Von Annette Langer
Tapfer, aber auch sichtlich resigniert und mit müder Stimme trat Käßmann am Mittwochnachmittag vor die Kameras und gab ihren Rücktritt von allen Ämtern bekannt. Harsche Kritik sei "nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt" werde, sagte sie. Die Angriffe der vergangenen Tage seien mit der Würde ihres Amts nicht vereinbar - auch nicht mit dem Respekt vor sich selbst und der eigenen Geradlinigkeit (klicken Sie hier für den Wortlaut der Erklärung).
Da geht sie also, erhobenen Hauptes, die Lichtgestalt der evangelischen Kirche, die so gut aus eigener Erfahrung wusste, dass da, wo die Sonne scheint, zwangsläufig auch Schatten ist. Als geschiedene Mutter von vier Töchtern hatte sie stets nicht nur mit inhaltlicher Kritik, sondern auch mit Unverständnis für ihre Lebensführung zu kämpfen. 2006 erkrankte sie an Brustkrebs. Wieder genesen, trennte sich die amtierende Bischöfin nach 26 Ehejahren von ihrem Mann, ein Schritt, den sie selbst als "unendlich schwer" bezeichnete. "Ich weiß aus vorangegangenen Krisen, du kannst nie tiefer fallen, als in Gottes Hand", sagte sie nun zum Abschied, der für viele in der EKD überraschend kam.
Während zunächst auch Häme ausgeschüttet wurde über einer Frau, die angeblich Wasser predige und Wein trinke, erhob sich nun ein Chor des Bedauerns. "Ihr Rücktritt zeugt von menschlicher Größe. Er ist insofern vorbildlich", kommentierte etwa die "Stuttgarter Zeitung". "Sie hat biblisch gesprochen tätige Reue gezeigt. Das verdient Respekt und verbietet jegliche Form von Nachtreterei", schrieb die "Eßlinger Zeitung".
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Sie hinterlässt eine Leerstelle, auch als Identifikationsfigur für viele Christinnen, die wie sie mit ganz alltäglichen Dingen wie Scheidung, Doppelbelastung durch Beruf und Familie sowie Selbstfindung zu kämpfen haben. Die wie sie lernen müssen, sich durchzusetzen und bisweilen als Frau nicht für voll genommen werden.
"Margot Käßmann war für viele Frauen eine herausragende Identifikationsfigur, aber nicht nur für sie. Die Kirche erhoffte sich von ihr klare und neue theologische Impulse", sagte der Präsident der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau, Volker Jung, SPIEGEL ONLINE. Er habe die Bischöfin stets als "eine sehr disziplinierte Kollegin erlebt, die sich abends zeitig zurückzog, morgens joggen ging und dann sehr konzentriert an ihr Tageswerk ging". "Umso mehr hat es mich erschreckt, dass ihr ein solches Fehlverhalten unterlaufen ist."
Im Oktober war die Bischöfin aus Hannover mit überwältigender Mehrheit als erste Frau an die Spitze des Rats der EKD gewählt worden. Doch nur vier Monate später nahm ihre mit großen Hoffnungen begonnene Amtszeit ein jähes Ende.
Käßmann zog trotz demonstrativer Rückendeckung von Kirchenvertretern und Politik die Konsequenzen aus ihrer Autofahrt durch Hannover, bei der sie am Samstagabend mit 1,54 Promille Alkohol im Blut eine rote Ampel überfahren hatte. Der "Drang zur Selbstbestrafung" habe die Bischöfin zu dieser Entscheidung gedrängt, schrieb der "Tagesspiegel" am Mittwoch.
Stellvertreter Nikolaus Schneider - der potenzielle Nachfolger?
"Gott braucht keine Sühneopfer, denn er muss nicht besänftigt werden", muss an dieser Stelle Nikolaus Schneider zitiert werden, Stellvertreter und designierter Nachfolger Käßmanns im Amt und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Nach dem Rücktritt erklärte der 63-Jährige, er habe gern mit der Bischöfin zusammengearbeitet. "Ich hätte gerne in genau diesem Gespann und dieser Aufgabenverteilung mit ihr weitergearbeitet", sagte Schneider am Mittwochabend in der WDR-Fernsehsendung "Aktuelle Stunde". "Ich war auch bereit, die schwierigen Zeiten mit ihr durchzustehen."
Wie Käßmann hat auch Schneider in der Vergangenheit mehrfach Entscheidungen aus Politik und Wirtschaft kritisiert, äußerte sich zu Finanzkrise, Umweltschutz oder Afghanistan. Ihm zufolge sollte sich die Kirche "von der Leidenschaft Gottes für die Schwachen" leiten lassen.
Schneider wird die Geschäfte vorerst kommissarisch weiterführen. "Er hat großen Rückhalt in der Synode, so dass man davon ausgehen kann, dass man mit dem Wunsch an ihn herantreten wird, sich im Herbst zur Wahl zu stellen", sagte Landeskirchenpräsident Volker Jung.
Dass der potentielle Nachfolger nach den aktuellen Erfahrungen weniger polarisierend und angepasster sein werde, bezweifelt der hessische Kirchenpräsident. "Die EKD-Synode hat sich doch ganz bewusst für Frau Käßmann entschieden, weil sie jemanden wollte, der profiliert an der Spitze agiert." Es bestehe kein Grund zu der Annahme, dass sie diesen Kurs nun ändern wolle.
"Bei uns in Hessen war es schon immer Tradition, sich einzumischen, das wird von den leitenden Personen sogar erwartet", sagte Jung. Die protestantische Kirche schätze ihre Fähigkeit zum kritischen Diskurs.
Bischöfin Jepsen "zu alt für den Job"
Ob man sich sozusagen prophylaktisch für einen Mann an der Spitze der EKD entscheiden werde? "Das Geschlecht spielt für die Wahl keine Rolle", sagt Jung. Aber auch die Zahl des potentiellen weiblichen Personals ist gering. Zur Disposition stünden die Bischöfinnen Maria Jepsen von der Nordelbischen Kirche sowie Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
"Ich bin zu alt für den Job", sagte die 65-jährige und bundesweit dienstälteste Bischöfin Jepsen SPIEGEL ONLINE auf die Frage, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. Die engagierte Theologin wird laut eigener Aussage im Jahr 2012 in den Ruhestand gehen. Auch Frau Junkermann werde vermutlich nicht zur Verfügung stehen, da sie gerade große strukturelle Veränderungen in ihrer Landeskirche zu bewältigen habe.
Jepsen glaubt aber, dass Nikolaus Schneider eine solche Aufgabe sehr gut bewältigen könne. "Er ist sehr kooperativ, ermutigend und klar in seiner Arbeit." Die EKD brauche Menschen an der Spitze, die "nicht abgehoben sind und auch mal etwas riskieren". Schneider sei durchaus jemand, "der den Finger in die Wunde legt". Diskussionsfreudigkeit sei unabdingbar, "viele bunte Vögel wichtiger als grau in grau."
Wie stark das Bild der demütigen, braven und im Stillen agierenden Kirchenvorsitzenden noch immer in den Köpfen verwurzelt ist, zeigt ein Kommentar der "Kieler Nachrichten": Darin heißt es am Mittwoch, Käßmanns Vorgänger Wolfgang Huber sei "leiser, aber dadurch nicht weniger deutlich" gewesen. Kardinal Karl Lehmann von der katholischen Kirche habe mit "Intelligenz und Weisheit" überzeugt. Beiden gemein sei ein selbstbewusstes, aber zugleich demütiges, angenehm bescheidenes Auftreten" gewesen. Das Fazit: "Käßmann entdeckte dieses Auftreten erst im Rücktritt."
"Ein Mann hätte sich ebenso verantworten müssen"
Kirchenpräsident Volker Jung aus Hessen ist dennoch nicht der Meinung, dass Frauen es in der protestantischen Kirche schwerer haben als Männer. "In unserer Landeskirche sind mehrere profilierte Frauen in Leitungspositionen, und das ist auch gut so." Die Genderfrage spiele sicherlich noch eine Rolle, aber vieles sei "selbstverständlicher" geworden. "Wäre ein Mann an der Stelle von Frau Käßmann gewesen, hätte er sich ebenso verantworten müssen. Da ist die Kirche immer noch exponierter als zum Beispiel die Politik. Wir haben Vorbildfunktion."
Wohin die persönliche und berufliche Reise von Frau Käßmann geht, darf mit Spannung erwartet werden. Zwar betonte sie in ihrer Rücktrittserklärung, sie werde Pastorin der hannoverschen Landeskirche bleiben. Die Lust auf ein wenig mehr Abenteuer jedoch scheint ihr geblieben: In einem Interview mit der FAZ sagte sie im Dezember: "Spannend wäre doch auch die lutherische Pfarrstelle in Paris."
Mit Material der Agenturen
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Woher wissen Sie es denn? Wo haben Sie es gelesen? mehr...
Von Recht haben sie ebenso wenig Ahnung wie von der Physik. macht nichts, ihr Kommentar wird als Unwissen abgebucht. mehr...
Ich weiß es, aber sie eben nicht. Wer lesen kann ist echt im Vorteil. mehr...
So ist es. Erledigt. Frau Käßmann kann gar nicht als Pastorin zurücktreten. Sie könnte höchstens bei ihrer Gemeinde ihren Arbeitsvertrag kündigen, denn sie befindet sich in einem normalen regulären Arbeitsverhältnis als [...] mehr...
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