Aus Nanzhang berichtet Andreas Lorenz
Von Weihnachten ist in diesem kargen, kalten Gotteshaus noch wenig zu spüren - es gibt keinen Christbaum, keine Girlande, keine Krippe. Eine junge Frau im grünen Anorak zieht mit einem Kreuz über der Schulter von Kreuzweg-Station zu Kreuzwegstation, die Gläubigen beten.
Von rund 700 Bauern dieses Dorfes sind rund 270 katholisch, das Christentum ist in dieser Gegend tief verankert, seit deutsche Missionare vor rund 100 Jahren die Bewohner bekehrten.
Noch immer erinnern sich einige von ihnen an die deutschen Benediktiner, die einst die Messe auf lateinisch lasen.
In den fünfziger Jahren wurden die ausländischen Missionare aus China vertrieben. Als Mao Zedong während der Kulturrevolution (1966-1976) dazu aufrief, "Aberglauben" zu bekämpfen, zerstörten Rote Garden auch die Kirche von Nanzhang. Das neue Gebäude steht seit 1994.
Die Gemeinde hat sich der sogenannten Patriotischen Vereinigung angeschlossen, wie die staatlich anerkannte katholische Kirche offiziell heißt. Sie wird, wie alle religiösen Organisationen Chinas, von der Einheitsfront-Abteilung der Kommunistischen Partei überwacht. Die Regierung erlaubt es Christen ebenso wie Buddhisten, Daoisten und Muslimen, ihre Religion zu praktizieren - vorausgesetzt, sie halten sich an die staatlichen Regeln.
Lieder für die Christmette und ein Bibelquiz
Für die Katholiken bedeutet dies: Nicht der Papst ernennt die Bischöfe, sondern die Patriotische Vereinigung. Eine offizielle Verbindung nach Rom gibt es nicht, seitdem Peking die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan in den fünfziger Jahren abgebrochen hat.
Während die Gläubigen im Gotteshaus beten und singen, schwingt sich Pfarrer Zhang schon wieder auf sein rotes Motorrad. Er ist ein junger, gut gelaunter Mann mit kurzem Haarschnitt, unter dem Anorak lugt der schwarz-weiße Priesterkragen hervor.
Heute früh hat er die tägliche Sechs-Uhr-Messe gelesen, nun rollt er durch die Kälte zu seinem zweiten Sprengel, ins 35 Kilometer entfernte Beizhang. Dort wird er am Nachmittag in der Herz-Jesu-Kirche den Gottesdienst zelebrieren. "Ich reiße mit meinem Motorrad jedes Jahr 10.000 Kilometer runter", sagt er.
In dieser Region mangelt es nicht an Gläubigen, viele Familien sind aus Tradition Katholiken. Aber es fehlt an Geistlichen. Der Staat begrenzt die Zahl der Seminaristen, und seit einigen Jahren spürt die Kirche auch die Folgen der Ein-Kind-Politik: Die Bauernfamilien können ihren einzigen Sohn nicht gut Priester werden lassen, denn er ist ihre einzige Altersversorgung.
Viele Pfarrer sind bitterarm, weil sie auf Spenden der Gläubigen angewiesen sind. "In der Provinz Shandong kommen auf 10.000 Katholiken sechs Priester und ein Bischof", sagt Zhang, er selbst wohnt bescheiden in einem eisigen Zimmer neben der Kirche, in der er die Messen feiert, Beichten abnimmt und mit den Kindern die Bibel liest.
Ausländische Missionare tarnen sich als Lehrer oder Ingenieure
Vor dem Weihnachtsfest übt er mit dem Chor der Mariä-Himmelfahrtkirche die Lieder für die Christmette, außerdem plant er ein Bibelquiz. Am Heiligen Abend werden die Gläubigen in einer Prozession durchs Dorf und um das Gotteshaus ziehen.
Rund fünf Millionen Katholiken leben nach offiziellen Angaben in China, in Wahrheit dürften es weit mehr sein. Denn nicht mitgezählt sind jene vielen Millionen, die sich weiterhin dem Vatikan verbunden fühlen und nur den Papst in Rom als Oberhaupt ihrer Kirche anerkennen. Auch in Nanzhang gibt es eine kleine katholische Untergrundgemeinde.
Die Behörden machen es den Gemeinden vielerorts schwer, kirchliche Altenheime oder Hospize zu organisieren, es ist auch nicht erlaubt, Jugendliche unter 18 Jahre in die Gemeinde aufzunehmen. Ausländische Missionare dürfen in China nicht arbeiten, sie kommen daher nicht selten getarnt als Lehrer oder Ingenieure.
Für Chinas Katholiken wie Protestanten gehört Mission allerdings zum Selbstverständnis.
Gerne würde Zhang deshalb den katholischen Glauben in der Region aktiv verbreiten. Er fährt mit seinem Motorrad zuweilen in die Nachbardörfer. Dort besucht er Familien, mit denen er die Messe zu Hause feiert. Er erklärt ihnen die Bibel - und stößt auf offene Ohren. "Die Menschen suchen nach einem Inhalt im Leben", sagt Zhang. "Aber ich missioniere zu selten, ich habe einfach keine Zeit."
"Ihr solltet Gott zufrieden dienen"
Wang Qingan, ein Laie aus Nanzhang, kennt eine erfolgreichere Methode der Mission: "Das beste wäre ein Wohltätigkeitshospital." Kranke, die für wenig Geld gesund gepflegt werden, sagt er, würden sich gerne dem Glauben anschließen. Doch christliche Hospitäler duldet der Staat nicht.
Trotz des Verbotes kümmern sich katholische Mediziner in manchen Regionen um Kranke und Waisenkinder. In aller Stille geschieht das, und manchmal drücken örtliche KP-Funktionäre sogar ein Auge zu, weil sie wissen, dass viele sich sonst einen Arztbesuch nicht leisten können.
Rund zweitausend Kilometer weiter südlich, in der Provinz Zhejiang, liegt das Dorf "Acht-Meilen-Brücke". Hier muss man einige Zeit suchen, um die Kirche zu finden: Sie steht versteckt in einem Hinterhof und ähnelt mit ihrem Wellblechdach mehr einer Werkhalle als einem Gotteshaus.
Kein Türmchen, kein Kreuz verraten den Sinn des Baus, nur blitzblanke Toilettenräume und ein Speisesaal gegenüber verraten, dass hier zuweilen viele Menschen zusammenkommen.
Eine evangelikale Hauskirche hat hier ihre Heimat. Jeden Sonntag beten rund 400 Menschen von morgens bis in den Nachmittag hinein, dann essen sie gemeinsam. In der Woche treffen sie sich zu Bibelstunden.
Im Gemeindesaal hängen Tafeln mit Namen - die Einteilung des Küchen- und Putzdienstes. An der Wand verkündet ein Transparent mit rotem Kreuz: "Die ganze Welt sollte Gott, dem Schöpfer, huldigen, Ihr solltet ihm zufrieden dienen." Die Gläubigen sitzen auf Holzbänken, vorn steht ein Pult mit Mikrofon.
Wie die Katholiken sind auch die Protestanten gespalten - in jene Gemeinden, die sich der Aufsicht der Behörden unterwerfen, und in die illegalen Hauskirchen wie die in Acht-Meilen-Brücke, die nur Gott und nicht die KP als wahren Herrscher anerkennen.
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Es ist nur so, dass viele Atheisten befürchten, nicht zu "Gottes Schöpfung" zu zählen, wenn diese Leute an die Macht kommen... mehr...
Die Missionare kommen ueberwiegend aus den USA, aber auch aus Suedamerika und Europa ( habe gestern erst eine Pfingstlerin aus Deutschland kennengelernt). Ich bin Deutsche und kann es manchmal nachvollziehen, aber nicht [...] mehr...
1)Aus welchen Ländern kommen dann diese Missionare ? 2)Sie als Chinesin sollten doch dieses Verhalten der Leute begreifen. Gruss M.Henny mehr...
Ich lebe in China und alleine in meiner Nachbarschaft gibt es eine ganze Menge Missionare. Erschreckend finde ich, wenn mir Chinesische Kunden (ich betreibe ein Restaurant) berichten, was sie von Missionaren alles hoeren. [...] mehr...
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