Von Barbara Hans
Hamburg - Immer wenn der Gegner in unerreichbarer Ferne und diskussionsunwillig scheint, sind offene Briefe probate Mittel, seine Meinung zu äußern - und Kritik zu üben. An den Papst und die Bischöfe wurden in den vergangenen Jahren unzählige derartige Schreiben gerichtet. Im Oktober 2006 schrieben 38 Islamgelehrte an Benedikt XVI., um den Dialog der Religionen voranzutreiben, 1999 adressierte die katholische Landjugendbewegung ein Schreiben an die deutschen Bischöfe, um sie zu einem Einlenken in der Debatte um die Schwangerenberatung zu bringen.
Hans Küng, einer der bedeutendsten katholischen Theologen der Gegenwart, hat 2005 einen offenen Brief an die Kardinäle geschrieben. Damals stand die Papstwahl an, der Schweizer Küng appellierte an die Würdenträger, einen Papst zu küren, der die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstelle. Der Ausgang der Wahl ist heute Geschichte: Die Kardinäle entschieden sich für Josef Ratzinger, einen Weggefährten Küngs.
Nun hat der Theologe erneut einen offenen Brief geschrieben, der am Donnerstag in mehreren Zeitungen abgedruckt wurde. Adressiert ist er dieses Mal nicht an die Kardinäle, sondern an alle Bischöfe weltweit. Sein Inhalt gleicht einem Affront: Der emeritierte Theologieprofessor ruft die Würdenträger zu Ungehorsam gegen Benedikt XVI. auf.
Ratzinger und Küng verbindet eine lange Freundschaft und eine wohl ebensolange Fehde. 1962 fuhren die Theologen zum Reformkonzil nach Rom. Die Männer waren Mitte Dreißig, unter den Kollegen galten die beiden als jüngste Teilnehmer der Versammlung als "Teenager-Theologen". Heute sind sie die ältesten noch voll aktiven Theologen des Vatikanums.
Die "tiefste Vertrauenskrise" seit der Reformation
Küng hatte sich in den Sechzigern dafür eingesetzt, dass Ratzinger von der Universität Münster nach Tübingen wechseln konnte, die beiden arbeiteten drei Jahre lang zusammen, wurden Freunde. Der Legende nach hatte der Alfa-Romeo-Fahrer Küng derartige Sympathien für Ratzinger, dass er ihn bei Regen regelmäßig von seinem Wohnhaus zur Uni kutschierte - Ratzinger besaß nur ein Rad.
Später war es Ratzinger, der dafür sorgte, dass Küng diszipliniert wurde. Aus Freunden wurden Kontrahenten.
Während Ratzinger stets mit der Kirche konform ging, eckte Küng an: Er legte sich mit der Obrigkeit an, 1979 entzog der Vatikan dem Theologieprofessor die kirchliche Lehrerlaubnis - wegen dessen kritischer Anfragen.
Das, was Küng nun zu sagen hat, ist erneut von enormer Sprengkraft: Der Theologe fordert die Bischöfe zum Widerstand gegen den Papst auf. Der Appell an die Kirchenoberen ist mehr als kühn - denn Küng zeigt, dass es in der Macht der Bischöfe liegt, das ramponierte Image der katholischen Kirche zu heilen, indem sie selbst aktiv werden. Mit analytischer Schärfe seziert Küng, wie sich die Bischöfe mit dem Papst gemein machen und - indem sie nicht opponieren - mit schuldig machen an dem Vertrauensverlust, dem die katholische Kirche derzeit gegenübersteht.
Zwar hätten die Bischöfe bei ihrer Weihe einen uneingeschränkten Gehorsamseid gegenüber dem Papst abgelegt, so Küng. "Aber Sie wissen auch, dass uneingeschränkter Gehorsam nie einer menschlichen Autorität, sondern Gott allein geschuldet ist", schreibt er an die Würdenträger.
"Die Bischöfe könnten etwas ändern, wenn sie wollten", sagte Küng SPIEGEL ONLINE. "Ich hoffe, dass es Bischöfe gibt, die einsehen, dass sie auf diese Linie gehen sollten." Unter den Kirchenoberen gebe es sehr differenzierte Meinungen über den Papst, die allerdings in der Öffentlichkeit nicht geäußert würden.
Küng schreibt von "der tiefsten Vertrauenskrise" seit der Reformation und greift Benedikt XVI. in seinem Brief direkt an: "Was die großen Herausforderungen unserer Zeit betrifft, so stellt sich sein Pontifikat zunehmend als eines der verpassten Gelegenheiten und nicht der genützten Chancen dar."
Küng legt dar, in welchen Bereichen der Papst Möglichkeiten versäumt hat. Er schreibt von der Annäherung an die evangelische Kirche, der Verständigung mit den Juden, dem Dialog mit den Muslimen, der Auseinandersetzung mit den Urvölkern Lateinamerikas und den afrikanischen Völkern und der Wissenschaft. Kern des Briefes ist Küngs Kritik am reaktionären Agieren des Papstes, dem er vorwirft, dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils entgegenzustehen.
"Wir reagieren auf offene Briefe nicht"
Küng fordert in seinem Brief ein weiteres Konzil. "Es geht mir darum, Vorschläge einzubringen, die sicher Beachtung finden, und einen Weg zum Wandel aufzuzeigen. Ein Appell, dem man sich nicht so leicht entziehen kann", sagte er SPIEGEL ONLINE. Der Theologe begründet die Veröffentlichung des Briefes mit seiner Sorge um die Kirche. "Ich kenne viele Bischöfe persönlich und hoffe, dass mir der Brief nicht als Arroganz ausgelegt wird, sondern man sieht, dass ich aus ehrlicher Sorge um die Kirche schreibe", so Küng. Er sei der Überzeugung, "dass die katholische Kirche sich ändern kann".
Nach der Veröffentlichung meldeten sich Dutzende Menschen bei Küng und pflichteten ihm bei. Er bringe endlich zum Ausdruck, was alle dächten, spräche ihnen aus dem Herzen. "Endlich traut sich mal jemand, so etwas zu sagen", schrieb einer. Allein: Die Bischöfe schweigen. "Wir reagieren auf offene Briefe nicht", sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Auch in den Bistümern herrschte Schweigen.
Küng hofft, dass sein Brief für Reaktionen sorgen wird: "Es wird für viele Leute unbegreiflich sein, wenn unter 4000 Bischöfen weltweit nicht der eine oder andere, auch die eine oder andere Bischofskonferenz, reagiert."
Auch der Tübinger Theologe Hermann Häring plädiert für ein Umdenken des Vatikans. "Wir haben eine hochautoritäre Kirchenstruktur von oben nach unten - und unten machen viele den Mund nicht auf", sagte Häring anlässlich des Missbrauchsskandals SPIEGEL ONLINE. "Der Korpsgeist innerhalb der Kirche lässt nicht zu, dass etwas nach außen dringt."
Der Papst solle endlich aufhören, "das Ideal der Kirche in der Antike zu suchen", so Häring. Die Machtstruktur innerhalb der Kirche gleiche einem Regime. "Es ist eine Alleinherrschaft, in der nur einer etwas zu sagen hat. Aber so kann man keinen Apparat leiten. In absolutistischen Zeiten ging das - aber nicht in einer Demokratie." Auch Häring kritisierte die reaktionären Kräfte in Rom, die eine zunehmende Entmachtung der Bischöfe betrieben.
"Menschliche Sympathien für Josef Ratzinger habe ich nach wie vor", sagte Hans Küng SPIEGEL ONLINE. "Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er sich ändern wird."
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