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19.02.2010
 

Eltern im Alter

"Du musst dich kümmern, es ist doch dein Vater"

Von Barbara Hardinghaus

Nicole Schneider-Gorges: "Das geht nicht, Papa"Zur Großansicht
Annette Hauschild / Ostkreuz

Nicole Schneider-Gorges: "Das geht nicht, Papa"

Plötzlich fehlten ihm Wörter, wenn er erzählte. Er schämte sich, ging nicht mehr aus dem Haus - wurde depressiv. An einem Sommertag musste Nicole Schneider-Gorges ihren Vater in eine Klinik bringen lassen. Wenn Eltern plötzlich zu Kindern werden: Die Geschichte eines Dramas, das Abertausende täglich durchleben.

"Sie sollten ihren Vater jetzt in die Klinik bringen lassen", sagte der Arzt zu Nicole Schneider-Gorges.

Sie sah ihren Vater an, den sie zum Untersuchungstermin begleitet hatte an jenem Tag im vergangenen Sommer. Ihr Vater sah den Arzt an und sagte: "Aber ich muss nach Hause, zu meiner Frau."

"Das geht nicht, Papa", sagte seine Tochter Nicole.

Dann ließ sie den Krankenwagen holen an diesem warmen Tag und ihren Vater in die Klinik Hedwigshöhe in Berlin-Grünau bringen, in eine psychiatrische Abteilung. Während sie auf die Ambulanz warteten, dachte Nicole Schneider-Gorges darüber nach, was sie machen solle, wenn ihr Vater sich wehrte.

Ein paar Wochen später, der Sommer neigt sich zu Ende, sitzt sie im Foyer des Klinikums, eine kleine Frau, verheiratet, sie hat zwei Kinder, blonde Haare, rosa Lippen, und sie sagt, dass die Ablehnung durch ihren Vater am schwersten zu ertragen sei.

Lehnt er sie tatsächlich ab? Oder tut er das nur, weil er krank ist? Nicole Schneider-Gorges ist gerade bei ihrem Vater zu Besuch gewesen, eine Dreiviertelstunde. "Das war lang", sagt sie. Manchmal sage der Vater ihr nach zehn Minuten schon, sie solle gehen.

Er lacht nicht mehr, wenn sie durch die Tür kommt, er sieht sie nicht mehr an. Er macht sie dafür verantwortlich, dass er in der Klinik ist, im Irrenhaus, so nennt er es.

Sie habe ihn hierher gebracht, sagt er immer wieder, ihn, den Chefkonstrukteur, den Gewinner des Nationalpreises der DDR und "verdienten Erfinder des Volkes".

Der Vater suchte die günstigste Autoversicherung, legte ihr Geld an

Wenn seine Tochter zurückblickt, sagt sie, dass ihrem Vater das Älterwerden eigentlich gut getan habe. Es habe ihn entspannt, er sei "ein bisschen mehr Opa" geworden.

Aber dann, um Weihnachten 2008 herum, fehlten ihm plötzlich einzelne Wörter, wenn er erzählte. Ursache dafür war unter anderem eine Form von Demenz. Also erzählte er nichts mehr, schämte sich, blieb zu Hause, traf seine Freunde nicht mehr nach der Sauna, ging nicht mehr ins Lokal, wurde depressiv.

"So richtig positiv drauf war er zum letzten Mal im März 2009", sagt seine Tochter. Sie sagt auch, dass sie sich immer einen Mann wie ihren Vater gewünscht habe, als sie ein kleines Mädchen war. Er war verlässlich, er half.

Eigentlich kümmerte er sich noch bis zum Dezember vergangenen Jahres um seine Tochter. Er suchte ihr die günstigste Autoversicherung heraus, wie immer zum Jahresende. Er legte auch ihr Geld an.

Nun sitzt sie mit den vielen Ordnern ihres Vaters zu Hause und weiß nicht, was sie damit machen soll.

"Reiß Dich zusammen, Klaus!" - "Das kann er nicht mehr"

"Ich habe das nie lernen müssen, das hat immer mein Vater gemacht", sagt sie. "Und meine Mutter tappt genauso im Dunkeln wie ich." Es gibt keine Vollmacht, keine Patientenverfügung, nichts. Manchmal rufe ihre Mutter an, sagt sie, und lese die Post ihres Vaters vor. "Autosteuern?", fragt die Mutter, "Bezahl sie einfach!", antwortet die Tochter.

Sie sei schlampig, wenn es um ihren eigenen Kram gehe, sagt sie. Im Beruf sei das etwas anderes. Sie arbeitet auch in einem Krankenhaus, als Sozialpädagogin. Sie berät Patienten, die die Klinik verlassen, spricht mit Anwälten, Jobvermittlern, Banken.

"Es ist vieles anders, wenn man selbst betroffen ist", sagt sie. Sie erkenne gut, wenn Angehörige den Patienten gegenüber unwirsch würden. Wenn sie es selbst werde, merke sie es nicht immer gleich, beinahe so, als gestehe sie ausgerechnet ihren eigenen Eltern den unangenehmen Teil des Älterwerdens nicht zu.

"Meine Mutter ruft immer an, wenn es gerade schlecht ist", sagt sie und lächelt kurz.

"Reiß Dich zusammen, Klaus!", sage ihre Mutter manchmal, wenn sie bei ihrem Mann am Bett steht, wenn er sie anbrüllt und sie die Welt nicht mehr versteht.

"Das kann er nicht mehr, Mama", mahnt Nicole Schneider-Gorges dann.

"Meinst Du wirklich?", sagt ihre Mutter und weint.

"Mich zu kümmern würde bedeuten, meinen Job aufzugeben"

Wie es jetzt weiter geht? "Ich weiß es nicht", sagt Nicole Schneider-Gorges. Vielleicht werde ihr Vater schon bald entlassen, er sei eingestellt auf die Medikamente, aber die Demenz, das Vergessen der Wörter werde zunehmen mit der Zeit.

Und dann?

"Du musst dich doch kümmern, es ist dein Vater", diesen Satz hört auch Nicole Schneider-Gorges oft. "Mich kümmern?", sagt sie ratlos. "Das würde bedeuten, dass ich meinen Job aufgeben müsste, mein Leben."

Was Angehörige erleben, wenn sie etwa einen demenzkranken Menschen pflegen, sei oft schwer auszuhalten, sagt Annette Richert. Sie ist Ärztin im Krankenhaus Hedwigshöhe, in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Funktionsbereich Gerontopsychiatrie. Sie behandelt Menschen, die älter sind als 65 und unter Verwirrtheitszuständen, Demenz oder einer Depression leiden wie der Vater von Nicole Schneider-Gorges. Eine Pflege laufe rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, sagt Richert.

Sie rät Angehörigen, entlastende Hilfe anzunehmen, Beratungen, Besuchs- oder Pflegedienste. "Kinder können das meist besser als Ehepartner, denn die haben ihr eigenes Leben und deshalb mehr Abstand", sagt Richert.

Mit diesem "Abstand" tun sich Töchter nach Richerts Erfahrung jedoch schwerer als Söhne. "Männer sind da im Allgemeinen vernünftiger."

Erfüllt der Sohn die Wünsche nicht, ist er "böse" in den Augen der Mutter

"Ein gewisser Teil der alten Beziehung bleibt, trotz der Krankheit", sagt die Ärztin. Die Gefühle vor allem, aber auch die Abgrenzung, die Hierarchie zwischen Elternteil und Tochter.

Es gebe jedoch Momente im Leben, in denen müssten Kinder sich von den letzten Reflexen der elterlichen Autorität trennen.

Kompliziert sei auch die Konstellation zwischen einer Mutter, die unter einer Demenz leidet, und ihrem Sohn, wenn der nie einen Vater hatte. So habe die Mutter etwa Wünsche, die fernab lägen von jeglicher Realität. Wenn der Sohn sie nicht erfüllt, ist er "böse" in den Augen der Mutter. "Da stecken Kinder leicht in der Klemme", sagt Richert. Es klingt, als mache Liebe eine Pflege schwerer.

Sie selbst, erzählt Richert, habe ihre 82-jährige Mutter am Morgen das erste Mal zum Arzt begleitet. Sie sagt, dass es natürlich leichter sei für Kinder, wenn Eltern ohne große physische Handicaps alt würden - sie haben dann Zeit, sich an ihre neue Rolle zu gewöhnen.

Nicole Schneider-Gorges sitzt ein bisschen verloren zwischen all den leeren Stühlen im Foyer des Klinikums. Sie ist Einzelkind. So sehr wie jetzt, sagt sie, habe sie sich noch nie Geschwister gewünscht.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, Nicole Schneider-Gorges habe ihren Vater "in ein Heim" gebracht. Tatsächlich musste er vorübergehend in eine Klinik, kam nach dem Klinikaufenthalt aber wieder nach Hause. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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