Von Marc Pitzke, New York
Diese Immobilie ist unverwüstlich. Drei Meter dicke Betonwände, alle Räume unterirdisch, 14 Etagen, 60 Meter tief, und natürlich atombombensicher. Und sie ist vielseitig verwendbar: als Eigentumswohnung, Firmensitz oder Gruppenheim. Zu jeder Wohneinheit wird auf jeden Fall ein Fünf-Jahres-Proviantpaket gefriergetrockneter Dauerkost geliefert.
Geplante Fertigstellung: März 2011. Preis: 1,75 Millionen Dollar pro Etage (Platz für zehn Personen).
"Wir haben mehrere Interessenten", behauptet Ingenieur Larry Hall, der Projektentwickler, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Drei Einheiten seien bereits verkauft. Hauptsächlich dürften Armageddon-Jünger Interesse an dem Überlebensbunker haben. Natürlich nimmt Hall deshalb nur Bargeld - Hypotheken sind sinnlos für jemanden, der seine Wohnbedürfnisse auf das, nun ja, baldige Ende der Welt ausrichtet.
Arche Noah für Paranoide
Bei der Immobilie handelt es sich um ein altes Atomraketensilo im US-Bundesstaat Kansas, Baujahr 1960. Damals, während des Kalten Krieges, wartete in den düsteren Katakomben eine Atlas-F-Interkontinentalrakete auf ihren Einsatz - zu dem es glücklicherweise nie kam.
Die Atlas F wurde schon fünf Jahre später wieder ausgemustert, wie die anderen Geschosse ihrer Generation. Ihre Stützpunkte aber - die wohl widerstandsfähigsten Bauwerke der Welt - stehen bis heute leer.
Larry Hall, der in Florida lebt, kaufte sich im vergangenen Jahr besagtes Silo in Kansas. Er will die 600 Tonnen Stahlbeton zur Luxuszuflucht für die Ewigkeit umbauen, zu einer Art Arche Noah für Paranoide. Mit einer Infrastruktur für bis zu 50 Menschen, die sich "mehr als fünf Jahre lang komplett ausklinken wollen". Inklusive eigener Strom- und Wasserversorgung, Swimmingpool, Heimkino, Sportstudio, Bibliothek, Arztpraxis und Kneipe.
Man weiß ja nie, woher die Gefahr kommen könnte: "Wirtschaftlicher Kollaps, Seuchen, Terror, Klimawandel, Supervulkane, Erdbeben, Tsunamis, Sonneneruption, Pol-Verschiebung." In Halls "Survival Condo" lässt sich all das bestens aussitzen - mit Geschmack und Stil.
Gigantische Relikte des Kalten Krieges
Es ist eine kuriose Zweckentfremdung für das einstiges Wahrzeichen des atomaren Weltuntergangs. Schließlich war es Kansas, von wo aus 1983 in dem TV-Atomschocker "The Day After" US-Raketen in den Filmhimmel aufstiegen. Mehr als 1200 Abschussbasen baute die Air Force während des Kalten Krieges, verstreut über 22 Bundesstaaten. Die meisten dieser Betonsilos sind heute längst ausrangiert.
Auf dem Atomgipfel in Washington propagierte US-Präsident Barack Obama am Dienstag seinen Traum von einer kernwaffenfreien Welt. Eine Frage blieb jedoch dort einmal mehr ausgeklammert: Die ehernen Relikte jener Ära, als sich Washington und Moskau mit ihren nuklearen Arsenalen belauerten, bleiben auf ewig Teil der Landschaft.
Findige Vordenker wie Larry Hall wollen daraus Kapital schlagen. Sie entwickeln neue Funktionen für die alten Silos: Villen, Museen, Büros, Abenteuerspielplätze oder einfach nur Wertanlagen. Die einen sammeln Kunst, die anderen die Reste des Atomzeitalters.
Ein Abriss kommt in vielen Fällen kaum in Frage. Die Anlagen sind gebaut, um direkten Nuklearschlägen zu widerstehen. Einige sind so groß wie Kleinstädte, andere gleichen herkömmlichen Atombunkern. Ein Silo für eine Atlas-F-Rakete, von denen es landesweit 74 Anlagen gibt, reicht 60 Meter tief, mit einem Durchmesser von etwa 16 Metern und 75 Tonnen schweren Betonluken. 1960 verschlang der Bau eines solchen Silos 15 Millionen Dollar.
Schnäppchen für Heimwerker, Geschäftsidee für Immobilienmakler
Nicht mehr genutzte Atomsilos werden zunächst ausgeweidet, funktionsunfähig gemacht und vom Ingenieurskorps der Armee umweltsaniert - ein Verfahren, das wegen möglicher Kontamination durch Atommüll oder andere Gifte Jahre dauern kann. Nach Inspektion durch die Umweltbehörde Epa werden sie für andere Nutzungen freigegeben, etwa an Städte, Schulbezirke, Wasserwerke, die sie jedoch oft wieder abstoßen wollen.
Dann kommen die Schnäppchenjäger zum Zuge. Der Lehrer Ed Peden zum Beispiel kaufte sich bereits 1983, im Jahr von "The Day After", eine Abschussanlage in der Nähe von Topeka, ebenfalls in Kansas. Er bezahlte 48.000 Dollar für das 17.000-Quadratmeter-Tunnelwerk, in dem sich von 1961 bis 1965 eine gigantische Atlas-E-Rakete befand, mit einem Vier-Megatonnen-Nuklearsprengkopf - 200-mal so stark wie die Atombombe von Nagasaki.
Die Räume waren mit Regenwasser geflutet. Doch Peden und seine Frau Dianna machten aus dem nassen Labyrinth einen futuristischen Lebensraum: Im Inneren der einstigen Alptraumröhre erwartete den Besucher bald eine 260 Quadratmeter große Wohnung mit Bibliothek, Fernsehraum und Wohnküche. Nur im Winter, bemerkten die Pedens, wird es im Inneren unerträglich kalt.
Peden machte aus dem Hobby ein florierendes Geschäft. Er kaufte immer mehr Silos im ganzen Land oder diente sich als Zwischenhändler an. So wurde er zum Top-Makler eines exotischen Immobilienmarkts.
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