Von Bruno Schrep und Julia Jüttner
Lange, ganz lange, hatte Herbert W. aus einem kleinen Ort in der Uckermark nichts von seinem Sohn Bernd gehört. Kein Besuch, kein Brief, kein Telefonat. Und die erste Nachricht nach über zwei Jahrzehnten war auch kein Lebenszeichen: Ein Verwandter teilte dem 70-Jährigen mit, dass sein Sohn in Österreich verstorben sei.
Der Groll über vergangene Kränkungen war stärker als alle anderen Gefühle. Herbert W. weigerte sich, den Toten nach Deutschland bringen zu lassen und die Überführungskosten zu bezahlen. "Er hat 20 Jahre lang keinen Vater gebraucht", erklärt er, "jetzt brauche ich keinen Sohn".
Der Rentner mit den buschigen Augenbrauen, gesundheitlich erkennbar angeschlagen, sitzt mit verbittertem Gesicht an seinem Wohnzimmertisch, hinter sich ein gerahmtes Alpenpanorama, in der Schrankwand nebenan Elefantenfiguren aus Porzellan und Rotweinkelche. Trauer um den verlorenen Sohn? "Tut mir leid, aber die kann ich nicht empfinden", sagt er mit lauter, schleppender Stimme, "da ist einfach nichts mehr". Geblieben seien nur Enttäuschung, ja Zorn über jahrelange Undankbarkeit.
Mit seiner Haltung, unversöhnlich über den Tod hinaus, löste Herbert W. ein makaberes Verwirrspiel um die sterblichen Überreste aus, zumal sich auch andere Angehörige zunächst nicht kümmern mochten: Der Fall des inzwischen eingeäscherten Bernd W. beschäftigt deutsche und österreichische Behörden, Bestattungsinstitute, Anwälte, Medien. Es geht um den weiteren Verbleib von Urne und Inhalt: Freunde und Geschwister des Toten wollen sammeln, um das in Kärnten vorläufig bestattete Behältnis heimzuholen. Eine norddeutsche Reederei hat angeboten, die Asche kostenlos ins Meer zu streuen. Und es geht um verletzte Gefühle in einer total zerstrittenen Familie - sowie, natürlich, um Geld.
Eine Geschichte, die Drama ist und Posse. Zum Totlachen traurig. Eine Geschichte, die in eine Umbruchphase fällt. Denn der Umgang der Deutschen mit ihren Verstorbenen wandelt sich wie nie zuvor in den vergangenen Jahrhunderten, ein schleichender Kulturbruch. Dass Angehörige ihre Toten in pflegeintensiven Grabstätten betten und mit teuren Gedenksteinen ehren, gerät zumindest in den Metropolen immer mehr zur Rarität.
Bernd W. starb einsam; sein Vater vermag nicht, um ihn zu trauern
In Großstädten wie München und Hamburg bleiben viele Hingeschiedene ohne traditionelles Grab, werden Urnen auf Friedhofswiesen oder Waldflächen beigesetzt, häufig ohne Namensangaben oder Hinweisschilder. In Berlin kommen inzwischen schon über 40 Prozent aller Verstorbenen anonym unter die Erde, Bestattungen im Sarg sind zunehmend die Ausnahme. Oft findet nicht mal eine Gedenkfeier statt. Gründe gibt es viele. Angehörige leben weit voneinander entfernt, Eltern wollen ihren Kindern die Grabpflege ersparen, Verwandte scheuen die Beerdigungskosten. Häufig steckt hinter dem Wunsch nach einem schnellen und anonymen Abschied auch die mangelnde Bereitschaft, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen oder schlicht zu trauern.
Bernd W., um den der eigene Vater nicht zu trauern vermag, wurde nur 40 Jahre alt. Der Fernfahrer aus Gülzow in Mecklenburg-Vorpommern starb, wo er die letzten 15 Jahren praktisch gelebt hatte: in seinem Lastwagen. Allerdings nicht bei einem Unfall, sondern im Schlaf in seiner Ruhekoje.
Bernd W. starb in Einsamkeit, ein Gemütszustand, der weite Teile seines Lebens prägte. Als er sieben Jahre alt war, trennten sich seine Eltern; er und seine Geschwister verloren ihr Zuhause, mussten in ein Heim. Nachdem der Vater erneut geheiratet hatte, schien ein Happy Ending in Sicht. Die neue Ehefrau, selbst schon zweifache Mutter, nahm die fünf fremden Kinder auf. Auch Bernd, durch die plötzliche Abschiebung ins Heim schwer traumatisiert, fasste Vertrauen.
Doch die zweite Ehefrau, plötzlich verantwortlich für sieben Kinder, erreichte schnell ihre Grenzen. "Ich fühlte mich oft überfordert", erzählt die heute 61-Jährige, "ich war damals gerade 28". Der Spagat zwischen den eigenen und den angenommenen Kindern gelang längst nicht immer, ständig fühlte sich jemand zurückgesetzt, häufig gab es Zoff. "Dass es bei sieben Kindern nicht immer gerecht zugeht, ist doch ganz normal", räumt die Stiefmutter heute ein, "aber nichts passierte aus böser Absicht".
"Für mich war er schon so gut wie tot"
Das Gefühl, womöglich übervorteilt worden zu sein, spaltet Eltern und einen Teil der Kinder jedoch bis heute. Seit Jahren gibt es untereinander kaum Kontakte. Bernd W., der als begabt, aber schwierig galt, dem es an Selbstbewusstsein fehlte, stritt sich schon als Jugendlicher oft mit den Eltern, besonders mit dem Vater. Er mochte seinen Beruf nicht - er hatte in der DDR in einem Schweinezuchtbetrieb gelernt -, füllte meist Futtertröge oder mistete Ställe aus. "Dabei hätte er durchaus das Zeug zum Abitur gehabt", glaubt seine Schwester Waltraud W.
Bernd W. beklagte sich bei den Eltern über mangelnde Förderung, mangelnde Fürsorge, erlittene Zurücksetzungen. Der Vater, ein Betriebselektriker, fühlte sich zu Unrecht attackiert und angeklagt. Hatte er nicht in schweren Zeiten sieben Kinder großgezogen, auch den problematischen Bernd? War das der Dank? "An meinem 50. Geburtstag hab ich ihn zum letzten Mal gesehen", erinnert sich Herbert W., "und dann nie wieder. Ich wusste nicht, wo er lebt, wie er lebt, ob und was er arbeitet. Für mich war er schon so gut wie tot".
Zwei Jahrzehnte lang leben Vater und Sohn aneinander vorbei. Mit Anfang 20 macht Bernd W. den Lkw-Führerschein - ein Schritt, der sein Leben verändert. Hoch oben am Steuer, mitten im Verkehrsgewühl und doch allein, fühlt er sich erstmals geborgen und selbstsicher. Er pappt ein großes Schild mit seinem Namen an die Windschutzscheibe und setzt eine schwarz-rote Stoffmaus auf den Beifahrersitz, die fast so groß ist wie er selbst. Er packt seine paar Habseligkeiten in die Schlafkoje über der Fahrerkabine, dazu ein Fernsehgerät und einen DVD-Recorder.
Bernd W. führt ein Truckerleben wie Zehntausende anonyme Dieselkutscher in Deutschland, Tag und Nacht unterwegs auf der Straße. Für Beziehungen, für eine Freundin, bleibt selten Zeit, die Kumpels aus der Truckerszene sind sein Familienersatz. Außerhalb seines Lastwagens kommt Bernd W. immer weniger klar.
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15,- Euro auf dem Spendenkonto? Wenn jedem der Freunde, Geschwister, Onkels, Tanten und Liebenden, die in den vergangenen Wochen unzählige virtuelle Gedenkkerzen im Aspetos Trauerportal für Herrn Bernd W. entzündet haben jede [...] mehr...
Ihre Meinung ist völlig richtig. Das Fahrzeug war garantiert wenige Tage nach dem tragischen Tod des Fahrers wieder auf Achse und hat Geld verdient. Wenn der Arbeitgeber hier wirklich nicht in der Pflicht steht dann verstehe ich [...] mehr...
Ich gebe Ihnen völlig recht! Möge er in der Kärntner Erde in Frieden ruhen. Die Todesfallkosten der Gemeinde Techelsberg hat der Vater laut Spiegel TV am 14.03.10 in voller Höhe übernommen ! mehr...
So langsam bekommt die Allgemeinheit den Eindruck, das es hier nur noch um späte Rache und nicht mehr um den Verstorbenen selber geht. Wo waren die Geschwister während der Trauerfeier für Herrn Bernd W. ? Österreich liegt [...] mehr...
Kinder seelisch zu zerstören ist wirklich eine noble geste. Wenn diese die Hölle dann verlassen ist es falsch? Ist es nicht an der Zeit etwas wieder gutzumachen? Und finanziell wäre es ein Taschengeld! mehr...
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