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12.01.2010
 

Jugendkriminalität

"In der Zelle merkt ihr, dass ihr der Arsch seid"

Von Silvia Dahlkamp

15 Jahre lang saß Ivan Kirr wegen eines brutalen Mordes im Gefängnis. Heute besucht er Schulen, spricht mit gewaltbereiten Jugendlichen, will warnen, mahnen, bevor es zu spät ist. Die Geschichte seines Lebens wirkt wie eine Schocktherapie.


Ein schlechtes Gewissen, ja, das hatte er auch mal, früher. Wenn er zu Hause wieder Geld aus der Kasse genommen hatte und seine Mutter ihn anschrie, was mal aus ihm werden solle. Und später, als er seine ersten Autos knackte und Radios stahl. Das war schon die Zeit, als ein falscher Satz, ein scheeler Blick reichte, und er schlug zu. Hinterher schickte er den Opfern manchmal einen Blumenstrauß - fürs Gewissen. Da war Ivan Kirr 17 und hatte noch sechs Jahre: in Freiheit. Bevor er zum Mörder wurde.

15 Jahre lang saß er hinter Gittern, seit vier Jahren ist er auf Bewährung draußen. Er gehört zum Hamburger Verein "Gefangene helfen Jugendlichen".

Grabow ist eine 6000-Einwohner-Stadt im Landkreis Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Kirr, 100 Kilo, Glatze rasiert, ein Berg von einem Mann, alles Muskeln, hockt hinter einer Schulbank, vor ihm 27 Mädchen und Jungen der Friedrich-Rohr-Regionalschule, alle zwischen 15 und 17 Jahre alt.

Kirr erzählt, wie sein Absturz begann: Mit 15 kam er aus dem grauen Ostblock in den bunten Westen. Er hielt sich für cool, für hart und überlegen, dachte, er könne sich alles nehmen - egal, wem es gehörte. Die Jugendlichen hören gebannt zu. Fast alle hatten schon Ärger mit der Polizei. Fast alle kennen das örtliche Revier in der Prislicher Straße.

Das Jugendamt Grabow hat die Ex-Knackis angefordert. "In der neunten Klasse gibt es viele, die den Kopf längst zugemacht haben", sagt der Schulpädagoge. Jungen und Mädchen, die auf nichts mehr reagieren. Sie lernen nicht, sie hängen ab. Schlafen im Unterricht oder üben Machtkämpfe - mit ihren Lehrern.

"Hab' ständig Stress mit den Bullen gehabt", erzählt Magda, 17, lässig und klimpert mit tiefschwarz getuschten Wimpern. Ihren richtigen Namen nennt sie nicht, das Dorf ist klein. "Es gab mehrere Anzeigen wegen schweren Diebstahls und schwerer Körperverletzung."

"Ich war der komische Typ aus dem Ostblock"

Bald wird sie mit ihren Mitschülern einen Ausflug in den Knast machen. Die Jungen besuchen die Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, "Santa Fu" genannt, die Mädchen das Frauengefängnis Hahnöfersand. Drei Minuten werden sie in eine Zelle eingesperrt - zur Abschreckung.

Ivan Kirr war auch drei Minuten im Gefängnis - 2,6 Millionen Mal drei Minuten.

1984 ging er in die 11. Klasse eines Hamburger Gymnasiums. Ivans Eltern waren aus Rumänien geflohen, die Mutter schuftete Tag und Nacht, auch an den Wochenenden. "Unser Ivan wird mal Arzt", erzählte sie stolz. Und wusste gar nicht, wie das geht. Bei Elternsprechtagen verstand sie die Lehrer nicht, erst recht nicht das deutsche Schulsystem. Sie verdiente in einer Eisdiele das Geld, damit es ihr Junge mal besser hätte, und merkte nicht, dass ihr Sohn nicht besser wurde, nur immer schlimmer.

"Ich war immer der komische Typ aus dem Ostblock, gehörte nie dazu", sagt Kirr. Und während seine Mitschüler die ersten Bewerbungen schrieben, sich für Studienfächer interessierten, startete auch er seine Karriere: als Krimineller. Er begann zu klauen, schmiss die Schule.

Hätte ihn damals ein Ex-Häftling davon abhalten können, irgendwann einen Menschen umzubringen? Ivan Kirr weiß es nicht: "Da hätte vielleicht schon in meiner Kindheit etwas passieren müssen."

Ivan als Sechsjähriger: "Zum Geburtstag gab es einen Plastikbagger. Ein Wahnsinnsteil, damals im Ostblock. Ich war so stolz. Meine Freunde wollten sehen, wieviel er transportieren kann, packten Eisen auf die Schaufel - da brach sie ab." Und die Eltern? "Mein Vater war wütend, nahm mich beim Hosenbund und warf mich quer durch den Flur. Ich seh' das Muster des Läufers noch heute unter mir, dann knallte ich an die Wand."

Ivan als Zehnjähriger: "Ich war in ein Schlammloch gefallen, mein Sonntagsanzug war vollgesaut. Mein Vater nahm den Riemen, weil wir zu spät zur Messe kamen."

Ivan als 18-Jähriger: Ärger mit den Eltern, Ärger mit den Lehrern, Ärger mit der Polizei. Ivan haute aus Deutschland ab, zur Fremdenlegion. "Kein Labern, keine Verantwortung, klare Befehle. Es war geil." Soldat Ivan lernte zwei Dinge: das "perfekte, schnelle, lautlose Töten" - so stand es später in seinem Urteil - und dass Kameraden eine Familie sind. Nach einem Jahr desertierte er. Noch vier Jahre bis zum Mord.

"Gewalt ist ein Zeichen von Schwäche", predigt er heute oder: "Schaltet vor dem Mistbauen euren Kopf an." Zurück in Deutschland konnte er selber alles abschalten, zur Maschine werden. "Ich wollte kein Goethe, kein Schiller. Ich wollte ballern."

Ivan fing mit dem Thai-Boxen an. Und war gut, der Beste. Deutscher Meister im Mittel- und Halbschwergewicht. Eine Disco heuerte ihn als Türsteher an. "Ich war der King of the Night, konnte alles bestimmen und fand endlich Freunde." Die falschen. Türsteher von anderen Discos auf St. Pauli, eine gefährliche Clique. Ivan Kirr hatte immer wieder Ärger mit der Polizei, es liefen mehrere Verfahren wegen schwerer Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitzes. Noch zwei Jahre bis zum Mord.

"Ich weiß, ich bin ein Stück Scheiße"

Für die Jugendlichen in Grabow sind die Cliquen ihre Ersatzfamilien. Magda erzählt von ihrer Mutter. Die Ex ihres neuen Lebensgefährten machte Stress - Telefonterror, schmutzige Briefe. Magdas Freunde organisierten ein Butterfly-Messer. Und sie zerstach die Autoreifen von Mamas Rivalin.

"Warum bist du nicht zur Polizei gegangen?", fragt Ivan Kirr.

"Die Bullen, die helfen doch sowieso nie", sagt Magda. Sie guckt trotzig: "Ich weiß, ich bin ein Stück Scheiße. Aber die hat meine Familie beleidigt, und da raste ich aus."

Später, draußen im Flur, sagt Kirr: "Das Schlimme ist, dass sie Erfolg hatte. Keiner zeigt ihr Grenzen, und sie denkt, sie kann immer so weitermachen."

Der Ex-Häftling und das Schulmädchen - eigentlich sollten Welten diese beiden trennen. Vielleicht sind es aber auch nur ein paar Jahre, ein paar Erfahrungen, die Magda noch nicht gemacht hat.

Auch Ivan hatte ein Messer. Die Mordwaffe. Eines Tages, 1990, erzählt ihm sein Freund Hans-Joachim S., dass er erpresst wird. Von einem Kumpel, der Bescheid weiß über krumme Geschäfte mit Papieren von Schrottautos. Er bittet um Hilfe.

Am Abend des 24. Juni 1990 treffen sich die drei. "Wir wollten nur reden, ein bisschen Druck machen", erinnert sich Kirr.

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insgesamt 157 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.01.2010 von aintnostyle: .

sie unterstellen nicht haltbar und relativieren dann? und ihre "vorschläge" laufen stringent auf physische gewalt hinaus. das zu zerreissen ist m.E. völlig zulässig. den teufel mit belzebub austreiben funktioniert [...] mehr...

14.01.2010 von tj79: Wen wunderts?

Das hört sich für mich nach einem typischen US-Slum an, wie man ihn in den 90er Jahren vermittelt bekommen hat (Dangerous Minds). Ich vermute da einen Zusammenhang. Und den Pöbel einfach niedermachen, damit die gehobene Schicht [...] mehr...

14.01.2010 von Sapientia: Man kann es drehen und wenden wie man will,...

Gewalttäter Nr. 1 und aktiver Part dieser ganzen Misere ist der Staat, der Armut überhaupt zulässt und ggf. benutzt - und das vor dem Hintergrund dieses Grundgesetzes! mehr...

14.01.2010 von wollbärtinger: --->

Ihren verehrten Herrn Aristoteles, @aintnosyle, würde es vermutlich recht unkommod vom Stängelchen hageln: Zum ersten Mal konfrontiert mit z.B. einem vollbewaffneten Amoklauf an einer Schule. D'accord? Oder: U-Bahn-Attacken, [...] mehr...

13.01.2010 von Gertrud Stamm-Holz: titel

Unterhalten Sie sich mit Leuten, die dieses Schicksal tragen. Davon gibt es viele. Es mag Ihr Vorstellungsvermögen übertreffen, Tatsache bleibt es trotzdem. Einfach zu behaupten, man wäre nur weinerlich, halten Sie das auch [...] mehr...

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Gefangene helfen Jugendlichen e.V.

Die Idee zum Projekt „Gefangene helfen Jugendliche e.V.“ hatten 1996 vier Inhaftierte der Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, genannt „Santa Fu“. Nach einer Erprobungsphase startete das Projekt 1999. Heute besuchen sieben Ex-Straftäter regelmäßig verschiedenen Schulen und Jugendeinrichtungen. Sie erzählen Jungen und Mädchen zwischen 15 und 21 Jahren aus ihrem Leben, zeigen auf, wie schnell man abrutschen kann und warnen vor den Konsequenzen. Der Verein finanziert sich hauptsächlich durch Spenden, ist seit 2005 anerkannter Jugendhilfeträger.





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