Von Jörg Diehl, Barbara Hans, Simone Utler und Julia Jüttner, Duisburg
Es war ein Satz, der deutlicher kaum hätte ausfallen können: "Das Ordnersystem des Veranstalters ist zusammengebrochen", sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger am Mittwochnachmittag, um kurz darauf nachzulegen, auf dass es ein jeder im Saal der Landespressekonferenz endlich begreife: "Der Ordnungsdienst hat seine Aufgabe nicht erfüllt."
An dem Einsatz beteiligte Polizisten und Love-Parade-Besucher hatten schon in den vergangenen Tagen offenbart, sie hätten den Eindruck gehabt, das Sicherheitspersonal des Veranstalters Lopavent sei mit dem Großeinsatz völlig überfordert gewesen. "Die haben die Masse einfach sich selbst überlassen", so Augenzeugen des Desasters von Duisburg.
Doch wer waren eigentlich die Ordner in ihren babyblauen T-Shirts mit Love-Parade-Logo? Welche Firmen stellten sie? Wie wurden die Männer und Frauen ausgebildet und warum machten sie, wenn die Angaben des Innenministers denn stimmen, derart viele Fehler?
Warum Lopavent sich dazu entschied, die Veranstaltung von mehreren Firmen sichern zu lassen, ist unklar. Eine Anfrage zu dem Thema ließ das Unternehmen, das dem McFit-Betreiber Rainer Schaller gehört, bislang unbeantwortet. Die Sicherheitsunternehmen bestreiten jedenfalls, dass dadurch Kosten gespart wurden. Es habe für alle Ordner ein einheitlicher Stundensatz gegolten, hieß es. Über dessen Höhe schweigen sich die Manager allerdings aus.
Dabei steht die Branche nicht gerade für die besten Arbeitsbedingungen. Den Konkurrenzkampf halten nicht nur Gewerkschafter für gnadenlos, Lohndumping sei keine Seltenheit, heißt es. Mitglieder des Bundesverbands Deutscher Wach- und Sicherheitsdienste müssen zwar bestimmte Kriterien erfüllen, etwa tarifliche Löhne zahlen, Qualitätsstandards einhalten und ihre Mitarbeiter schulen. Doch es gibt jede Menge schwarzer Schafe, die diese Standards nicht besonders kümmern.
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Ein Ordner, der 2007 und 2008 bei der Love Parade eingesetzt wurde, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich bin für diesen Job damals kein bisschen ausgebildet worden." Die Einweisung habe sich auf eine knappe Ansage beschränkt: Man solle dafür sorgen, dass niemand zwischen die Wagen des Zugs gerate. Sieben Euro in der Stunde habe er dafür bekommen. "Dafür habe ich mir jetzt kein Bein ausgerissen, das ist klar, oder?"
So etwas sei im Ernstfall natürlich verheerend, meint der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus: "Es ist doch klar, dass diese Leute zum einen entsprechend geschult, zum anderen ordentlich bezahlt werden müssen." Immerhin trügen sie die Verantwortung für die körperliche Unversehrtheit der Partygänger. "Sparen darf man hier nicht!"
Zahl der Ordner
Qualität ist das eine, doch auch an der Zahl der Ordner wird inzwischen gezweifelt.
Das Innenministerium geht davon aus, dass im Eingangsbereich zur Love Parade, also in den beiden Tunneln sowie auf der Rampe, nicht wie geplant 150 Security-Leute eingesetzt worden sind. Dabei kam diesen sogenannten Pushern die entscheidende Aufgabe zu, die Menschen zügig auf das Gelände zu schleusen, ohne dass sich gefährliche Stauungen bildeten. Dass dies nicht klappte, ist inzwischen klar.
Augenzeugen wie die jungen Love-Parade-Besucher Lena und Tim trafen lediglich am Eingang des Tunnels auf Ordner. "Den ganzen Weg bis zu der Rampe haben wir keinen einzigen gesehen - auch nicht, als das Gedränge unerträglich wurde." Und Sven Ritter aus Wuppertal sagte: "Sicherheitsleute standen erst wieder oberhalb der Rampe, als wir zur Bühne liefen. Davor, mitten im Chaos, habe ich keinen entdeckt."
Für Tunnel wie Rampe waren nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen die Unternehmen SMS und Challenge Security zuständig. SMS stellte demnach nicht nur den Verantwortlichen für den Einlassbereich, sondern auch den "Head of Security", der für die Sicherheit auf dem Veranstaltungsgelände verantwortlich war. Die dort eingesetzten Polizisten, insgesamt vier Hundertschaften, sollten lediglich Anzeigen aufnehmen, Schlägereien schlichten, Diebstähle aufklären. Für den Einlass waren sie nicht zuständig.
Weder Challenge Security noch SMS Security nahmen bislang auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage Stellung zu dem Thema.
Am Samstagnachmittag riefen die überforderten Sicherheitsleute in den Tunneln und auf der Rampe dann dennoch die Polizei zu Hilfe, die mit Menschenketten versuchte, die massenhaft herandrängenden Besucher aufzuhalten - vergeblich.
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Den Schaden dem Steuerzahler an die Backe zu binden. (Baums Vorschlag) Unternehmer sind da fein raus GmbH (mt Haftunsbeschränkung gründen) falls es Problem gibt ab zum Konkursgericht. mehr...
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Frau Kraft wird in den nächsten 5 Jahren zeigen müssen, was sie wirklich drauf hat und ob ihren Worten dann auch Taten folgen. Was mich allerdings beeindruckt hat war nich das, WAS sie gesagt hat sondern die Art und Weise , WIE [...] mehr...
Ich bin mit den genauen Auflagen der LoveParade leider nicht vertraut, aber wenn das Anbringen von Lautsprechern wirklich zu den Auflagen gehörte (gibt es hierzu Dokumente?), dann kann ich über dieses "Versäumnis" nur [...] mehr...
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