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17.03.2010
 

Lehren aus dem Missbrauchskandal

Schutz gegen das System der Sünde

Von Birger Menke, Christian Rath und Oliver Trenkamp

5. Teil: Im Unterricht - wie erleichtert man es Kindern, darüber zu reden?

Viele Lehrer sind damit überfordert, Körperlichkeit und Sexualität in der Schule zu thematisieren - was damit zu tun hat, dass das Thema in der Lehrerausbildung zu kurz kommt. Als Marlene Kruck-Homann Anfang der neunziger Jahre in Münster studierte, kam Missbrauch nur als Thema in einem Referat eines Kommilitonen vor. "Das Stichwort fiel ab und zu mal im Seminar. Aber das war es dann auch." Bis heute habe sich daran wenig geändert, sagt die Grundschullehrerin, die seit zehn Jahren Fortbildungen zu dem Thema veranstaltet, über Prävention sexuellen Missbrauchs promoviert und Bücher dazu herausgegeben hat.

Marlene Kruck-Homann: "Wir müssen mit Kindern sprechen, ohne ihnen Angst zu machen"Zur Großansicht
kinderschutzportal.de

Marlene Kruck-Homann: "Wir müssen mit Kindern sprechen, ohne ihnen Angst zu machen"

Ein angehender Lehrer kann heute seinen Job antreten, ohne sich je wirklich mit dem Problem beschäftigt zu haben - ein Problem, über das derzeit gar nicht diskutiert wird. Dazu kommt: Auch an Universitäten fehlt qualifiziertes Personal. "Die Fortbildung hat die Ausbildung längst überholt", sagt Kruck-Homann.

Wie und wann sollen Lehrer im Unterricht über sexuellen Missbrauch sprechen? Wichtig sei es, das Thema Missbrauch nicht von Beginn an in den Mittelpunkt der Diskussion mit den Schülern zu stellen, sagt Kruck-Homann. "Wir müssen mit den Kindern sprechen, ohne ihnen Angst zu machen." Am Anfang steht deshalb Aufklärungsunterricht. Die Kinder lernen, über Körperliches zu sprechen. Sie entdecken: "Der Körper ist schön", wie es Kruck-Homann ausdrückt. Sie lernen, ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen.

Eine Übung geht so: Die Kinder fassen in eine Kiste mit einem Eiswürfel, einem Stück Fell und anderen Dingen. Jedes Kind empfindet etwas anderes als angenehm. Wenn ihm etwas nicht gefällt, ist das okay; das ist die Lektion. Und das ist das Fundament. Erst danach solle man auf das Thema Missbrauch zu sprechen kommen, sagt Kruck-Homann - und zwar ohne Herumdruckserei. "Schon mit Grundschülern sollte man über konkrete Situationen sprechen. Darüber, dass es nicht in Ordnung ist, wenn jemand die Scheide oder den Penis eines Kindes streicheln will", sagt sie. "Doch vielen Kollegen stockt erst mal der Atem, wenn ich in den Fortbildungen für so viel Klarheit plädiere."

Die Expertin spricht mit dem Lehrern natürlich über die Fakten. Dass die meisten Opfer im Grundschulalter sind. Dass es immer mehr Übergriffe von Jugendlichen gibt. Dass die Täter oft versuchen, ihre Opfer zu Mittätern zu machen, indem sie vom "gemeinsamen Geheimnis" sprechen. Aber Kruck-Homann übt mit den Lehrern auch Lieder zum Thema für den Unterricht und empfiehlt Literatur wie das Bilderbuch "Das kummervolle Kuscheltier". Darin wird ein Mädchen vom Partner ihrer Mutter missbraucht, vertraut sich erst nur ihrem Kuscheltier an - und wehrt sich schließlich.

Zwar könne nicht jeder Lehrer zum Fachmann auf dem Gebiet werden, sagt die Expertin. Aber in jedem Lehrerzimmer sollten einige Pädagogen sitzen, die sich auskennen und an Fortbildungen teilnehmen, "ohne als Missbrauchstanten abgestempelt zu werden". Und: In Lehrerkonferenzen müsse offen über den richtigen Umgang mit dem Thema gesprochen werden.

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