Gefallener im Ersten Weltkrieg In diesem Zimmer steht die Zeit still

Hubert Rochereau starb am 26. April 1918, er fiel im Krieg. Sein Zimmer sieht heute noch genau so aus, wie der Soldat aus Frankreich es hinterlassen hat. Seine Eltern hatten verfügt, dass sich daran in den kommenden Jahrhunderten nichts ändern soll.

DPA

Paris - Auf dem Schreibtisch liegt eine angebrochene Packung Zigaretten, über einem Kleiderbügel hängt eine von Motten zerfressene Uniform, auf dem Bett ist eine gehäkelte Spitzendecke ausgebreitet, darauf ein Soldatenhelm mit Federschmuck: Im Zimmer von Hubert Rochereau scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, seit 96 Jahren hat sich dort nichts verändert. Der Raum in einem Haus in Bélâbre, einem Tausend-Seelen-Dorf mitten in Frankreich, ist so zu einem außergewöhnlichen Denkmal für den im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten geworden, wie der britische "Guardian" berichtet.

Rochereau wurde dem Bericht zufolge am 10. Oktober 1896 in dem Zimmer geboren. Der junge Offizier starb am 26. April 1918 in einem britischen Feldlazarett, einen Tag nachdem er im Kampf um das belgische Dorf Loker angeschossen worden war. In Gedenken an ihren Sohn beließen seine Eltern den Raum in ihrem Haus so, wie Rochereau ihn verlassen hatte, als er an die Front ging. Auf den Schreibtisch stellten sie einige Jahre später noch eine Glasampulle. Laut Etikett enthält sie "Boden aus Flandern, auf dem unser Sohn fiel".

Die Eltern verkauften ihr Haus Mitte der Dreißigerjahre - und legten dabei fest, dass das Zimmer ihres Sohnes in den kommenden 500 Jahren nicht verändert werden dürfe. So sind dort noch heute einige Pistolen des Kavallerie-Offiziers, sein Säbel und seine Pfeifen zu sehen. Zu verdanken ist das auch dem aktuellen Hausbesitzer, dem Rentner Daniel Fabre.

Der 500-Jahres-Klausel fehle zwar die rechtliche Grundlage, "aber wir sind trotzdem davon überzeugt, dass dieser Raum unverändert bleiben sollte", sagte Fabre der französischen Zeitung "Nouvelle République". Er und seine Frau, deren Großeltern das Haus einst gekauft hatten, respektierten den Wunsch von Rochereaus Eltern - und würden sich das auch von künftigen Hauseigentümern wünschen.

Rochereau ist einer von rund 580.000 Soldaten, die während des Ersten Weltkrieges auf den Schlachtfeldern Flanderns starben. Postum wurde er vom französischen Staat mit dem Croix de Guerre ("Kriegskreuz") für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Sein Name steht zudem auf einem Kriegsmahnmal in seinem Heimatdorf und einem Gefallenendenkmal in der französischen Stadt Libourne, wo Rochereaus Regiment stationiert war. Sein eindrucksvollstes Vermächtnis ist aber das Zimmer, das eine Zeitreise fast hundert Jahre in die Vergangenheit ermöglicht.

wit

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