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16.07.2010
 

Zurückgetretene Bischöfin Jepsen

Glaube, Triebe, Vergessen

Ein Kommentar von Jürgen Dahlkamp und Ralf Hoppe

Rücktritt nach Missbrauchsfällen: Der Fall Maria Jepsen
Fotos
DPA

"Ohne Ehrlichkeit hätte ich meinen Dienst nicht tun können", sagt die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen - und tritt nach dem Missbrauchsskandal der Evangelischen Kirche zurück. Es ist ein Schritt, der Hochachtung verdient, aber auch längst überfällig war.

Eine Konferenz vor elf Jahren, in der Hansestadt Lübeck, es geht um sexuelle Gewalt zwischen Männern und Frauen, und die Bischöfin Maria Jepsen ist die Schirmherrin und spricht das Grußwort. Sie ist eine Vertreterin des feministischen Flügels in der Evangelischen Kirche Deutschland - sexuelle Gewalt ist ein Thema, das ihr daher besonders nahegeht oder nahegehen sollte.

Nach ihrer Ansprache schreitet die Bischöfin Jepsen durch den Mittelgang Richtung Ausgang, und plötzlich steht eine junge, blonde Frau vor ihr, tritt ihr in den Weg. Die junge Frau hat nämlich eine Schwester, und diese Schwester wurde offenbar jahrelang missbraucht, als Minderjährige, von einem Pastor aus Ahrensburg bei Hamburg - im Sprengel der Bischöfin, ihrem Amtsbereich.

Die junge, blonde Frau steht also vor Jepsen, und sinngemäß sagt sie zu ihr: Frau Bischöfin, in Ahrensburg missbraucht Pastor K. Kinder und Jugendliche sexuell.

Was wäre die angemessene Reaktion einer feministischen Bischöfin auf diese Information? Frau Jepsen sagt nicht: WAS sagen Sie da? Das müssen Sie mir bitte alles ganz genau erzählen! Frau Jepsen fährt nicht gleich am nächsten Tag nach Ahrensburg und spricht mit allen, derer sie habhaft werden kann, über das Thema. Frau Jepsen setzt nicht alle Hebel in Bewegung, um herauszufinden, was es mit diesem Missbrauchsvorwurf auf sich hat.

Nein, sie sagt wohl bloß, sie werde sich darum kümmern, und dann ist sie auch schon verschwunden.

So jedenfalls stellt es jene blonde Frau dar, die sich an solche Einzelheiten immer noch erinnern kann. Für die Bischöfin aber war dieser Hinweis offensichtlich weniger bedeutsam: Bis heute kann Jepsen sich auf jene Situation nicht besinnen, wie sie sagt.

Kaum zu glauben

Spätestens an diesem Freitag aber muss Jepsen klargeworden sein, dass ihre Vergesslichkeit kaum zu glauben ist, und dass damit auch ihre Glaubwürdigkeit als Bischöfin angeschlagen war. Jepsen hat die Konsequenzen gezogen. Ihr Rücktritt ist respektabel, doch das ändert nichts daran, dass er überfällig war.

Denn selbst wenn sie 1999 nichts erfahren hätte von den erschreckenden Vorwürfen und Vorgängen in der Ahrensburger Gemeinde, so hat sie doch versagt im Krisenmanagement, seit März dieses Jahres. Zwar ist die Bischöfin nicht die direkte Dienst- und Disziplinarvorgesetzte eines Pfarrers; diese Aufgabe haben das Kirchenamt und die örtliche Pröpstin. Aber die Bischöfin ist die moralische Instanz ihrer Landeskirche. Sie ist verantwortlich für das Bild dieser Kirche.

Zweimal nicht nachgehakt

Schon 1999 hätte sie mehr wissen können, als sie möglicherweise wissen wollte. Denn Jepsen hat damals gleich zweimal nicht nachgehakt: nicht bei der jungen Frau, auf der Konferenz in Lübeck, und auch nicht bei der zuständigen Ahrensburger Pröpstin, Heide Emse, der direkten Vorgesetzten jenes Pastoren.

Emse hatte die Bischöfin laut eigener Aussage ebenfalls informiert. Ein Pastor müsse aus der Gemeinde herausgenommen werden, Begründung: sexuelle Übergriffe. Die Vorwürfe seien glaubwürdig, manche könne sie allerdings nicht verifizieren. Wie heute bekannt ist, war der Hintergrund dieser Vorwürfe sexueller Missbrauch minderjährigen Jungen.

Und was macht die Bischöfin?

Sie fragt nicht nach, warum genau der Pfarrer aus der Gemeine genommen werden muss? Und welche Vorwürfe sich da nicht verifizieren ließen?

Sie setzt nicht alle Hebel in Bewegung, um diese Vorwürfe rückhaltlos aufzuklären.

Einmal, so ist belegt, bringt Jepsen bei einer Runde von Bischöfen und hohen Kirchenbeamten, die Vorgänge zur Sprache. Und sie lässt sich damit abspeisen, dass "den Anwesenden darüber nichts Näheres bekannt ist". So steht es im Protokoll dieser Sitzung. Und dann geht man auch schon über zum nächsten Tagesordnungspunkt. Das Image der Evangelischen Kirche bleibt intakt, die Seele der Opfer nicht.

Eine zweite Chance

Im März dieses Jahres aber bekam die Bischöfin eine zweite Chance: Sie erhielt einen Brief, ausführlich, mit allen Vorwürfen, unmissverständlich. Und diesmal konnte es keinen Zweifel geben, wie wichtig dieses Thema in der Gesellschaft war - die Skandale in der Katholischen Kirche brachten diese gerade enorm in Bedrängnis.

Im Mai machte Jepsens Kirche das Thema öffentlich, zu einem Zeitpunkt, als klar war, dass die Opfer - denn nun gab es mehrere - nicht mehr schweigen würden. Spätestens jetzt hätte Bischöfin Jepsen ihre Rolle begreifen, das Thema besetzen müssen. Sie hätte mit den Opfern reden, öffentliche Diskussionen initiieren müssen, sie hätte ihre Kirche führen müssen. Nichts davon geschah.


Nur zur Einweihung einer Wildblumenwiese auf dem Friedhof von Ahrensburg ließ sich Jepsen blicken, und nur am Rande erwähnte sie den größten Missbrauchsskandal in der Evangelischen Kirche - mitten in ihrem Amtsbereich. Und als der SPIEGEL mit ihr über die Vorwürfe sprechen wollte, verweigerte sie zunächst ein Gespräch, dann setzte sie 45 Minuten dafür an - für das wichtigste Thema ihrer Amtszeit.

Nachdem der SPIEGEL an diesem Montag Hinweise veröffentlicht hatte, wonach Jepsen schon 1999 hätte genügend wissen können, beharrte sie darauf, nicht schriftlich und vollständig von ihrer Pröpstin ins Bild gesetzt worden zu sein. Doch am Donnerstag folgte eine eidesstattliche Versicherung jener jungen Frau. Vielleicht wurde ihr in dem Moment klar, dass der Rücktritt unausweichlich war.

"Ich habe mein Bischofsamt angetreten mit dem mir aus Kindertagen vertrauten Psalmwort 'Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen''', sagte Jepsen auf einer Pressekonferenz an diesem Freitag.

Offenbar missbraucht wurden in Ahrensburg übrigens unter anderem drei Brüder.

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insgesamt 347 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.07.2010 von spiegelleserol:

Ich habe mir das mal angesehen. Danke für den Link. Mal vorweg. Warum nennt dieser Geistliche mit dem Protokoll seines Neffens seinen Namen nicht? Ist das also einfach mal so jetzt bewiesen, was dort geschildert wird? Wie waren [...] mehr...

20.07.2010 von Juro vom Koselbruch: Neues Ultimatum?

Bischöfin Jepsen sah ihre Glaubwürdigkeit beschädigt und sich deshalb nicht mehr als fähig, das Bischofsamt auszuüben. Weder klebte sie am Sessel, noch an Macht und Amt. So honorig dieses Verhalten ist, ihren Fehler beseitigt es [...] mehr...

20.07.2010 von Bernhard Fischer: ftrg

Nachtrag: die Zitate stammen nicht von Bischof Genn, sodnern vom Missbrauchsermittler, dem gegangenen... Und hier redet jemand aber tacheles: „Augenfällig ist, dass der Ablauf genau der seit vielen Jahrhunderten von der [...] mehr...

20.07.2010 von Bernhard Fischer: Teppiche neu ausgerollt.....

Noch eins sehr aktiver Bischof: Interessant: das 3erTeam der Missbrauchskommission Bistum Münster wird aufgelöst und neu besetzt....Bischof: Felix Genn „Ich hoffe nur, dass ich nicht auch hart geworden bin.“ Diesen Satz [...] mehr...

20.07.2010 von Bernhard Fischer: Report.... der server glüht....

Für alle diejenigen, welche gestern Abend die „Report Mainz Sendung“mit den Zollitsch-Briefen versäumt haben: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=4961226 mehr...

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Die Rücktrittserklärung von Bischöfin Jepsen

"Ich habe mein Bischofsamt angetreten mit dem mir aus Kindertagen vertrauten Psalmwort 'Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen!' Vertrauensvolle Zusammenarbeit ist mir immer von großer Bedeutung gewesen. Ohne Ehrlichkeit und Offenheit hätte ich meinen Dienst nicht tun können und wollen. Ich habe mich verstanden als eine leitende Geistliche, der für die eigene Nordelbische Kirche und für die Ökumene Verantwortung übertragen wurde.

Ich habe das Gespräch und die Zusammenarbeit mit Angehörigen anderer Religionen gesucht und versucht, den Menschen in Stadt und Land nahe zu sein, hörend, handelnd und betend.

Fein und lieblich ist augenblicklich fast gar nichts in meinem bischöflichen Amt. Meine Glaubwürdigkeit wird angezweifelt.

Von daher sehe ich mich nicht in der Lage, die frohe Botschaft so weiterzusagen, wie ich es bei meiner Ordination und bei meiner Bischofseinführung vor Gott und der Gemeinde versprochen habe.

Als Geistliche meiner Kirche habe ich mich immer darum bemüht, eine gute Dienerin in Wort und Tat zu sein, in der Nachfolge Jesu Christi für Gott und die Menschen da zu sein. Daran wird sich nichts ändern. 'Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg' an diesem Psalmvers, meinem Konfirmationsspruch, orientiere ich mich, trotz der Äußerungen in den Medien, die mir Schlimmes unterstellen.

Ich danke allen, mit denen ich meinen bischöflichen Dienst ausüben durfte, in der Nordelbischen Kirche und Ökumene, in Stadt und Land. Ich danke insbesondere Bischof Ulrich für seine Unterstützung in diesen Tagen.

Ich wünsche meiner Kirche und insbesondere den evangelisch- lutherischen Christen und Christinnen im Sprengel Hamburg und Lübeck Gottes Segen, dass Eintracht, Freude und unverzagt fröhlich gelebter Glaube ihr Miteinander bestimme.

Ich erwarte, dass die Missbrauchsfälle in Ahrensburg und anderswo zügig aufgeklärt werden und die Wahrheit ans Licht kommt.

Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt als Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck.

Maria Jepsen"


Bischöfin Jepsen und der Missbrauchsfall

Der Missbrauchsfall

Der evangelische Pastor Gert Dietrich K. soll nach SPIEGEL-Informationen drei seiner fünf Stiefsöhne missbraucht haben. Demnach gibt es weitere Opfer und einen zweiten Pfarrer, der den mutmaßlichen Täter deckte.

K. trat 1973 seine Pastorenstelle in Ahrensburg an. Angeblich soll der andere Pfarrer der Gemeinde bereits Mitte der siebziger Jahre zum ersten Mal etwas von homoerotischen Übergriffen gehört haben. Die sexuelle Beziehung zwischen K. und den künftigen Stiefsöhnen begann nach SPIEGEL-Informationen im Juni 1982 - auf einer Reise ins Elsass. Ein paar Jahre später heiratete die Mutter der Jungen, Brunhilde Kohn, den Priester.

1989 verließ sie den mutmaßlichen Verführer und Vergewaltiger ihrer fünf Söhne. Damit ergab sich eine Gelegenheit, in der - zumindest theoretisch - die sozialen Kontrollmechanismen der Kirche hätten greifen können. Doch K. wurde in seinem Amt bestätigt, weil ihn sein Kollege deckte.

Im Sommer 1999 schaltete sich eine Frau ein, die laut eigener Aussage zwischen 1979 und 1984 mit K. geschlafen hatte, und berichtete der damaligen Pröbstin Heide Emse von den Missbrauchsvorwürfen. K. wurde nach Neumünster in die Gefängnisseelsorge abgeschoben, blieb aber weitere vier Jahre Religionslehrer am Gymnasium. Seit Ende 2000 ist er in Ruhestand. Die ehemaligen Stiefsöhne und mutmaßlichen Opfer von K. haben einen Verein gegründet. Zwei der fünf Kohn-Brüder sind inzwischen jedoch gestorben. Der eine an Aids, der andere an Drogen.


Die Rolle des Probstes

Die Rolle der Pröbstin

Die Rolle der Bischöfin






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