Von Carsten Volkery, London
Die CCTV-Begeisterung hat jedoch spürbar nachgelassen. Die Prognosen für den 1,2 Milliarden Pfund großen Markt fallen deutlich verhaltener aus als noch vor einigen Jahren. Die Marktforschungsfirma Market and Business Development (MBD) sagt bis 2014 ein jährliches Wachstum von ein bis vier Prozent voraus - das schließt allerdings sämtliche Dienstleistungen mit ein. Zugleich warnt sie vor "erhöhter Unsicherheit" wegen der anstehenden Sparrunden in den öffentlichen Haushalten.
Das Kostenargument könnte sich als schlagender erweisen als jahrelange Proteste. Die Warnung vor einer Aushöhlung der Bürgerrechte hat nie verfangen: Den meisten Londonern ist es schlicht egal, dass sie gefilmt werden. Von einem Volksaufstand gegen Big Brother träumen allenfalls ein paar Aktivisten.
Die Kosten-Nutzen-Abwägung hingegen wird in Zeiten knapper Kassen zu einem entscheidenden Faktor. Zunehmend stellen Kämmerer die Frage: Hält CCTV überhaupt das, was es verspricht? Die Antwort fällt in der Regel unbefriedigend aus. Eine Studie des britischen Innenministeriums kam bereits im Jahr 2005 zu dem Schluss: "Es hat eine Menge Geld gekostet und nicht die erwarteten Vorteile gebracht."
Abschreckungseffekt gleich null
Experten sind sich einig, dass die bloße Installation von Kameras nichts bringt. Der Abschreckungseffekt ist gleich null, Straftäter lassen sich in ihrem Handeln nicht beirren. Das gilt für Mörder ebenso wie für betrunkene Jugendliche, die ungeniert an Hauswände pinkeln. Auch fühlt sich die Bevölkerung laut Studien nicht sicherer - der Anblick von Kameras verstärkt eher das Gefühl, in Gefahr zu schweben. Auf die Kriminalitätsrate hat CCTV keinen nachweisbaren Einfluss: Allenfalls Autodiebstähle in Parkhäusern gehen nach der Installation von Kameras messbar zurück, Gewalttaten hingegen nicht.
Ermittler verteidigen Kameras weiterhin als wichtige Hilfe bei der Detektivarbeit. Zwar könnten sie Verbrechen nicht verhindern, aber die Auswertung der Bilder trage wesentlich zur Aufklärung bei, lautet das Argument. Das leugnen nicht einmal die schärfsten Kameragegner. Vor einiger Zeit wurde der mutmaßliche Mörder dreier Prostituierter in Bradford verhaftet, nachdem die Polizei auf einem Überwachungsvideo gesehen hatte, wie der Mann einem der Opfer mit einer Armbrust einen Bolzen in den Kopf schoss.
Doch ist der blinde Glauben an die Technik einem neuen Realismus gewichen. Nach den Jahren der ungebremsten Verbreitung folgt nun eine Phase der Konsolidierung - und Regulierung. Die Polizei konzentriert sich darauf, ihren Umgang mit dem Videomaterial zu verfeinern. Und das Innenministerium arbeitet an neuen Regeln für Kamerabetreiber.
"Der gute alte Wachmann erlebt sein Comeback"
Die einzigen Vorschriften, die es in Großbritannien bisher gibt, stehen im Datenschutzgesetz von 1998: Kamerabetreiber müssen mit Schildern darauf hinweisen, dass gefilmt wird. Eine bestimmte Person hat für die Anlagen zuständig zu sein. Jeder Gefilmte muss auf Wunsch innerhalb von 40 Tagen Zugang zu den Bildern erhalten.
Das Problem: Die Regeln werden in der Praxis kaum eingehalten. Viele Unternehmen scheuen den Personal- und Speicheraufwand. Das will die neue Regierung ändern. Denkbar wäre etwa eine Kamera-Lizenz.
Die Sicherheitsbranche hofft auf die Olympischen Spiele, die 2012 in London stattfinden. Das Großereignis wird die Kameradichte in der Stadt zweifellos noch einmal erhöhen. Das Olympische Dorf wird - wie inzwischen international üblich - einer Festung gleichen. Laut einem unbestätigten Bericht des "Guardian" sind sogar Drohnen im Gespräch: Die unbemannten Flugzeuge könnten das Geschehen mit Bordkameras aus luftiger Höhe überwachen.
Selbst hier ist aber laut Fussey ein neuer Trend erkennbar: Für den Schutz der Austragungsstätten werde wieder verstärkt auf menschliche Kontrolle gesetzt, sagt der Kriminologe. "Der gute alte Wachmann erlebt sein Comeback".
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Meine Angehörigen hätten mehr davon, wenn eine Polizeistreife mich gerettet hätte, statt der Verurteilung des Täters beizuwohnen. Primitive Rachegedanken sind vielleicht noch etwas für den Balkan. Meine Frau würde es bevorzugen, [...] mehr...
Und wie genau soll man diese übetreibende Menschen abberufen, wenn man mangels der Alternativenqualität nicht wählen will/kann? mehr...
Ich befürchte, dass die Arbeit unserer Regierungen darauf abzielt, solche Verhältnisse auch hier zu schaffen. Ihre Schätzung halte ich übrigens für sehr optimistisch. Im übrigen kann ich Ihr Argument nicht nachvollziehen: 70% [...] mehr...
Und wer stellt fest, dass die Grenze des "Nötigen" erreicht ist? mehr...
Schauen Sie sich die Ideen von Jacques Fresco an! Eine gute und definitiv bessere Alternative zu heitigen Systemen wäre die ressourcenbasierte Gesellschaftsform. mehr...
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