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08.04.2010
 

Krise der katholischen Kirche

In Afrika regt sich Widerstand gegen Benedikt XVI.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt

Der Papst und Afrika: "Blind gegenüber der Lebenswirklichkeit"
Fotos
REUTERS

Mitgliederschwund, Priestermangel? In der katholischen Kirche Afrikas sind das Fremdworte. Die Zahl der Gläubigen wächst rasant. Dennoch gibt es Probleme, das größte heißt Aids. Viele Kleriker tragen Roms rigiden Kurs gegen Verhütung nicht mit. Und auch in der Missbrauchsdebatte fallen klare Worte.

Es ist ein Ritual, das in keiner Heiligen Messe fehlt: Auch an diesem Osterfest schloss die deutschsprachige katholische Gemeinde am Kap Papst Benedikt XVI. in ihre Gebete mit ein. "Manchen von uns geht das quer runter", bekennt ein Gemeindeglied. "Wir fühlen uns vom Papst und von unserer deutschen Kirche allein gelassen."

Denn seit einem halben Jahr ist die kleine Gemeinde verwaist, ohne einen Seelenhirten: Der Vertrag des Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz mit Stefan Hippler, der sie zwölf Jahre lang betreut hatte, war Ende September vergangenen Jahres nicht mehr verlängert worden.

Der streitbare Priester hatte einen Tabubruch begangen: In seinem Buch "Gott, Aids, Afrika" hatte er die katholische Morallehre angegriffen, eine Aids-Theologie gefordert und selbst Papst Benedikt XVI. von seiner Kritik nicht verschont.

Die Gebote der geltenden, auch vom deutschen Papst vehement verfochtenen Sexuallehre könnten in Afrika "einem Todesurteil gleichkommen", schrieb Hippler. Es würde Millionen von Aidstoten nicht mehr helfen, wenn die katholische Kirche "in fünfzig Jahren wieder ein offizielles Schuldbekenntnis" ablegen müsse. Sie müsse jetzt handeln.

Hippler weiß, wovon er spricht: Nachdem er 1997 von seiner Kirche ans Kap versetzt worden war, hat er das HIV/Aids-Vorzeigeprojekt HOPE aufgebaut. Mit seiner Kritik am Papst war er allerdings zu unbequem geworden und musste gehen.

Zwischen Prinzipientreue und Nächstenliebe

Auch sein Heimatbistum Trier wollte ihn nicht zurückhaben. Und im März besuchte der Leiter des katholischen Auslandsekretariats, Peter Lang, die deutschsprachigen Katholiken am Kap und überbrachte ihnen die Nachricht, dass sie sich einen südafrikanischen Priester suchen müssten. Einen Hippler-Nachfolger werde es nicht geben.

Vor zwei Jahren sah die Welt noch ganz anders aus: Die Gemeinde feierte ihr 50-jähriges Bestehen. Langs Vorgänger, Prälat Peter Prassel, verkündete den Gläubigen am Kap, die deutsche Kirche habe nicht die Absicht, Stefan Hippler abzuberufen. Im Gegenteil: Prälat Prassel lobte den aufsässigen Gottesmann für seinem Kampf gegen die tödliche Seuche in den höchsten Tönen. Da war Hipplers Streitschrift, in der er auch vehement für den Gebrauch von Kondomen eintritt, allerdings erst ein paar Monate auf dem Markt.

Der Konflikt zwischen moraltheologischer Prinzipientreue und von Nächstenliebe getragener Seelsorge treibt die katholischen Priester Afrikas seit Jahren in einen inneren Zwiespalt. Auf keinem anderen Kontinent tragen so viele Menschen das tödliche Virus in sich, nirgends sonst sterben so viele an der Seuche.

"Blind gegenüber der Lebenswirklichkeit"

UNAIDS, das Aidsprogramm der Vereinten Nationen, schätzt in seiner jüngsten Statistik, dass Ende 2008 von den weltweit 33,4 Millionen HIV-Positiven 22,71 Millionen allein in Afrika lebten. 1,4 Millionen Afrikaner seien in einem einzigen Jahr an Aids gestorben, 14,1 Millionen Kinder zu Aidswaisen geworden.

Der katholische Bischof im südafrikanischen Rustenburg, Kevin Dowling, hielt seiner Kirche bereits am Welt-Aidstag 2003 vor, sie sei "blind gegenüber der Lebenswirklichkeit von Millionen von Armen". Die Menschen in Afrika "leben, leiden und sterben wegen dieser Krankheit".

Doch Rom verharrt in seiner starren Haltung: Seit der Enzyklika "Humanae Vitae" von 1968 lehnt der Vatikan den Gebrauch von Kondomen strikt ab. Nicht einmal bei einem verheirateten Paar, bei dem ein Partner infiziert ist, will die Amtskirche den Gebrauch der lebensrettenden Gummis erlauben.

Dowling schert das nicht. In seinem Bistum hat er hautnah erlebt, wie in den Arbeitercamps der Minenstadt Rustenburg die Menschen reihenweise an Aids sterben. "Ich bin der Meinung, dass Menschen, die unter solchen Umständen mit HIV leben, aufgefordert werden müssen, ein Kondom zu benutzen, um die Übertragung einer Tod bringenden Krankheit auf eine andere Person zu verhindern oder sich selbst zu schützen, insbesondere in Beziehungen, die von Missbrauch und Zerstörung bestimmt sind", verkündet er ungerührt im Widerspruch zu Roms Lehrmeinung.

Und er fährt fort: "Wenn wir lediglich die Botschaft verkünden, dass Kondome unter keinen Umständen gebraucht werden sollen, dann werden es die Menschen meines Erachtens schwer haben daran zu glauben, dass wir als Kirche denen, die unter oft entsetzlichen Lebensumständen leiden, mitfühlend und als Seelsorger helfen wollen."

Papst Benedikt: "Kondome verschlimmern das Problem"

Doch Benedikt XVI. verschließt die Ohren vor der Gewissensnot seiner Priester und Gläubigen. Im Gegenteil: Bei seiner ersten Afrika-Reise goss er im März vergangenen Jahres Öl ins Feuer - und enttäuschte die Hoffnungen vieler afrikanischer Katholiken auf ein erlösendes Wort. Der Gebrauch von Kondomen sei keine Lösung, erklärte er vor Journalisten auf dem Flug nach Kamerun im Papst-Jet. "Im Gegenteil, er verschlimmert das Problem."

Das südafrikanische Aidshilfswerk Treatment Action Committee, das von der Bischofskonferenz der katholischen Kirchen im südlichen Afrika gefördert wird, kommentierte kurz und vernichtend: "Unverantwortlich." Dabei hatte Benedikt vor seiner Reise noch getönt: "Mit diesem Besuch will ich den ganzen afrikanischen Kontinent geistlich umarmen", die "Opfer von Hunger, Krankheiten, Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt".

Die Perspektiven für den ersten Pastoralbesuch des deutschen Papstes schienen auch besser als in jedem anderen Erdteil: Nirgends sonst hat die katholische Kirche solchen Zulauf wie auf dem schwarzen Kontinent. Nach Angaben des Vatikans ist die Zahl der katholischen Christen in Afrika seit 1978 von 55 auf 146 Millionen gestiegen.

"Wir haben Mühe, die Seminaristen unterzubringen, die Priester werden wollen"

Der Grund: "In Afrika ist die Kirche eine Art sozialer Bewegung, sie ist politisch", sagt der ugandische Theologieprofessor Emmanuel Katongale. Sie sei die Stimme derer, die sich nicht selbst artikulieren könnten. "Wir haben auch keinen Priestermangel", sagte er im März bei einem Symposion in San Diego stolz. "Wir haben eher Mühe, die Seminaristen unterzubringen, die Priester werden wollen."

Umso größer war die Enttäuschung nach der Afrika-Reise des Papstes. "Es hat sich nichts geändert", sagt ein afrikanischer Priester bestürzt. "Benedikt XVI. hat schon vor seiner Wahl zum Pontifex Maximus als Chef der Glaubenskongregation die kirchenpolitischen Weichen gestellt. Und es wird sich mit ihm auch nichts ändern."

Aber der Widerstand gegen Benedikt wächst auch in Afrika.

Vor allem in der Aidspolitik machen führende Kleriker offen Front gegen Rom. Nicht nur Dowling befürwortet inzwischen offen den Gebrauch von Kondomen. Sogar der ghanaische Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson, der im Oktober 2009 von Benedikt zum Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden ernannt wurde, plädiert für eine vorsichtige Abkehr von der bisherigen starren Anti-Kondom-Haltung, fügt aber warnend hinzu: "In Afrika sind sie von schlechter Qualität. Sie schützen daher nicht ganz vor der Krankheit."

Auch in der Missbrauchsdiskussion finden vor allem die Bischöfe im südlichen Afrika klare Worte. Während der Theologieprofessor Katongole im März noch abwiegelte und eine Schwächung der moralischen Integrität der Kirche rundweg abstritt, hat der Präsident der katholischen Bischofskonferenz für das südliche Afrika, Erzbischof Buti Tlhagale, in seiner Osterbotschaft offen zugegeben: "Ich weiß, dass die Kirche in Afrika von derselben Plage heimgesucht wird." Er sagte klar heraus: "Ich wünschte, ich könnte sagen, es sind nur einige faule Äpfel. Aber die Empörung rund um uns zeigt, dass es mehr als nur ein paar faule Äpfel sind."

Stimme der Kirche geschwächt

Tlhagale beklagte, dass es bisher "an einer angemessenen Antwort" auf die weltweiten Missbrauchsvorwürfe fehle. Die Stimme der Kirche als moralische Institution werde durch die derzeitige Diskussion geschwächt.

Dabei ist die Zahl der bisher bekannt gewordenen Missbrauchsfälle im südlichen Afrika nach Angaben der Bischofskonferenz vergleichsweise klein: 40 Fälle in den vergangenen 40 Jahren, einige davon liegen offenbar schon Jahrzehnte zurück. Ende der neunziger Jahre hatte es allerdings immer wieder nie geklärte Gerüchte gegeben, dass Priester in Afrika, die bis dahin eher die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen hätten, angesichts der Ausbreitung von HIV/Aids zunehmend junge Nonnen missbrauchten - auch wenn sie selbst das Virus bereits in sich trügen.

Stefan Hippler, der streitbare Pfarrer vom Kap, hat inzwischen ein neues Betätigungsfeld gefunden: Seit Anfang Oktober 2009 setzt er als "Fidei Donum", als "Geschenk des Glaubens" im Sinne der Missionsenzyklika von Papst Pius XII. nicht nur seine HIV/Aids-Arbeit in der Diözese Kapstadt fort.

Mit dem Segen des Erzbischofs von Kapstadt leitet Hippler zusätzlich eine neue Arbeitsgruppe, die sich um "HIV-positive Priester und Ordensleute" kümmert. Hipplers trockener Kommentar zu seinem neuen Betätigungsfeld: "Wir zeigen damit, dass wir als Kirche auch proaktiv an brenzlige Themen herangehen können."

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insgesamt 13 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
08.04.2010 von Rumo81: was

der Papst in Afrika mit seiner Haltung zu Kondomen und Aids betreibt, ist nichts anderes, als ein Aufruf zum Massenselbstmord. mehr...

08.04.2010 von F.X.Fischer: Nachweis

Würde gerne mal die Beweiskette der Kirchenkritiker hören: ich habe noch von keiner Statistik gehört, die nachwies, daß die AIDS-Rate der Katholiken in Afrika überproportional hoch ist. Das wäre aber die Grundlage für jede Kritik [...] mehr...

08.04.2010 von saul7: +++

Zu Recht regt sich endlich Widerstand gegen die RKK und die sexualfeindliche Moral, die sie verbreitet. Diese restriktive Haltung der Kirchenführung sollte schnellstens überdacht und korrigiert werden!! mehr...

08.04.2010 von Keram: Oh je, ...

... AIDS-Leugner (http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=HIV/AIDS-Leugnung) dürfen natürlich nicht fehlen. mehr...

08.04.2010 von dborrmann: Der Papst ist unfehlbar.

Leider hat er bis jetzt nur vom Gegenteil Gebrauch gemacht. mehr...

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Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .

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