Von Marc Pitzke, New York
Lange war Fußball das Stiefkind des US-Sports. Dass diese Zeiten vorbei sind, zeigte sich spätestens am Mittwoch, als sich Team America mit einem Nachspielzeit-Tor gegen Algerien der nächsten Runde näher schoss, im Beisein von Ex-Präsident Bill Clinton. Das war auch für den US-Sportkanal ESPN ein Sieg: 6,2 Millionen Amerikaner schauten da zu - mehr, als der Sender je zuvor in seinem fast 30-jährigen Bestehen für Soccer gewinnen konnte.
Auch fürs nächste Spiel des US-Teams an diesem Samstag gegen Ghana erhofft sich ESPN weitere Quotenrekorde. Derweil rüsten sich die Kneipen im ganzen Land zum Fußball-Wahn, Top-Sponsor Nike freut sich schon über Umsatzsteigerungen, und Landon Donovan, der US-Torschütze vom Mittwoch, ist längst der neueste Coverboy der bunten Tabloid-Postillen.
Doch nicht alle schließen sich der Begeisterung an. Es gibt eine renitente Gruppe, die sich dem Soccer-Fieber energisch widersetzt, es sogar als den Anfang vom Ende Amerikas verteufelt - die am rechten Rand des Politik-Spektrums.
"Wir wollen die WM nicht, wir mögen die WM nicht, wir mögen Fußball nicht, wir wollen nichts damit zu tun haben!", bellt Glenn Beck, das selbsternannte Sprachrohr der vergrätzten Tea-Party-Populisten. "Egal, wie ihr es uns zu verkaufen versucht. Egal, wie viele Promis ihr kriegt. Egal, wie viele Bars früher aufmachen. Egal, wie viele Bier-Werbespots sie zeigen."
Beck, der mit seiner polemischen Radiostunde und einer ähnlichen TV-Show auf Fox News trotz anhaltenden Quotenverfalls immer noch Millionen konservative Amerikaner aufpeitscht, hegt gegen den "unamerikanischen" Fußball eine ähnliche Aversion wie gegen US-Präsident Barack Obama. "Obamas Politik ist wie die WM", zetert er bebend: "Dem Rest der Welt gefällt Barack Obamas Politik. Uns nicht."
Soccer: Bedrohung der Supermacht Amerika
Fußballfans, findet Beck, seien sowieso die randalefreudigsten aller Fans ("Ich habe noch nie Baseball-Randale gesehen") - weshalb Soccer ("dieser Mist") nichts Geringeres sei als eine Bedrohung der Supermacht Amerika: "Ich hasse es wahrscheinlich so sehr, weil der Rest der Welt es so sehr liebt." Widerstand sei also eine Patriotenpflicht: "Ich bin ein Amerikaner!"
Damit gibt Beck den Ton an für einen ganzen Aufmarsch von Anti-Fußballern aus der rechten Szene der USA. Die Miesepeter, die sich bisher über die Demokraten in Rage keilten, haben ein neues Feindbild entdeckt. Für sie ist auf einmal Soccer der Inbegriff all dessen, was sie seit jeher als Euro-Weichlichkeit verabscheuen. Weintrinker, Elitisten, Sozialstaatler, Linke (mit anderen Worten: Sozialisten, Kommunisten, Marxisten).
Oft mischt sich darin auch die übliche Prise von unterschwelligem Rassismus: Fußballer seien meist exotische Immigranten-Fremdlinge. Dass freilich gut die Hälfte aller Spieler in der amerikanischen Football-Liga schwarz ist, erschüttert den xenophobischen Dünkel nicht.
"Wo ist Amerikas Einzigartigkeit geblieben?", erbost sich der rechte Radiotalker Gordon Liddy über den plötzlichen Fußball-Boom: Nur Football und Baseball seien wahre Sportarten. Liddy, der einst als einer der Drahtzieher des Watergate-Skandals viereinhalb Jahre in Haft absaß, verknüpft diese Behauptung mit einem Exkurs in die Geschichte des Fußballs: "Es kommt aus Lateinamerika", doziert er staatstragend. "Dieses Spiel kommt von den südamerikanischen Eingeborenen, und statt eines Balls benutzten sie den Kopf, den abgeschlagenen Kopf eines feindlichen Kriegers."
"Soccer ist ein Sport für arme Leute"
Dan Gainor, Vizechef des erzkonservativen Business and Media Institutes, erklärt sich die Popularität von Fußball hörbar angewidert so: "Soccer ist ein Sport für arme Leute." Fußballer hätten kein Geld, weshalb es da nur einen Ball gebe, sonst nichts, während Football und Baseball "anständige Ausrüstung" erforderten. Trotzdem würden "die Linken" diesen Sport "in den Schulen im ganzen Land propagieren", obwohl es zu "Randale und Krieg" führen könne.
Der konservative Blogger und Juraprofessor Ilya Somin versucht sich an einem eher akademischen Ansatz. Er behauptet, Fußball nähre "ethnische Gewalt und schafft Prestige für repressive Regimes", die "die Siege ihrer Teams als Propaganda nutzen". Als Beispiele für diesen "ethnischen Antagonismus", der "oft zu Gewalt führt", nannte Somin Begegnungen wie "England vs. Deutschland, England vs. Irland, Deutschland vs. Polen" - sowie, als "berüchtigsten" Fall, den "Fußballkrieg" zwischen El Salvador und Honduras, bei dem 1969 rund 3000 Menschen ums Leben kamen.
Dass Somin für seine These fast 40 Jahre in die Vergangenheit zurückgreifen musste, spricht Bände. Die Wut der Soccer-Hasser widerspricht dem Jubel, mit dem Millionen von Amerikanern die WM dieser Tage verfolgen. Das US-Team, jahrzehntelang eine internationale Lachnummer, ist endlich erfolgreich. Soccer ist inzwischen der beliebteste Jugendsport hier.
Playmates und Präsidenten schließen sich dem Rausch an und lassen sich mit den Spielerstars ablichten. Barack Obama gratulierte den Siegern nach ihrem Zittersieg über Algerien telefonisch - ein Umstand, in dem sich die Soccer-Gegner nur bestätigt sehen. Denen hält Fußball-Blogger Bob Madaio die Realitäten entgegen: "Amerika ist eine Soccer-Nation."
Nicht nur im US-Fernsehen schreibt Fußball Quotengeschichte, sondern auch im Internet. Die letzten WM-Spiele verursachten den höchsten Web-Verkehr seit 2005: Sie erzielten je bis zu 21 Millionen Klicks - mehr als doppelt so viele wie Obamas Wahlsieg im November 2008, der auf 8,6 Millionen Klicks kam.
Auch die Wall Street spürt die Soccer-Manie. Auf dem Handelsparkett der New York Stock Exchange (NYSE) waren am Mittwoch so gut wie alle TV-Monitore auf ESPN geschaltet statt wie sonst auf den Wirtschaftssender CNBC. Das Handelsvolumen in den letzten, bangen Minuten der Partie sank um 32 Prozent auf rund 350 Millionen Aktien pro Minute. Statt zu handeln, starrten die Trader aufs Fernsehen.
Schon hoffen die Amerikaner, die WM für 2018 oder 2022 in die USA zu holen. Bill Clinton wirbt in Südafrika gerade persönlich für den Zuschlag; Obama empfing Fifa-Präsident Sepp Blatter voriges Jahr sogar im Oval Office. Demokraten wie Republikaner unterstützen den Vorstoß. "Fußball liegt uns im Blut", postuliert das Komitee auf seiner Website. "Schon seit der Ankunft der Pilgerväter."
Dagegen zieht Glenn Beck ein allerletztes, verzweifeltes Argument gegen Fußball aus dem Anzugärmel. "Es ist schlimmer als Curling!"
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Ui, wie konnte der mir entgehen... Also, jetzt mal langsam. Ich hasse Fussball auch, und zwar vor allem deswegen, weil jeder mir damit auf den Keks geht. Denn jeder außer mir scheint diesen Sport zu lieben, und das kotzt mich [...] mehr...
Wer kennt die tägliche Realität in den USA wirklich? Von welcher täglichen Realität sprechen Sie hier? Von der Realität in LA, oder der Realität im ländlichen "fly over" Gebiet? Von der Realität in Oak Park, oder der [...] mehr...
Die Fernseh-Zuschauerzahlen im Vergleich zur letzten Weltmeisterschaft haben sich verdoppelt. Das sagt fast alles. mehr...
Na ja, die Amerikaner haben eine andere Diskussionskultur als wir, da darf man auch mal außerhalb des Mainstream liegen. Trotz allem sind sie eine sportbegeisterte Nation, so dass Fußball sicherlich noch viele Anhänger in [...] mehr...
Wenn nach 90 Minuten noch kein Tor gefallen ist, liegt es an energischen Zweikämpfen und taktischen Bewegungen, um Freiraum heraus zu spielen. Bei Fußball sind eben keine Handball-Ergebnisse zu erwarten. Handball finde ich [...] mehr...
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