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20.04.2010
 

Staatenlos

Flucht ohne Ausweg

Von Hendrik Maaßen

Wadim S. während einer Kreta-Reise: "Ich will einfach bei euch sein"Zur Großansicht

Wadim S. während einer Kreta-Reise: "Ich will einfach bei euch sein"

Nach zwölf Jahren in Deutschland wurde der Hamburger Wadim S. als Teenager nach Lettland abgeschoben - allein, ohne Sprachkenntnisse, ohne Pass. Immer wieder versuchte er, in die Heimat, die ihn nicht wollte, zurückzukehren. Bis er keinen Ausweg mehr sah.

Auf dem Grab des jungen Mannes liegt, gleich neben seinem Foto, ein Kranz. "Für Wadim. Von Migranten und Staatenlosen", steht auf der Schleife. Wadim war einer von ihnen: ein Mensch ohne Pass, eine Unperson. Er hielt sich illegal in Hamburg auf, als er dort im Januar starb - er legte sich auf die Schienen der S-Bahn.

Fünf Jahre eines unsteten Daseins fanden an jenem Tag ein Ende. Fünf Jahre mit heimlichen Besuchen in einer Heimat, die ihn nicht wollte.

Es ist kurz nach Mitternacht, als es im Februar 2005 an der Wohnungstür von Wadims Familie, den S., in Hamburg-Harburg klingelt.

"Packen Sie Ihre Koffer, wir fahren jetzt nach Lettland", sagt ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Die Familie soll nach zwölf Jahren Duldung aus Deutschland abgeschoben werden. Der Einsatzbericht der Behörde klingt wie eine Großoffensive, in zwei "Trupps", so heißt es dort, seien die Beamten angerückt.

In der Küche ritzt sich Wadims Mutter Julia den Unterarm auf. Die Beamten fahren sie ins Krankenhaus. Nach kurzer Behandlung soll die "unangekündigte Rückführungsmaßnahme" wie geplant weiterlaufen. Im Treppenhaus schlägt sich Vater Stephan derweil an der Wand den Kopf blutig. Nur Wadim, 18, wird schließlich von den Beamten mitgenommen.

In einem Multivan mit verdunkelten und vergitterten Scheiben beginnt in dieser Nacht Wadims Odyssee. Vom Flughafen Frankfurt aus muss er in Begleitung nach Riga fliegen. In Briefen schreibt er seine Erlebnisse auf.

Sowjetunion-Lettland-Deutschland: Und nun?

1993 waren die S. von Riga aus nach Deutschland gekommen. Bis dahin lebten sie als sowjetische Staatsbürger im sozialistischen Lettland. Mit der Unabhängigkeit Lettlands, so schildern es die S., wurden sie dort zu Außenseitern - man habe sie mit den verhassten Unterdrückern gleichgesetzt. Die Familie bittet um politisches Asyl in Deutschland. Die Behörde weist ihren Antrag ab.

Die S. sollen wieder nach Lettland zurück - doch sie dürfen nicht. Ihre sowjetischen Pässe sind in Lettland nicht mehr gültig. Doch auch die russischen Behörden stellen ihnen keine Papiere aus. Sie seien jetzt Bürger des Landes, in dem sie als letztes gemeldet waren: Lettland. Das geht dort vielen Angehörigen der großen russischen Minderheit so. Die meisten von ihnen bleiben im Land und können "lettische Nichtbürger" werden. Diese Chance bleibt Familie S. verwehrt. Die Eltern versuchen in ihren Geburtsländern Ukraine und Aserbaidschan an Pässe zu kommen. Doch die fühlen sich nicht zuständig.

Die Staatsangehörigkeit bleibt ungeklärt, die Familie bleibt in Hamburg, wo ihnen ständig die Abschiebung droht.

Wadim und sein jüngerer Bruder Victor leben sich in Hamburg ein. In der katholischen Gemeinde im Stadtteil Harburg werden die Kinder Messdiener, fahren mit auf Kinderfreizeiten. Sie finden deutsche Freunde.

Doch die ständige Angst vor den Behörden habe die S. und ihre Kinder krank gemacht, sagt Julia S. heute. "Wie sollten wir uns denn integrieren, wenn wir nicht mal arbeiten durften?"

Julia und Stephan S. suchen Hilfe bei Psychologen. Die psychiatrischen Gutachten stellen eindeutige Verbindungen zwischen ihren Erkrankungen und dem über Jahre ungeklärten Aufenthaltsstatus her. Auf ärztlichen Rat arbeiten beide ehrenamtlich, für ein Bedürftigenprojekt.

Wadim kommt nach der Grundschule aufs Gymnasium. Doch in der Pubertät rutscht er ab. Er geht immer seltener zum Unterricht. Erst muss er auf die Real-, dann auf die Hauptschule wechseln. Mit seiner Clique bricht Wadim in ein Autohaus ein, wird erwischt. Ein Gericht verurteilt ihn zu fünf Sozialstunden. Bis zum Tag seiner Abschiebung besucht Wadim die Berufsschule für Metalltechnik im Stadtteil Wilhelmsburg.

"Was soll ich hier?"

Die erste Nacht nach der Abschiebung verbringt Wadim auf einer Pritsche voller Flöhe in einer Obdachlosenunterkunft in Riga. Er weint und schreit, eine Ärztin gibt ihm starke Beruhigungsmittel. "Ich habe nichts mit Lettland zu tun", schreibt Wadim später in einem Brief. "Was soll ich hier?"

In Hamburg bekommt Familie S. viele Monate später eine Aufenthaltsgenehmigung. Auch Wadim hofft, zurückkehren zu dürfen - doch er ist vorbestraft, die Bemühungen des Anwalts der Familie bleiben erfolglos. "Es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit", sagt Markus Prottung heute. "Mitten in der Nacht fällt ein Stoßtrupp der Behörde mit Unterstützung einer Sicherheitsfirma über eine Familie her und nimmt den Sohn kurzerhand mit - nach zwölf Jahren Duldung. Von der Toleranz und Weltoffenheit, mit der sich die Stadt gern schmückt, sehe ich da nichts."

Doch die Hamburger Ausländerbehörde bleibt bis heute auf dem Standpunkt: "In dem Fall gibt es keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit der damaligen Maßnahme."

Auf die Frage, warum der junge Mann, der keine deutsche Staatsangehörigkeit hatte, nach Lettland abgeschoben wurde, dessen Staatsangehörigkeit er ebenfalls nicht besaß, teilt die Behörde mit: "Entscheidend ist, ob der Zielstaat zu der Aufnahme bereit ist, auf die Staatsangehörigkeit oder ethnische Zugehörigkeit kommt es dabei nicht an."

Wadim bewegt sich bald illegal in Europa: Mit 19 verdingt er in Frankreich als Tagelöhner bei der Weinernte, dann arbeitet er in der Schweiz. Als er 20 ist, nehmen ihn Polizisten an der belgischen Grenze fest. Wieder wird er nach Lettland abgeschoben.

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24.04.2010 von SNA: Recht zu Straftaten nur für Deutsche!

Dem entnehme ich, dass Sie meinen, Menschen, die hier nicht geduldet werden, weil sie "echte" Deutsche sind (im Gegensatz zu den sicher von Ihnen so genannten "Paß-Deutschen"), hätten ein "moralisches [...] mehr...

23.04.2010 von c++: Ratschläge

Eher sollte man einem Teil der Zugewanderten mal klarmachen, dass sie ausgewandert sind und nicht mehr im Heimatland leben. Damit zum Rentnerberg noch ein Berg arbeitsloser Migranten kommt? Einverstanden. Angesichts [...] mehr...

23.04.2010 von Friedrich der Streitbare: Oh doch !

Wie naiv kann man eigentlich sein ? Eine ganz prima Lösung: jeder, der hinein will, wirft seine Papiere weg, gibt irgendein falsches Herkunftsland an, das dann natürlich keine Papiere ausstellt. Vielfach sind auch die [...] mehr...

23.04.2010 von Moxxo: Hamburger?

Wenn er rechtmäßig abgeschoben wurde, dann war er offensichtlich kein Hamburger. Die entsprechenden Gesetze zum Thema Abschiebung sind fundiert und existieren nicht ohne Grund, auch wenn man noch so auf die Tränendrüsen drückt, [...] mehr...

23.04.2010 von Burkhardt1949: Die sowjetischen Pässe

waren noch einige Jahre nach der Zerfall der UdSSR gültig. Die Leute konnten also damals statt nach Deutschland problemlos nach Russland kommen und sich dort niederlassen. mehr...

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