SPIEGEL ONLINE: Herr Brandwein, Sie selbst sind nicht nur Lehrer an der Odenwaldschule, sondern waren früher auch Schüler hier. Anfang dieser Woche hat Ihre Schule 900 Ehemalige aufgefordert, sich zu melden, wenn sie hier Opfer sexueller Übergriffe wurden. Haben Sie bereits mit ehemaligen Klassenkameraden telefoniert?
Brandwein: Ja, einige, die sich schon 1999 an die Einrichtung gewandt haben und viele, die sich jetzt erst melden, sind mit mir damals in die Schule gegangen. Die sagen dann: 'Jetzt wird mir klar, warum es mir so schlecht ging nach der Schule. Jetzt fällt mir ein, dass Herr Becker damals komische Dinge mit uns gemacht hat.' Sie haben alles mehr als 20 Jahre lang verdrängt.
SPIEGEL ONLINE: Margarita Kaufmann, die Direktorin der Odenwaldschule, berichtete zuletzt vom Fall eines zehnjährigen Jungen, der vom früheren Schulleiter Gerold Becker zweimal die Woche dazu gezwungen wurde, sich nackt auf dessen Bett zu legen, während er sich befriedigte. Menschen, die Becker kannten, schildern ihn als charismatischen, warmherzigen Mann. Wie passt das zusammen?
Brandwein: Ich war von 1975 bis 1988 hier Schüler, die meiste Zeit davon war Herr Becker mein Direktor. Er hat bei uns Schülern eine emotionale Ebene angesprochen, sich um vieles gekümmert. Als wir auf Studienreise in England waren, hat er jedem Schüler einen persönlichen Brief geschrieben. Und die Briefe, die man zurückgeschrieben hat, hat er alle gelesen. Man hatte den Eindruck: Da ist einer, der weiß alles über mich.
SPIEGEL ONLINE: Er genoss eine Vertrauensstellung?
Brandwein: Ja, und das macht es noch monströser, was er getan hat. Meine Eltern waren hier auch Mitarbeiter, haben hier im Ort gebaut und sind Anfang der siebziger Jahre aus ihrem Dienst ausgeschieden - zu Beginn der Amtszeit Beckers. Da frage ich mich heute natürlich auch, ob das so ein Zufall war.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben also nicht im Internat gelebt?
Brandwein: Nein, ich bin nebenan im Dorf aufgewachsen und war hier als externer Schüler. Ich weiß aber noch, dass ich mich ab der sechsten, siebten Klasse nach dem Unterricht immer sofort zurückgezogen habe. Ich habe jahrelang lieber etwas mit den Kindern aus dem Dorf gemacht. Erst in der Oberstufe habe ich mich wieder integriert. In der Mittelstufen sind offensichtlich ganz viele Mitschüler missbraucht worden.
SPIEGEL ONLINE: Gesprochen hat darüber aber niemand?
Brandwein: Natürlich nicht. Wobei es in der Zeit offenbar bereits Eltern gab, die ihre Kinder von der Schule genommen haben. Die haben aber auch nicht nachgehakt, sind beispielsweise nicht zur Polizei gegangen. Ich wäre auch nie auf so eine Idee gekommen. Ich fand nur, dass die anderen irgendwie komisch wurden, man wusste, dass einige plötzlich Drogenkontakte hatten. Heute führe ich Telefonate, in denen jemand sagt: Mein damaliger Zimmergenosse ist an Drogen zugrunde gegangen - es könnte sein, dass das damit zu tun hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie fragen sich jetzt im Nachhinein, ob Sie nicht damals intuitiv geahnt haben, was oben im Internat vorfiel?
Brandwein: Ja, klar. Zumal jetzt herauskommt, dass Lehrer, die ich damals ganz toll fand, auch Übergriffe begangen haben. Da bricht ein Weltbild zusammen.
SPIEGEL ONLINE: Sieht das jeder in der Odenwaldschule so? Im Vorstand der Schule gibt es ja allem Anschein nach immer noch Personen, die sich dem ehemaligen Schulleiter Becker verpflichtet fühlen.
Brandwein: Über die Haltung einiger Vorstandsmitglieder zu Becker möchte ich nichts sagen. Allerdings waren wir uns im Kollegium schon im Dezember einig, dass der Korken aus der Flasche muss.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich darin nach den letzten Tagen bestärkt?
Brandwein: Unbedingt. Es gibt Ehemalige, die haben schwere Schäden davon getragen und wollen in diesem Jahr zum ersten Mal seit dem Abitur wieder an die Odenwaldschule kommen. Weil sie wissen, dass bis zur 100-Jahr-Feier im Sommer wirklich jedes dieser 'Arschlöcher' hier Hausverbot hat.
SPIEGEL ONLINE: Solche Anrufe machen Ihnen Mut?
Brandwein: Ohne sie könnte man das hier im Moment nicht ertragen.
Das Interview führte Christoph Ruf
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