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08.03.2010
 

Odenwaldschule

Lehrer sollen Mädchen als sexuelle Gespielin benutzt haben

Odenwaldschule in Heppenheim: Jahrelanger Missbrauch durch PädagogenZur Großansicht
DPA

Odenwaldschule in Heppenheim: Jahrelanger Missbrauch durch Pädagogen

Der Missbrauch an der bekannten hessischen Odenwaldschule weitet sich aus: Berichten zufolge gehören auch Mädchen aus dem Reform-Internat zu den Opfern. Zwei Lehrer sollen sich demnach eine Schülerin als sexuelle Gespielin "geteilt" haben.

Frankfurt am Main - Die "Frankfurter Rundschau" beruft sich auf einen ehemaligen Schüler der Odenwaldschule, einer Unesco-Modellschule in Heppenheim. "Es ging da in all den Jahren sehr freizügig zu", zitiert die "FR" den Zeugen. In einem Fall sollen sich zwei Lehrer ein Mädchen als sexuelle Gespielin "geteilt" haben. In mehreren Fällen sollen Lehrer ihre jugendlichen Geliebten später auch geheiratet haben.

Der Ex-Lehrer Salman Ansari prangerte die Ausnutzung der Machtposition durch seine Kollegen an: Selbst wenn die Mädchen älter als 16 Jahre gewesen sein sollten, müsse man von sexuellem Missbrauch ausgehen. Da an der Reformschule der Lehrer gleichzeitig "Familienoberhaupt" sei, übernehme er für seine schutzbefohlenen Schüler eine Art Vaterrolle, die in diesen Fällen schamlos ausgenutzt worden sei.

Ein weiterer Schüler berichtete, wie Kritiker mundtot gemacht worden seien. Es habe in den 70er und 80er-Jahren eine regelrechte "Anti-Spießer-Hysterie" geherrscht, welche die Übergriffe erst möglich gemacht habe. Wer seinerzeit etwas bemerkt und gesagt habe, sei "sofort als Spießer geächtet worden. Das war grauenhaft", sagte der Mann der "FR". Eine unabhängige Kontrollinstanz habe es nicht gegeben. Im Grunde hätte die Schulleitung eingreifen müssen, dort aber habe der ebenfalls des Missbrauchs beschuldigte Rektor gesessen. Auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, dass Mädchen unter den Opfern gewesen seien.

Schulleiterin Margarita Kaufmann hatte der Zeitung vergangene Woche gesagt: "Es ist für mich eine Tatsache, dass hier mindestens seit 1971 sexueller Missbrauch stattgefunden hat." Ehemalige Schüler berichteten der Zeitung davon, wie sie von Lehrern regelmäßig durch das Streicheln der Genitalien geweckt, wie sie als "sexuelle Dienstleister" für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen wurden.

"Es war ein grober Fehler, dass die Schule nicht nachgeforscht hat"

Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen, schreibt die "FR" weiter. Lehrkräfte hätten Schutzbefohlene geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen.

Erste Vorwürfe gegen den langjährigen Rektor Gerold Becker, der die Schule von 1971 bis 1985 leitete, waren der Zeitung zufolge vor gut zehn Jahren publik geworden. Seinerzeit berichteten ehemalige Schüler von massiven Übergriffen Beckers gegen 13-Jährige. Die Vorwürfe wurden aber nur halbherzig aufgegriffen. "Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat", sagt Kaufmann, die seit 2007 im Amt ist.

Sie selbst sei im vergangenen Jahr erneut von Altschülern angesprochen worden, die fürchteten, die Schule werde sich auch bei der 100-Jahr-Feier im April 2010 wieder ihrer Verantwortung entziehen. Daraufhin habe sie etliche Gespräche mit Ex-Schülern geführt und dabei erst "das wahre Ausmaß" des Skandals erahnt. Kaufmann geht von mindestens drei Lehrern aus, die sich sexueller Übergriffe schuldig gemacht haben sollen. Von Zeugen habe sie "die Namen von 20 Opfern gehört". Nach "FR"-Recherchen gehen die betroffenen Altschüler von 50 bis 100 Missbrauchsopfern aus.

Die Schule wurde nach eigenen Angaben von Reformpädagogen gegründet und hatte eine Reihe prominenter Schüler, unter ihnen der frühere BDI-Chef Tyll Necker, der Schriftsteller Klaus Mann, der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

jjc/dpa

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