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24.02.2010
 

Rücktritt von Bischöfin Käßmann

Im Zweifel für die Geradlinigkeit

Von Simone Utler

Sie bereut, macht sich Vorwürfe - und sieht ihre Autorität unrettbar beschädigt: Margot Käßmann ist nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von ihren Ämtern als EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin von Hannover zurückgetreten. Für ihren Schritt erntet sie neben Bedauern auch Anerkennung.

Hannover - Ihren Rücktritt vom höchsten Amt in der evangelischen Kirche gestaltete Margot Käßmann so, wie sie zuvor auch ihren beruflichen Werdegang gestaltet hatte: geradlinig und konsequent.

Als am frühen Mittwochnachmittag durchsickerte, dass die EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin von Hannover ihre Ämter niederlegen wollte, war die Überraschung groß.

Schließlich war Käßmanns Verfehlung, unter Alkoholeinfluss Auto gefahren zu sein, zuvor größtenteils mit Verständnis aufgenommen worden. Was sollte einer Frau wie ihr, einer geschiedenen Pastorin, der ihre menschliche Fehlbarkeit immer eine besondere Autorität und Nahbarkeit verliehen hatte, ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung auf lange Sicht eigentlich anhaben können?

Doch gerade ihre Autorität als moralische Instanz sah Käßmann nun offenbar so stark geschädigt, dass sie den Rücktritt für geboten hielt.

Im hellgrauen Kostüm, das Gesicht dezent geschminkt, trat die 51-Jährige um 16 Uhr in Hannover vor eine Phalanx aus Mikrofonen und Kameras.


"Ich habe einen Fehler gemacht", sagte Käßmann, "aber auch wenn ich ihn bereue und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe, kann und will ich nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind."

Besonders die fulminante Diskussion um ihre umstrittene Neujahrspredigt scheint Käßmann Anfang des Jahres zugesetzt zu haben - die Bischöfin hatte darin Kritik am deutschen Afghanistan-Einsatz geübt, und diese später auch gegen heftige Anwürfe verteidigt.

"Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen hätte ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte", sagte Käßmann am Mittwoch in Hannover. Sie habe für ihre Predigt "harsche Kritik" einstecken müssen - solche Situationen, so Käßmann, seien "nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt" werde (klicken Sie für den kompletten Wortlaut der Erklärung hier).

"Meine Geradlinigkeit, die mir viel bedeutet"

Immer wieder lächelte Margot Käßmann bei der Pressekonferenz. Ein Wort von Jesus Sirach, "Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät", sei ihr mit auf den Weg gegeben worden. "Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben", fügte Käßmann hinzu. Manches, was sie zu der Causa Alkoholfahrt lese, sei mit der Würde ihrer Ämter nicht vereinbar.

Käßmann machte deutlich, dass die Entscheidung des Rücktritts ihre ganz persönliche war: "Es tut mir leid, dass ich viele enttäusche, die mich gebeten haben, im Amt zu bleiben, ja die mich vertrauensvoll in diese Ämter gewählt haben." Der Rat der EKD hatte ihr am Abend zuvor in einer Telefonkonferenz noch deutlich sein Vertrauen ausgesprochen.

Reaktionen auf den Käßmann-Rücktritt

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Aber, so Käßmann: "Mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Geradlinigkeit, die mir viel bedeutet."

Auch wenn die Ansprache nur knapp sechs Minuten dauerte - sie war bewegend, stellenweise sehr persönlich. Käßmann wandte sich an die Menschen, die sie getragen und gestützt hätten, dankte "für alle Grüße und Blumen - die meiner Seele sehr gutgetan haben in diesen Tagen". Besonderen Dank widmete sie ihrem Team, das ihr "in manchem Sturm die Treue gehalten" habe, und ihrer Familie. "Ich danke meinen vier Töchtern, dass sie meine Entscheidung so klar und deutlich mittragen und heute hier sind." Das sei nicht selbstverständlich.

Weiterhin wolle sie jedoch als Pastorin arbeiten, "ich habe 25 Jahre nach meiner Ordination vielfältige Erfahrungen gesammelt, die ich gern an anderer Stelle einbringen werde."

Zum Abschluss nahm Käßmann, die 2006 ihre Brusterkrankung und 2007 ihre Scheidung öffentlich gemacht hatte, Bezug auf die harten Zeiten in ihrem Leben. Aus vorangegangenen Krisen wisse sie: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar." Nach sechs Minuten war die Pressekonferenz beendet.

"Die Entscheidung verdient Respekt"

Die Reaktionen auf diesen öffentlichen Auftritt fielen fast durchweg positiv aus. Vor allem für ihre Geradlinigkeit wurde Käßmann gelobt. "Die Entscheidung von Bischöfin Käßmann verdient Respekt", sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. "Sie beweist ihre große persönliche Integrität." Gleichwohl bedauere sie den Schritt aus tiefstem Herzen. Die Gesellschaft brauche "mehr streitbare Menschen" wie Käßmann.

"Ich spreche ihr meinen ausdrücklichen Respekt aus für die Konsequenzen, die sie für ihr Fehlverhalten gezogen hat", sagte die hannoversche Bundestagsabgeordnete Maria Flachsbarth. "Diese Entscheidung war richtig, weil sie sie getroffen hat." Sie habe Schaden von ihrem Amt und der Kirche abwenden wollen. "Das zeichnet sie auch aus als wahrhaftige und geradlinige Frau." Für die evangelische Kirche sei der Rücktritt ein Verlust.

Auch der Theologe Friedrich Schorlemmer kann nach eigenen Angaben die persönlichen Gründe Käßmanns für den Rücktritt verstehen. "Sie gewinnt damit ihre Freiheit zurück, die sie sonst nicht wiederbekommen hätte. Dieses Vergehen würde sie täglich verfolgen, egal wo sie auftritt und wozu sie sich auch äußert." Käßmann erspare sich jetzt sicherlich weitere Häme, aber für die Christen in Deutschland sei der Amtsverzicht der Bischöfin "ein sehr herber Verlust", sagte er der "Leipziger Volkszeitung".

Schorlemmer kritisierte in dem Zusammenhang eine Scheinmoral in Deutschland: "Diejenigen, die jetzt so tun, als könne Ihnen gar nichts passieren, gefallen sich in einer moralischen Pose der Überlegenheit gegenüber denen, die sich falsch verhalten. Ich wäre da sehr vorsichtig, Fehlverhalten kann ganz leicht jedem passieren", so der Theologe.

Die evangelische Kirche reagierte mit tiefem Bedauern auf den Rücktritt ihrer Ratsvorsitzenden: "Die Geradlinigkeit und Klarheit in ihren theologischen, soziopolitischen und gesellschaftlichen Positionen werden der Evangelischen Kirche in Deutschland fehlen", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der EKD-Synodenpräsidentin, Katrin Göring-Eckardt sowie des stellvertretenden EKD-Vorsitzenden, Nikolaus Schneider. "Ihr Rücktritt ist ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus."

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08.03.2010 von Internetnutzer: Käßmanns beifahrer.

Ich weiß es, aber sie eben nicht. Wer lesen kann ist echt im Vorteil. mehr...

08.03.2010 von Klo:

So ist es. Erledigt. Frau Käßmann kann gar nicht als Pastorin zurücktreten. Sie könnte höchstens bei ihrer Gemeinde ihren Arbeitsvertrag kündigen, denn sie befindet sich in einem normalen regulären Arbeitsverhältnis als [...] mehr...

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Zur Person

AP
Margot Käßmann, 51, war seit Oktober 2009 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und damit die erste Frau in diesem Amt. Seit 1999 stand die Theologin zudem als Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover vor. Bei einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss am 20. Februar 2010 fuhr Käßmann in Hannover über eine rote Ampel. Nach diesem Vorfall sei ihre "Autorität beschädigt" - Käßmann trat von ihren Spitzenämtern zurück, arbeitet aber weiter als Pastorin. Die Mutter von vier Kindern ist geschieden. Mehr auf der Themenseite...

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Käßmanns Entscheidung

Margot Käßmann tritt von ihren Spitzenämtern zurück, weil sie ihre Autorität nach der Fahrt unter Alkoholeinfluss für beschädigt hält. Ein richtiger Schritt?

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  • Nein. Diese Erfahrung von Fehlbarkeit lässt sie doch umso menschlicher erscheinen - gerade ein Grund, zu bleiben.
  • Ich weiß es nicht.





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