Hamburg - Eilig hatte die Nordelbische Kirche für diesen Freitagnachmittag um 17 Uhr eine Pressekonferenz einberufen - was Bischöfin Maria Jepsen, 65, dort zu sagen hat, sickerte schon vorher durch.
Und so erklärte die Geistliche - wie erwartet - ihren Rücktritt als Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck. "Meine Glaubwürdigkeit wird angezweifelt. Von daher sehe ich mich nicht in der Lage, die frohe Botschaft so weiterzusagen, wie ich es bei meiner Ordination und bei meiner Bischofseinführung vor Gott und der Gemeinde versprochen habe", sagte Jepsen und zog damit persönliche Konsequenzen aus der Missbrauchs-Affäre in der Kirchengemeinde im schleswig-holsteinischen Ahrensburg.
"Ich habe mein Bischofsamt angetreten mit dem mir aus Kindertagen vertrauten Psalmwort 'Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen!' Vertrauensvolle Zusammenarbeit ist mir immer von großer Bedeutung gewesen. Ohne Ehrlichkeit und Offenheit hätte ich meinen Dienst nicht tun können und wollen", erklärte Jepsen. Sie habe sich "als eine leitende Geistliche" verstanden, der für die eigene Nordelbische Kirche und für die Ökumene Verantwortung übertragen worden seien.
"Als Geistliche meiner Kirche habe ich mich immer darum bemüht, eine gute Dienerin in Wort und Tat zu sein, in der Nachfolge Jesu Christi für Gott und die Menschen da zu sein", so Jepsen. Daran werde sich nichts ändern. Man habe ihr "Schlimmes" unterstellt. "Ich erwarte, dass die Missbrauchsfälle in Ahrensburg und anderswo zügig aufgeklärt werden und die Wahrheit ans Licht kommt."
Hintergrund sind anhaltende Vorwürfe, Jepsen sei Missbrauchsvorwürfen gegen den Pastor Dieter K. im Jahr 1999 nicht energisch genug nachgegangen. Der Mann soll in Ahrensburg bei Hamburg vor allem in den achtziger Jahren heranwachsende Jungen und Mädchen missbraucht haben. Hinweise gab es länger - doch aufgearbeitet werden die Fälle erst jetzt. Aussagen von fünf Opfern liegen der Kirche vor, der Opferverein spricht von mindestens 20 Betroffenen.
Mit dem Rücktritt erreicht der Missbrauchsskandal nun auch eine Spitzenvertreterin der evangelischen Kirche, nachdem sich die Vorwürfe bisher auf die Vorgänge in der katholischen Kirche konzentriert hatten.
Sexuelle Übergriffe
Im März dieses Jahres erreichte Jepsen ein Brief. Ermutigt von der Missbrauchsdebatte berichtete eine Frau von sexuellen Übergriffen durch Dieter K., die sie, anfangs als 16-Jährige, in der ersten Hälfte der achtziger Jahre erlebt habe. Auch andere Jugendliche seien betroffen, schrieb die Frau und nannte Namen. Jepsen wurde aktiv, eine kircheninterne Ermittlergruppe ging den Hinweisen nach, Disziplinarverfahren wurden eingeleitet, die Kirche wandte sich an die Staatsanwaltschaft. Im Mai ging die Kirche an die Öffentlichkeit. Die Taten sind verjährt - bitter für die Opfer.
Gerüchte und Hinweise hatte es allerdings schon lange vorher gegeben. 1999 informierte die Frau, die Jepsen schrieb, die damalige Stormarner Pröpstin Heide Emse. Diese sorgte für die Versetzung des Pastors, angeblich auf einen Schreibtischposten - wobei er tatsächlich in einem Gefängnis bis Ende 2000 wieder Jugendliche betreute und Religionslehrer an einem Gymnasium blieb, ohne dass Schulleitung oder Gemeinde über die Hintergründe informiert wurden.
Eine Zeugin, Schwester eines Opfers, schilderte nun in einer eidesstattlichen Erklärung, sie habe 1999 Jepsen bei einer flüchtigen Begegnung während eines Kongresses in Lübeck "sinngemäß" gesagt, der Pastor habe Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Jepsen erklärte dazu, sich an diese Situation nicht zu erinnern. Wenn aber die Worte "sexueller Missbrauch" gefallen wären oder wenn sie sie verstanden hätte, wäre sie dem mit Sicherheit nachgegangen.
"Intime Verhältnisse mit jüngeren Frauen"
Im Mai sagte Jepsen in einem Interview, sie habe von den Gründen für die Versetzung nichts gewusst. Daraufhin teilte Pröpstin Emse ihr in einem Brief mit, wenn sie diese Aussage noch einmal wiederhole, werde sie ihr öffentlich widersprechen. Emse behauptet, sie habe Jepsen 1999 in der Pause eines Konvents mündlich darüber informiert, dass es sowohl bestätigte als auch unbestätigte Hinweise auf Übergriffe von Dieter K. gegeben habe.
Nach SPIEGEL-Informationen geht aus dem Protokoll einer Besprechung des Bischofskollegiums mit dem Personaldezernat des Kirchenamts am 1. November 1999 hervor, dass Jepsen von Vorwürfen gegen K. Kenntnis erlangt haben musste. Dort hieß es: "Frau Bischöfin Jepsen fragt an, ob Herr Pastor K. möglicherweise intime Verhältnisse mit jüngeren Frauen hatte. Den Anwesenden ist darüber nicht Näheres bekannt." Eine weitere Aufklärung wurde 1999 offenbar nicht veranlasst.
Von Anschuldigungen gegen den Pastor soll auch dessen Ahrensburger Kollege gewusst haben, weil sich angeblich Opfer an ihn gewandt hatten. Der Mann, ebenfalls im Ruhestand, beruft sich auf die Schweigepflicht und hat im "Hamburger Abendblatt" Fehler eingeräumt. Gegen ihn führt die Kirche ebenfalls ein Disziplinarverfahren wegen sexueller Übergriffe auf eine damals 17-Jährige und eine 18-Jährige
"Eine Nachlässigkeit"
Noch sind die kirchlichen Ermittlungen nicht abgeschlossen. Aber Vermutungen wurden schon in den vergangenen Tagen laut: "Es gab eine Nachlässigkeit im Hören wie im Sagen", sagte Kirchensprecher Thomas Kärst in Hamburg. Informationen seien nicht oder nur eingeschränkt weitergegeben worden, statt von "Missbrauch" sei immer wieder verklausuliert von "Verfehlungen" die Rede gewesen. Der Opferverein "Missbrauch in Ahrensburg" erhebt den Vorwurf der Vertuschung.
Der Vorsitzende der Nordelbischen Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich, hat versichert, die Aufklärung werde vom Kirchenamt intensiv vorangetrieben. "Es wird deutlich, dass damals Hinweisen von Opfern nicht mit dem nötigen Nachdruck nachgegangen wurde. Wir sehen mit Abscheu und Scham auf das, was in Ahrensburg und an anderen Orten Menschen von Pastoren und Mitarbeitern unserer Kirche angetan worden ist."
Im Herbst sollen die Ermittlungen voraussichtlich beendet sein, dann wird das Kirchengericht gegen die beiden Pastoren verhandeln. Ihnen droht schlimmstenfalls eine Aberkennung der Ruhestandsbezüge.
Der Pastor Dieter K. will sich nicht äußern.
Jepsens Wahl zur Bischöfin 1992 galt damals als Sensation, sie schrieb Kirchengeschichte. Nie zuvor hatte bei einer lutherischen Bischofswahl weltweit eine Frau gesiegt. Mittlerweile gab es mit der Lübeckerin Bärbel Wartenberg-Potter und Margot Käßmann in Hannover weitere evangelische Bischöfinnen.
plö/jdl/jjc/dpa/apn
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Ich habe mir das mal angesehen. Danke für den Link. Mal vorweg. Warum nennt dieser Geistliche mit dem Protokoll seines Neffens seinen Namen nicht? Ist das also einfach mal so jetzt bewiesen, was dort geschildert wird? Wie waren [...] mehr...
Bischöfin Jepsen sah ihre Glaubwürdigkeit beschädigt und sich deshalb nicht mehr als fähig, das Bischofsamt auszuüben. Weder klebte sie am Sessel, noch an Macht und Amt. So honorig dieses Verhalten ist, ihren Fehler beseitigt es [...] mehr...
Nachtrag: die Zitate stammen nicht von Bischof Genn, sodnern vom Missbrauchsermittler, dem gegangenen... Und hier redet jemand aber tacheles: „Augenfällig ist, dass der Ablauf genau der seit vielen Jahrhunderten von der [...] mehr...
Noch eins sehr aktiver Bischof: Interessant: das 3erTeam der Missbrauchskommission Bistum Münster wird aufgelöst und neu besetzt....Bischof: Felix Genn „Ich hoffe nur, dass ich nicht auch hart geworden bin.“ Diesen Satz [...] mehr...
Für alle diejenigen, welche gestern Abend die „Report Mainz Sendung“mit den Zollitsch-Briefen versäumt haben: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=4961226 mehr...
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