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20.07.2010
 

Kameraüberwachung in London

Big Brother sieht sich satt

Von Carsten Volkery, London

London: Ende des Video-Booms
Fotos
AP

London ist die Welthauptstadt der Späher: In kaum einer Metropole gibt es mehr Überwachungskameras. Doch jetzt wächst die Kritik am Sicherheitswahn. Die Technik gilt als teuer und ineffizient, die neue Regierung will den Wildwuchs eindämmen.

London - Sie sind groß, klein, rund, eckig, auffällig oder unsichtbar: Man muss in der Londoner Innenstadt nicht lange suchen, um eine Überwachungskamera zu entdecken. Sie kleben an Laternenmasten, an Verkehrsschildern oder an Hauswänden. Selbst hinter den neugotischen Türmchen des Parlaments lugen die leistungsstarken Objektive hervor.

Nirgendwo auf der Welt, heißt es, hängen mehr Überwachungskameras als in London. Beweisen kann das niemand, denn verlässliche Zahlen zu dem Wildwuchs gibt es nicht. Aber Schätzungen gehen von über einer Million Kameras aus - die meisten betrieben von Privatpersonen und Unternehmen.

Seit den neunziger Jahren hat die Stadt eine massive Aufrüstung erlebt, überall tauchten plötzlich die "CCTV"-Schilder auf, die Passanten auf die Überwachung durch "Closed-circuit television" hinweisen. An einzelnen Orten ist die Kontrolle bereits lückenlos: Wer in die U-Bahn hinabsteigt, wird nahezu konstant gefilmt. 12.000 Kameras sind in Waggons, Tunneln und Bahnsteigen installiert. Ein typischer Doppeldeckerbus ist mit einem Dutzend Kameras bestückt. Die Passagiere können sich gegenseitig auf Bildschirmen beobachten, die im Bus angebracht sind.

CCTV-Boom von der Blair-Regierung angeheizt

Die Marschrichtung wurde von ganz oben vorgegeben. Die Regierungen von John Major und Tony Blair glaubten, mit CCTV eine Wunderwaffe gegen das Verbrechen entdeckt zu haben, und heizten den Boom mit Steuergeldern an. Hunderte Millionen Pfund wurden in die neue Technik investiert, ganze Sozialsiedlungen standen fortan unter ständiger Beobachtung. Allein in den vergangenen zehn Jahren verdreifachte sich die Zahl der öffentlich betriebenen Kameras.

"Es gibt nur ein Land, das seinen Bürgern nachspürt wie das Vereinigte Königreich, und das ist Nordkorea", polemisierte der Kolumnist Chris Blackhurst im "Evening Standard".

Längst ist die Euphorie jedoch der Ernüchterung gewichen. Dutzende Studien haben den Nutzen von CCTV in Zweifel gezogen: Weder lassen sich Verbrecher von Kameras abschrecken noch fühlt sich die Bevölkerung sicherer. Auch das politische Klima hat sich gewandelt: Der Verfassungsausschuss des Oberhauses beklagte vergangenes Jahr, die Kameras verletzten das Recht auf Privatsphäre. Die neue liberalkonservative Regierung hat angekündigt, den Einsatz der Kameras stärker zu regulieren.

Sicherheitspopulismus mit CCTV

Und so schlägt das Pendel nun zurück. "Der CCTV-Boom ist vorbei", sagt der Kriminologe Pete Fussey von der University of East London. Der Höhepunkt sei 2003 erreicht worden, seither habe sich der Ausbau des Überwachungsnetzes deutlich verlangsamt. Die Förderprogramme der Regierung sind ausgelaufen, und nach den vielen Jahren rasanten Wachstums scheint der Markt einen gewissen Sättigungsgrad erreicht zu haben - auch in einer Acht-Millionen-Metropole wie London ist die Zahl der Straßenecken begrenzt.

Kriminaloberinspektor Mick Neville, Chef der zentralen Video-Einheit der Londoner Polizei, hatte bereits 2009 gemahnt: "Wir haben genug Kameras, lasst uns jetzt aufhören, wir brauchen keine Kameras mehr." Statt immer neue Ausrüstung anzuschaffen, sei es dringend notwendig, die Auswertung des Videomaterials zu verbessern.

Das heißt nicht, dass es keine Überwachungsfans mehr gibt. Auf viele Lokalpolitiker übt CCTV nach wie vor eine große Anziehungskraft aus. "Es macht sich immer gut, in der Presse mehr Kameras anzukündigen", sagt Dylan Sharpe von der Protestgruppe "Big Brother Watch". Für Stadträte sei es der einfachste Weg zu zeigen, dass sie etwas für die öffentliche Sicherheit tun.

So verkündete auch Londons Bürgermeister Boris Johnson im Mai, in den nächsten Jahren noch 2000 zusätzliche Kameras in der U-Bahn installieren zu wollen. Sein New Yorker Kollege Michael Bloomberg war in London, und Johnson war stolz, dass der Amerikaner extra über den Atlantik geflogen war, um sich bei den Kamerapionieren nach ihren Erfahrungen zu erkundigen.

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insgesamt 37 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
23.07.2010 von Zyklotron: Auge um Auge - Hirn um Hirn

Meine Angehörigen hätten mehr davon, wenn eine Polizeistreife mich gerettet hätte, statt der Verurteilung des Täters beizuwohnen. Primitive Rachegedanken sind vielleicht noch etwas für den Balkan. Meine Frau würde es bevorzugen, [...] mehr...

21.07.2010 von Baracke Osama: --

Und wie genau soll man diese übetreibende Menschen abberufen, wenn man mangels der Alternativenqualität nicht wählen will/kann? mehr...

21.07.2010 von hr_schmeiss: ...genau

Ich befürchte, dass die Arbeit unserer Regierungen darauf abzielt, solche Verhältnisse auch hier zu schaffen. Ihre Schätzung halte ich übrigens für sehr optimistisch. Im übrigen kann ich Ihr Argument nicht nachvollziehen: 70% [...] mehr...

21.07.2010 von Baracke Osama: --

Und wer stellt fest, dass die Grenze des "Nötigen" erreicht ist? mehr...

21.07.2010 von Baracke Osama: --

Schauen Sie sich die Ideen von Jacques Fresco an! Eine gute und definitiv bessere Alternative zu heitigen Systemen wäre die ressourcenbasierte Gesellschaftsform. mehr...

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Länderlexikon Großbritannien

Fläche: 242.495 km²

Bevölkerung: 62,036 Mio.

Hauptstadt: London

Staatsoberhaupt: Königin Elizabeth II.

Regierungschef: David Cameron

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