reglementiert und zivilisiert statt. Das Mittelalter hätte für [...] mehr...

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