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25.02.2010
 

Sexueller Missbrauch in der Kirche

"Ich verwalte meinen Körper nur noch"

Von Barbara Hans

Er wurde von einem Priester gezeugt und wuchs in katholischen Erziehungsheimen auf: Statt christlicher Werte prägten Schläge und sexueller Missbrauch den Alltag von Eckhard O. Mal vergriffen sich Geistliche an dem Jungen, mal Angestellte der Kirche - und bis heute schweigen sie dazu.


Hamburg - Die Szene wirkt auf den ersten Blick so harmlos: Ein Junge sitzt auf den Knien eines Mannes, sie spielen, wirken vertraut. "Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er", der Mann wippt mit den Knien, auf und ab, immer wieder. Es ist sein Lieblingsspiel, gerne fordert er die Jungs dazu auf.

Doch der Mann ist ein junger Geistlicher und der Junge für das Spiel eigentlich schon viel zu alt. Durch die Hose spürt er das erigierte Glied des Priesteramtsanwärters. "Was ist das da in deiner Hose?", fragt er irgendwann unbedarft. "Mein Schlüsselbund", lautet die Antwort. Es wird Jahre dauern, bis der Junge versteht.

Jahrelang wird er meinen, es sei normal, dass katholische Priester versuchen, einen Zwölfjährigen auf der Krankenstation zu befriedigen, ihm in den Schritt fassen, darauf bestehen, selbst ein Zäpfchen zu verabreichen, obwohl es eine Krankenschwester gibt. Er erlebt in dieser Zeit, dass Betreuer bei kirchlichen Freizeiten die pubertierenden Jungen in der Dusche waschen und massieren, ihre eigene Erregung zur Schau stellen. Er erlebt, dass ein Mitarbeiter der Kirche sich so unverhohlen an den Jungen vergreift, dass er strafversetzt wird.

Und der Junge erlebt auch, wie entsetzt die Geistlichen, in deren Obhut er aufwächst, reagieren, als er berichtet, der Betreuer habe "die Todsünde mit ihm gemacht". Entsetzt nicht etwa über die Taten - sondern über die "blühende Phantasie des Jungen".

"Ich war immer auf der Flucht"

Eckhard O.* ist dieser Junge, an dem die katholische Kirche sich versündigt hat. Er ist heute 61 Jahre alt. Er sagt, er habe nie sein eigenes Leben gelebt. Er ist massig, sehr massig, fast drei Zentner hat er sich "angefressen" in all den Jahren, auch das sagt er so. Er ist kein Mann der leisen Worte. Zu einem Schöngeist hat ihn die Kirche nicht erzogen, er ist ein Malocher.

Er habe sich "einen körperlichen und seelischen Panzer angelegt", urteilten Psychologen 2002.

"Ich verwalte meinen Körper nur noch", sagt der Mann hinter dieser Rüstung aus Fleisch. Das ist kein pathetischer Satz. Es ist die Wahrheit. 18 Medikamente täglich halten den Koloss am Leben, mehr schlecht als recht. Krebs hat er, Diabetes auch, nach einem Herzinfarkt lag er sechsmal unter dem Messer. Die Pumpe macht nicht, was er will, mal schlägt sie zu schnell, dann wieder setzt sie aus. Wie lange sie es überhaupt noch macht, das weiß er nicht. Nur: Lange wird es nicht mehr sein, so viel steht fest.

Es ist diese Gewissheit, die ihn reden lässt.

Die Gewissheit, dass dieses Leben, das nicht seins war, bald ein Ende haben wird. Bald hat er all die schlaflosen Nächte hinter sich, in denen Alpträume ihn quälen. Die Angstattacken, die Wut, die Aggression. "Ich war immer auf der Flucht", sagt Eckhard O.

Ins Leben geworfen wurde er als Kind einer zu jungen Mutter und eines Pfarrers, der sich nie zu den beiden bekannte. "Ich habe ihm alles geglaubt, was er mir versprochen hat. Ich war so naiv", hat O.s Mutter gesagt, mehrfach. Immer wieder hat sie zu Lebzeiten bekräftigt, dass der Geistliche aus Telgte, Pfarrer in der Gnadenkapelle, Eckhards Vater sei. Sie hatte keinen anderen Mann. Die offizielle Vaterschaft übernahm jedoch, Monate nach der Geburt, ein greiser Steinmetz, den Frau O. kaum kannte - "für das Amt", damit alles seine Ordnung hatte.

Frau O. wurde Eckhard, dieser unehelich gezeugte Säugling, weggenommen. Aufgewachsen ist er erst im katholischen Vinzenzwerk in Münster-Handorf, später im Salvator-Kolleg in Hövelhof bei Paderborn.

Die Alimente wurden regelmäßig gezahlt, weit mehr Geld als damals üblich. Der Standardsatz für ein Kind im Heim lag seinerzeit bei rund 2,50 Mark pro Tag. Für den kleinen Eckhard wurden pünktlich 8,53 Mark an die Nonnen vom Vinzenzwerk überwiesen. Für den Steinmetz wäre das allmonatlich ein kleines Vermögen gewesen. "Der war's nicht", sagt O. Er glaubt, die Kirche habe über diesen Umweg für ihn gezahlt.

Die Reaktion der Kirche: Man ist gerührt, nicht verantwortlich

Sein Leben war unstet: Gelernt hat O. in der Landwirtschaft, gearbeitet hat er die meiste Zeit als Lastwagen- oder Taxifahrer. Immer unterwegs, in Bewegung. Seine Ruhe ist die Rastlosigkeit, die ihn wenigstens eine Zeitlang vergessen lässt, was geschehen ist. "Das ist mein Gefühl von Freiheit."

In den letzten Jahren hat er sich aufgebäumt, gekämpft für ein bisschen Gerechtigkeit. Er hat Dokumente zusammengesucht, hat Dutzende Briefe auf seiner Schreibmaschine geschrieben, die Worte haben sich in einem Wutschwall den Weg gebahnt, er hat sie in die Tasten gehämmert mit seinen Pranken. Manche Buchstaben stehen an falscher Stelle, manche sind groß, obwohl sie klein sein müssten.

Jahrelang hatte er geschwiegen, verdrängt, die Gedanken nicht zugelassen. Der Schmerz saß zu tief, vergraben irgendwo hinter dem Panzer. Wenn er die Gefühle heute zulässt, dann beginnt sein Körper zu beben, O. wird unkontrolliert laut, das freundliche Gesicht zornesrot. Deshalb dosiert er seine Emotionen wie ein kostbares Gut.

Manche der Blätter heißen "Erinnerungen an regenreiche Tage im Herbst 1961", andere sind adressiert an die Würdenträger der Kirche: die Verantwortlichen der Bistümer, die Bischofskonferenz, seine Peiniger, die noch leben.

Einige haben geantwortet. Höfliche Anschreiben auf Briefpapier mit buntem Logo hat O. aus seinem Briefkasten gefischt: "Vielen Dank für Ihr Schreiben, Ihr Schicksal bewegt uns, die besten Wünsche für Ihre Gesundheit - und Gottes Segen." Man sei betroffen von seiner Geschichte. Gerührt: ja. Verantwortlich: nein. Es ist ein verbaler warmer Händedruck, mehr nicht.

Ein Einzelgänger war O. schon immer, die Kirche macht ihn zu einem Einzelkämpfer. Er weiß, dass er diesen Kampf, seinen letzten, nicht gewinnen kann.

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