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21.07.2010
 

Videoüberwachung in New York

"Irgendwer guckt immer zu"

Von Marc Pitzke, New York

New York: "Irgendwer guckt immer zu"
Fotos
SPIEGEL ONLINE

Auf den Straßen New Yorks wimmelt es vor Überwachungskameras, Tausende Glasspione filmen jeden Schritt der Bürger. Jetzt soll das System zum Terrorschutz sogar noch verstärkt , die Stadt zum Spähbunker ausgebaut werden. Bürgerrechtler laufen Sturm - vergeblich.

Wenn Donna Lieberman die nicht einmal 50 Meter von ihrem Büro zur Straßenecke geht, wird sie bei jeder Bewegung von einem guten Dutzend Videokameras beäugt. "Ich lebe", seufzt die New Yorkerin, "in einer täglichen Reality-Show."

Diese Show fängt in der Lobby an, wo eine Linse über der Drehtür lauert. Draußen hängt gleich noch eine, dann eine etwas höher an der Fassade des Wolkenkratzers, in dem Lieberman arbeitet. Zwei offenbaren sich bei genauerem Hinsehen direkt gegenüber, zwei weitere links, zwei weitere rechts, und an der Kreuzung von Broad Street und Water Street wimmelt es vor Glasspionen.

Zugegeben: Lieberman, die Direktorin der Bürgerrechtsorganisation NYCLU, arbeitet in der am schärfsten überwachten Ecke New Yorks. In keinem Viertel der Acht-Millionen-Stadt werden die Passanten von mehr Kameras ausgespäht als hier an Manhattans Südspitze, im Finanzbezirk um die Wall Street. Selbst im Starbucks-Laden unweit der Börse starren drei Objektive über die Barista-Theke.

Keine Kamera gleicht der nächsten. Sie sehen aus wie Nachttischlampen, Alien-Augen, "Star Wars"-Roboter, Insektenpupillen, Bienenwaben oder einfach nur wie Kameras. Büros, Bars, Cafés, Restaurants, Schulen, Krankenhäuser, Museen, die U-Bahn (in der sich allerdings die meisten Elektroaugen als defekt entpuppt haben) - keine Ecke New Yorks ist objektivlos. Einer der wohl bezeichnendsten Fälle: Zwei Riesenkameras an der Südfassade der US-Notenbank, gleich hinter dem Schild der Liberty Street - der Straße der Freiheit.

Die grenzenlose Freiheit des Ausspähens

Schöne Freiheit: Die grenzenlose Freiheit des Ausspähens. Wie weit darf die gehen? Es ist eine alte und doch unvermindert aktuelle Frage, die sich die New Yorker seit dem missglückten Bombenanschlag am Times Square im Mai wieder stellen. Gute Antworten gibt es bisher freilich keine - nur die triste Einsicht: Die Zahl der Kameras steigt rasant.

Die NYCLU zählte in Manhattan allein südlich der 14. Straße genau 4176 Kameras - und das war vor fünf Jahren, bei der letzten verlässlichen Studie. 1998 waren es noch 769, ein Anstieg um 443 Prozent in sieben Jahren. Im Wall-Street-Bezirk hat sich die Zahl im selben Zeitraum fast verdreifacht, von 446 auf 1306.

Wie viele Linsen es heute wirklich sind, darüber lässt sich nur noch spekulieren. Weder das New York Police Department (NYPD) noch die Stadtverwaltung geben Statistiken bekannt, es gibt keine zentrale Sammelstelle oder Behörde, die diese Rundum-Überwachung koordiniert. Die meisten Kameras werden sowieso privat betrieben und sind daher für Gesetzgeber oder Bürgerrechtsgruppen nur schlecht zu kontrollieren.

"Wir waren schockiert, einfach schockiert", sagt Lieberman über die Erkenntnisse ihrer Organisation. "Irgendwer guckt immer zu." Das Schlimmste dabei: "Es gibt absolut keine Aufsicht." Die Späher spähen völlig unkontrolliert. Big brother is filming you.

"Kameras helfen nach der Tat und als abschreckendes Mittel"

Und das soll jetzt sogar noch viel drastischer werden. Seit dem verhinderten Times-Square-Anschlag wollen Lokalpolitiker, allen voran Bürgermeister Mike Bloomberg, die Überwachung drastisch ausweiten. "Es gibt nichts Wichtigeres, als die New Yorker vor einem Attentat zu beschützen", erklärte der demokratische Senator Chuck Schumer, der mindestens 30 Millionen Dollar an zusätzlichen Investitionen in das Kamerasystem fordert.

An diesem Vorstoß ändert wenig, dass London, als globaler Vorreiter der Videoüberwachung, langsam wieder kameramüde wird. Auch nicht, dass das Attentat am Times Square von den mehr als 80 Kameras ringsum weder verhindert noch aufgeklärt wurde - es war altbewährte Detektivarbeit, die dafür sorgte.

"Times Square ist ein gutes Beispiel, warum diese Kameras nichts bringen", sagte John Verdi von der auf elektronische Überwachung spezialisierten Aktivistengruppe Electronic Privacy Information Center (EPIC) dem TV-Sender ABC. "Er ist mit Kameras übersät, doch keine davon half, das Attentat zu vereiteln."

Dennoch reiste Bloomberg kürzlich eigens nach London, um sich bei seinem dortigen Amtskollegen Boris Johnson Rat zu holen. Bloombergs Schlussfolgerung stand da schon vorher fest: "Kameras helfen nach der Tat, und sie helfen als abschreckendes Mittel."

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insgesamt 206 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.01.2011 von adama.: Institution der Selbstkritik

Ein einigermaßen vernünftiger Gangster, der von der Überwachung weiß, wird darum auf die Tat verzichten. Darum kann die Überwachung nur wirken, wenn sie bekannt ist. Anders wäre es "Spionage" Ich sehe auch null [...] mehr...

16.01.2011 von discurso: .

In einer Demokratie bezahlen alle (82Mio) kleinen und großen Würstchen für Ihre Überwewachung selber, sei es in Form von Steuern oder in Form von Gebühren, die die Privatwirtschaft eintreibt. Stichwort Vorratsdatenspeicherung. mehr...

01.01.2011 von keinzeitungsleser: weichmacher

Eigentlich brauch man da ja gar nicht drüber reden. Einerseits nutzlos für den vorgeschobenen Zweck, andererseits gefährlich als Türöffner und Datensammler. Nun könnte man sagen: "kein Mensch wertet das alles aus". [...] mehr...

13.12.2010 von GinaBe: Überwachung total- was bringt`s?

Es ist das Ankurbeln der Industrie, die derartiges verhalten fördert, das Eigentum oder öffentliche Plätze durch installierte Kameras überwachen zu lassen. Da das Kapital immer ungleicher verteilt wird, ehrlich arbeitende [...] mehr...

13.12.2010 von chirin: Überwachung total - was bringt´s?

Unser Kreis ist sehr zufrieden, dass es die Video-Überwachung gibt. Erst gestern wieder ist bei Bandenkämpfen unter libanesischen-kurdischen kriminellen Familien ein 17jhr. erstochen worden. Die Täter sind durch die [...] mehr...

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