Von Andreas Lorenz, Peking
Ein Bauer, ein Arzt, ein Lehrer, ein Geschäftsmann - die Täter kommen aus allen Schichten Chinas, und doch haben sie etwas gemeinsam: Sie haben wehrlose Kinder verletzt und getötet - und das ganze Land in Aufregung versetzt.
Insgesamt fünfmal waren in den vergangenen sechs Wochen Schulen und Kindergärten Ziel brutal vorgehender Einzeltäter. Insgesamt starben acht Kinder, mehr als 50 Kinder und Betreuer wurden verletzt.
Zuletzt schlug am vorigen Freitag ein 45-jähriger Dorfbewohner in Weifang in der östlichen Provinz Shandong mit einem Hammer auf Hortkinder ein, der Attentäter zündete sich danach selbst an.
Bereits am 29. April hatte in Taixing in der Provinz Jiangsu ein Angreifer in einem Kindergarten 29 Kinder und drei Erwachsene mit einem Schlachtmesser verletzt, einen Tag zuvor waren 18 Kinder und ein Lehrer in Lezhou in der südlichen Provinz Guangdong (Kanton) attackiert worden. Die schlimmsten Folgen hatte die Attacke in Nanping in der Provinz Fujian am 23. April: Acht Schüler kamen ums Leben.
Die Regierung hat die Schulen mittlerweile angewiesen, sich vor Eindringlingen besser zu schützen. Polizisten sollen häufiger in der Nähe von Schulen patrouillieren und die Umgebung nach Verdächtigen absuchen. In den Schulgebäuden sollten Kameras und Alarmsysteme installiert werden, heißt es in dem Pekinger Ukas. Jeder Besucher einer Schule oder eines Kindergartens muss streng kontrolliert werden.
In Peking erhielten Wachen und Lehrer feste Handschuhe, die gegen Messerangriffe schützen. Zudem wurden Schulen mit langen Metallgabeln ausgestattet, die einen Angreifer auf Distanz halten sollen.
Derweil hat die Forschung nach den Ursachen der Schreckenstaten begonnen. Experten sehen Nachahmer am Werk - und geben den Medien eine Mitschuld an der Tragödie. "Die Berichterstattung hat eine bestimmte Rolle gespielt", sagt Ma Ai, Soziologe an der Pekinger Universität für Politik und Recht.
"Rache an der Gesellschaft"
Einige der Täter litten offenkundig an Liebeskummer, fühlten sich zurückgesetzt, hatten ihre Arbeit verloren, steckten in finanziellen Schwierigkeiten. Und sie kamen offenbar nicht mit den rasanten Umbrüchen im modernen China klar. "Rache an der Gesellschaft" wollte der Attentäter von Taixing laut der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua nehmen.
"Unsere Gesellschaft ist sehr kompliziert. Die Wirtschaft hat sich rasant verändert. Es ist schwer zu wissen, wo man eigentlich steht", kommentierte ein Arbeiter gegenüber Journalisten den Hammer-Angriff.
Persönliche Enttäuschungen, das Gefühl, vom Zug in den Wohlstand abgehängt zu werden, Zorn auf die Reichen - all dies ist freilich kein Grund, auf wehrlose Kinder loszugehen. Zumindest bei einem der Täter, einem Lehrer, sollen psychische Probleme im Vorfeld bekannt gewesen sein, er war deshalb beurlaubt worden.
Fest steht, dass viele Chinesen psychisch belastet sind und nicht adäquat behandelt werden. Die renommierte britische Fachzeitschrift "The Lancet" schätzt, dass mehr als 173 Millionen Menschen hierzulande seelisch oder geistig krank sind - und dass nur neun Prozent von ihnen medizinisch betreut werden können.
"Nur der Kapitalismus macht krank"
Immer mehr Chinesen leiden an Depressionen. Rund 250.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in China das Leben, das Land stellt damit rund ein Viertel aller Selbstmörder in der ganzen Welt.
Chinas Psychiatrie ist hoffnungslos überfordert. Jahrzehntelang war sie vernachlässigt worden, Staatsgründer Mao Zedong hatte die Seelenheilkunde verachtet. "Nur der Kapitalismus macht krank", postulierte er.
So fehlt es vor allem auf dem Lande noch immer an gut ausgebildeten Ärzten, Psychologen, an Krankenhäusern, an Medikamenten. Für 100.000 Bürger stehen im Schnitt nicht einmal zwei Psychiater zur Verfügung. Und die behandeln zuweilen Patienten, die eigentlich nicht in die Psychiatrie gehören: unbequeme Bittsteller oder Regierungskritiker etwa, die von Funktionären in geschlossene Abteilungen gesperrt werden.
Der Mörder von Nanping, ein ehemaliger Chirurg, wurde zum Tode verurteilt und am Mittwoch voriger Woche erschossen. Er hatte als Motiv Ärger mit seiner Freundin genannt.
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