Zu teuer, zu ineffizient, zu wenig transparent und qualitativ schlecht - insgesamt marode, geradezu verrottet: So klagen Ärzte, Vertreter von Krankenkassen, Politiker und auch Patienten über das deutsche Gesundheitssystem.
Je nach Standpunkt unterscheiden sich die Analysen allerdings dramatisch: Die Ärzte kassierten kolossale Honorare, meinen die einen. Die anderen klagen, dass Mediziner zu Mini-Löhnen schuften müssten. Die Kassenbeiträge seien astronomisch hoch, sagen Versichertenverbände - oder deutlich zu niedrig, sagen die Kassen selbst. Krankenhäuser gibt es zu viele oder in der falschen Größe oder sie sind nicht richtig spezialisiert. Apotheker sind Halsabschneider, keine Frage, oder nagen am Hungertuch, die armen Würstchen. Die Pharmaindustrie verdient sich dumm und dämlich oder steht kurz vor dem Ruin.
Sicher weist unsere Gesundheitsversorgung Mängel und Fehler auf, und es sind bedenkliche darunter. Nicht umsonst wird seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das System unablässig reformiert, hat sich die Gesundheitsreform zu einer Daily Soap der deutschen Politik entwickelt.
Erst 1000 Dollar, dann Behandlung
Aktuell dreht sich der politische Streit um Gesundheitsfonds und Kopfpauschale. Wobei das amüsante Spiel dem Bürger seit Jahrzehnten die gleiche Handlung bietet: Die Beiträge der Krankenkassen sollen nicht steigen, tun dies aber munter, die Ausgaben für die Medizin dürfen nicht wachsen, schießen aber in die Höhe, so werden Leistungen gestrichen und Zuzahlungen angehoben.
Steht in Deutschland also der Untergang der Medizin bevor? Gemach - die Wahrheit ist: Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt.
Wer zwischen Kiel und München ernsthaft erkrankt und in der Notaufnahme einer Klinik landet, der wird dort behandelt - und meist nicht schlecht. Dabei spielt es keine Rolle, bei welcher Krankenkasse der Patient versichert ist, ob er Millionen auf dem Konto hat oder von staatlicher Unterstützung lebt.
Das gehört sich auch so? Stimmt, nur ist es alles andere als selbstverständlich auf dieser weiten Welt.
Ich musste einmal wegen meines kranken Herzens eine Klinik in Rancho Mirage im US-Bundesstaat Arizona aufsuchen, mich plagten massive Herzrhythmusstörungen. Die Ärzte dort nahmen sich meiner erst an, nachdem meine Frau per Kreditkarte 1000 Dollar hinterlegt hatte. Die Behandlung selbst, Elektroschocks unter Vollnarkose, war dann ausgezeichnet, kostete aber ruckzuck noch ein paar tausend Dollar mehr.
Und nebenbei erwähnt: Noch immer besitzen rund 45 Millionen Menschen in den USA keine Krankenversicherung, auch wenn US-Präsident Barack Obama das gern ändern würde. In Deutschland sind aufgrund der Versicherungspflicht fast alle versichert, mehr als 99 Prozent.
Drin ist, was drauf steht
Nur ein zusätzliches nettes Handgeld, direkt an Ärzte oder Pfleger gezahlt, garantiert in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt eine wirksame medizinische Versorgung. Wer sich die kleine heilende Bestechung nicht leisten kann, hat es leider weiter am Rücken, den Bronchien oder der Niere.
Bei einem Unfall sind die Überlebenschancen in Deutschland hoch, weil ein dichtes Netz aus Krankenhäusern und Notfallkliniken besteht, und der Krankenwagen braucht keine zwei Stunden, sondern nur fünf oder zehn Minuten, bis er beim Unfallopfer ist. Auch das ist nicht überall auf diesem Globus eine Selbstverständlichkeit. Sie wissen ja: Um etwa einen Herzinfarkt zu überleben, zählt jede Minute.
Bei Husten, Schnupfen, Heiserkeit finden Sie zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen meist in erträglicher Nähe zu Ihrem Zuhause einen Hausarzt. Benötigen Sie die Dienste eines Fachmediziners wie Radiologe, Kardiologe oder Orthopäde, in der nächsten größeren Stadt kann Ihnen geholfen werden.
Unterschätzen Sie auch nicht scheinbare Banalitäten: In den Medikamenten aus unseren Apotheken ist das drin, was drauf steht. Und was sie brauchen, bekommen Sie meist sofort oder innerhalb eines Tages. In zahlreichen Ländern können Sie froh sein, wenn eine Tablette überhaupt irgendeinen Wirkstoff enthält, über Qualität und Menge sollten Sie besser nicht nachdenken.
Angemessen und erfolgreich betreut
Angst vor Spritzen dürfen Sie natürlich auch bei uns pflegen. Aber Sie müssen in Deutschland angenehmerweise nicht fürchten, sich beim Stich mit der Nadel gleich Hepatitis A bis E oder eine andere exquisite Ansteckungskrankheit einzufangen.
Vergessen Sie nicht: All das ist zwischen Nord- und Südpol nicht selbstverständlich. Schon in manchen Ländern Süd- und Osteuropas kann einen der Blick in eine Ambulanzstation das Fürchten lehren.
Derzeit bekommen Sie bei uns noch unabhängig von ihrem Alter ein künstliches Hüftgelenk, die Frage ist nur, ob es medizinisch sinnvoll erscheint. In Großbritannien bestehen aus finanziellen Erwägungen für einzelne Eingriffe bereits Altersgrenzen, ganz unabhängig vom Allgemeinzustand des einzelnen Menschen. Sind Sie zu alt, dann heißt es einfach "tschüs!"
Klar, im medizinisch-industriellen Komplex in Deutschland, und um den handelt es sich in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, liegt vieles im Argen. Doch ich bin mit mehreren Herzfehlern geboren, mehrmals am Herz operiert, bis heute von Medikamenten abhängig. Ich bin regelmäßiger Kunde bei Ärzten und in Kliniken. Mein Erfahrungsschatz als Patient ist groß, und ich bin kein Privatpatient.
Mein Fazit bis heute: Ich wurde, abgesehen von individuellen Fehlern und einzelnen Mängeln, meist angemessen und auch erfolgreich betreut. Ich habe dank dieses viel gescholtenen deutschen Gesundheitssystems überlebt.
Auszug aus: "Das Loch in meinem Herzen. Ein Lob auf die moderne Medizin". Droemer Verlag, München; 224 Seiten; 16,95.
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Na dann erzählen Sie mal wieviel Sie einzahlen. Vermutlich hatte ich in meiner aktiven Zeit wesentlich mehr eingezahlt. mehr...
Quatsch,die Ärzte streiken nicht für den Erhalt der Hausverträge, denn die will niemand abschaffen. Die Ärzte streiken dagegen, dass die Honorare in den Hausarztverträgen nicht stärker steigen sollen als die allgemeine [...] mehr...
Das ist doch gar nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, dass von Ärzteseite ständig suggeriert wird, die Kassenärzte müssten in vielen Regionen mit weniger Honorar auskommen als vor der Reform 2009. Tatsächlich [...] mehr...
wenn es den Ärzten so schlecht geht, warum studieren dann so viele für diesen Beruf?? Niemand zwingst sie. Wenn nicht die Bevölkerung in Jahrzehnten so erzogen worden wäre, bei jeder Kleinigkeit [...] mehr...
Natürlich ist er das nicht, aber was sagen Sie den Krankenschwestern? Geht es denen anders? Erzählen Sie DENEN mal was von 90.000€! Richtig! Deswegen haben Sie auch Verantwortung - den Menschen gegenüber. Genauso wie die [...] mehr...
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