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12.05.2010
 

Mohrs Herzschlag

Wie erkenne ich, ob mein Arzt was taugt?

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DDP

"Sagen Sie mal Aaaaa": Sind Sie bei Ihrem Arzt in guten Händen?

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die Bände sprechen. Zum Beispiel, wenn man sich als Patient fragt, ob man bei seinem Arzt in guten Händen ist. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr meint, dass schon das Ambiente einer Praxis Aufschluss über die Qualität des Mediziners gibt.

Aufgrund meiner schweren Herzkrankheit durfte ich seit meiner Kindheit unzählige Arztpraxen aufsuchen: Allgemeinmediziner natürlich, sehr viele Kardiologen, aber auch Internisten, Hautärzte, Hals-Nasen-Ohrenärzte, Chirurgen, Orthopäden, Radiologen, Urologen, Augenärzte und Zahnärzte. Sogar Endokrinologen, die haben es mit den Hormonen, Hämatologen, die analysieren das Blut, und Pulmologen, die kümmern sich um die Lunge, musste ich konsultieren.

So betrieb ich, wenn auch nicht ganz freiwillig, intensive Studien zum Thema Arztpraxis: Ambiente, Ausstattung, Personal, Öffnungszeiten, Wartezeiten, Kontaktmöglichkeiten und vieles mehr wurde von mir in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufs Neue erlebt, erduldet, bewundert. Im Laufe der Zeit entwickelte ich meinen ganz persönlichen Arztpraxen-Check.

Also: Mittels welcher Kriterien kann ich eine gute von einer schlechten Praxis unterscheiden?

1) Die Kontaktaufnahme

Sie wollen per Telefon einen Termin vereinbaren, hängen aber erst einmal zwölf Minuten in der Warteschleife - glauben Sie mir: Dieser Arzt wird kein Interesse an Ihnen haben. Denn entweder will er überhaupt keine Patienten oder keine neuen. Zumindest will er Sie nicht!

2) Die Arzthelferinnen

Was zeichnet eine Dame am Empfangsschalter einer Praxis aus? Sie ist freundlich, aber streng. Warum streng? Kranke können egoistisch, rücksichtslos, anstrengend sein. Diese Launen muss eine gute Arzthelferin bändigen - im Interesse aller Patienten. Gelangweilte Arzthelferinnen sind die Pest, freundlich-desinteressierte auch nicht viel besser.

3) Das Wartezimmer

Licht, frische Luft und genug bequeme Stühle, das braucht ein Wartezimmer auf jeden Fall. Wenn Ihnen morgens noch der Mief des gestrigen Tages entgegenschlägt und der Papierkorb überquillt, gehen sie wieder. Wenn es schon an guter Luft mangelt, mag noch manch anderes fehlen bei diesem Medizinmann.

4) Die Zeitschriften

Es liegt nichts zum Lesen bereit - schlecht; es liegen nur abgegriffene Lesezirkel-Ausgaben billiger Sensationsheftchen herum - noch schlechter. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Zusammenhang zwischen der Qualität der in einer Praxis ausgelegten Zeitungen und der Qualität des Arztes besteht. Also: Achten Sie auf gute Lektüre!

5) Die Wartezeit

Dass Sie nicht immer exakt zur vereinbarten Zeit drankommen, das lässt sich nicht verhindern. Allerdings sollte Ihnen die Arzthelferin, wenn Sie kommen, eine realistische Wartezeit nennen können. Werden aus dem Spruch "Das kann ein paar Minuten dauern" zwei Stunden, ist das ein untrügliches Zeichen für Dummheit oder Missmanagement.

6) Die Erfrischungen

Ein Glas Wasser tanken zu können muss bei einem Arzt selbstverständlich sein. Schon, damit der Patient vor unangenehmen Untersuchungen seine Nervosität bekämpfen kann. Ob das Nass allerdings aus einer Flasche oder einem neumodischen Spender kommt, ist völlig egal.

7) Die Toiletten

Wenn Toiletten irgendwo auf der Welt in erstklassigem Zustand sein müssen, dann in Arztpraxen. Ohne die Möglichkeit, sich die Hände nicht nur waschen, sondern auch desinfizieren zu können, sind sie zumindest in unseren Breitengraden heute inakzeptabel.

8) Die Eigenwerbung

Darf die Frau oder der Herr Doktor in seiner Praxis für sich selber werben? Klar, warum denn nicht? Ein gesundes Selbstbewusstsein kann auch einem Arzt nicht schaden. Ist die Reklame aber marktschreierisch und verfolgt den Patienten noch auf der Toilette, ist Vorsicht geboten. Sie trauen ja auch keinem zwielichtigen Gebrauchtwagenhändler.

9) Das Design

Ob die Einrichtung einer Praxis von einem hippen Innenarchitekten durchgestylt wurde oder sich durch den Schick der achtziger Jahre auszeichnet, ist egal. Entscheidend sind die medizinischen Geräte, nicht Form und Farbe der Lampen. Vergessen Sie nicht: Jeder modische Firlefanz muss bezahlt werden - von Ihnen!

10) Die medizinischen Geräte

Die Qualität des medizinischen Equipments können Sie als Laie nicht beurteilen. Es muss nicht alles neu sein. Aber ob Geräte topsauber sind oder nicht, ob Kabel oder Schläuche seit längerem unbenutzt herumhängen, ob Unordnung im Laborbereich herrscht, das sehen auch Sie. Vertrauen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand!

11) Der Händedruck

Der Arzt begrüßt Sie, ohne Ihnen die Hand zu geben? Das ist nicht nur unhöflich, sondern ein Zeichen, dass Sie dem Mediziner nicht wichtig sind. Das Argument, das Händeschütteln sei unhygienisch, zieht übrigens nicht: Ein Arzt sollte sich nach jedem Patienten die Hände desinfizieren.

12) Der Blick

Schaut Ihnen der Arzt beim Gespräch kaum in die Augen, sondern macht ständig nur Notizen, blickt auf seinen Bildschirm oder telefoniert gar, auch dann gilt: Überlegen Sie, ob Sie wieder kommen. Sie scheinen für den gelehrten Mediziner vor allem Abrechnungsvieh zu sein.

Sagen all diese Faktoren nun etwas über das medizinische Können eines Arztes aus? Direkt nicht, aber indirekt viel, daran habe ich keinen Zweifel. Wenn einem Arzt seine Patienten und deren Gesundheit etwas bedeuten, sorgt er dafür, dass sie sich in seiner Praxis wohl fühlen. Denn nur wer sich wohl fühlt, kann auch gesund werden.

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insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.05.2010 von escherf: Qualität der Lektüre

Mein Hausarzt hat immer eine wirklich spannende Auswahl an Zeitschriften ausliegen und das vom Lesezirkel mit den blauen Umschlägen - fast wie Daheim! Ein guter Arzt bietet seinen Patienten natürlich auch gute Lektüre im [...] mehr...

12.05.2010 von Kyola Se: Gibt's nicht

Der Einschaetzung wuerde ich vollkommen zustimmen, und natuerlich habe ich auch eine Anekdote zu dem Thema: Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und hatte mein ganzes Leben lang denselben Hausarzt. Als ich dann in eine [...] mehr...

12.05.2010 von Selvbygger: Pulmonologe

Der Pulmonologe ist ein Pulmologe, der seinen Patienten mit Monologen den Nerv raubt ... mehr...

12.05.2010 von Autist: Kulturelle Klischees

Dem schließe ich mich an. Kulturelle Erwartungen sollte man nicht überschätzen, wenn man nicht Gefahr laufen will Minderheiten auszugrenzen. Ich mag kein Händeschütteln und finde es gut, wenn ein Arzt mich da nicht in die [...] mehr...

12.05.2010 von eikfier: verständlich

...sehen Sie, diesen Punkt hat Mohr mit sympathischem Mut zur Lücke weggelassen: ein guter Arzt drückt sich auch verständlich aus...in Deutsch! Also: "Lungenfacharzt"! P:S: beim Arzt ist manchmal falsch richtig und [...] mehr...

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Zur Person

Joachim Mohr, geboren 1962, lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen volontierte er bei der "Frankfurter Rundschau". 1993 kam er zum SPIEGEL. Nach zehn Jahren in der Innenpolitik wechselte er in das Ressort Sonderthemen, wo er heute unter anderem für SPIEGEL GESCHICHTE und SPIEGEL WISSEN arbeitet. Seit Oktober 2007 erscheint auf SPIEGEL ONLINE seine Kolumne "Mohrs Herzschlag", bisher in über 60 Ausgaben.

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