60 Jahre Unicef: Als die Kinder hoffen lernten

Von Eva Lodde

Aufrütteln, ermahnen - und vor allen Dingen: helfen. Seit 60 Jahren kümmert sich Unicef auf der ganzen Welt um Kinder in der Not. Doch die Organisation der Vereinten Nationen verharrt nicht in Feierlaune, sondern stellt kurz vorher eine neue Kampagne gegen Aids vor.

Berlin - Große braune Augen blicken leer an Sabine Christiansen vorbei. Sie lächelt dem kleinen Bündel Mensch mit der roten Strickmütze zu, berührt es. Doch das Baby zeigt keine Regung, es bleibt apathisch auf dem Arm seiner Mutter. Das Kind hat Aids. Wahrscheinlich wird es nicht länger als zwei Jahre leben. Die nötigen Medikamente fehlen, eine angemessene Versorgung ist gar nicht möglich: Die Aids-Station des Krankenhauses ist zu 300 Prozent überbelegt. Der Bauch der vielen Kleinen ist vor Hunger aufgebläht, die Kleidung hängt ihnen - wenn sie überhaupt welche haben - zerlöchert und zerfetzt am Körper.

Indiomädchen am Rio Negro in Amazonien (aus dem Fotoband "Kinderaugen - Spiegel der Welt")
Simon/Simon-Verlag

Indiomädchen am Rio Negro in Amazonien (aus dem Fotoband "Kinderaugen - Spiegel der Welt")

Die Fernseh-Moderatorin Christiansen ist in Beira, der zweitgrößten Stadt in Mosambik. Das Krankenhaus ist das einzige im Umkreis von 630 Kilometern. Helfer wie die Deutsche sind da die letzte Hoffnung: Christiansen und andere Prominente machen für Unicef auf das Elend der Kinder aufmerksam. Mit ihnen kommen Aufmerksamkeit und Spenden. Dort wo das Chaos regiert und Kinder das Nachsehen haben - bemüht sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen um Linderung. Seit 60 Jahren hilft Unicef Kindern in Not und versucht ihr Leben, vor allem durch Aus- und Weiterbildung, wieder lebenswert zu machen.

Die Geschichte Unicefs (United Nations International Children's Emergency Fund) beginnt mit der wohl größten Katastrophe Europas, dem Zweiten Weltkrieg. Im Dezember 1946 gründen die Vereinten Nationen ihr Kinderhilfswerks, um die traumatischen Schrecken des Krieges, Krankheiten und Unterernährung zu mildern. Allein nach Deutschland liefert Unicef 516 Tonnen Lebertran, 56 Millionen Vitaminpillen und mehrere Tonnen Stoff für Kleidung. 

Nachdem Europa sich Anfang der fünfziger Jahre vom Krieg erholt hat, widmet sich Unicef den ärmsten Regionen der Welt. Tuberkulose, Kinderlähmung, Malaria, Typhus - todbringende Krankheiten, die schon mit geringen Mitteln wirksam bekämpft werden können. Doch auch wenn die Kindersterblichkeit in der Welt mittlerweile von 21 Prozent in den fünfziger Jahren auf 7,9 Prozent gesunken ist - für Unicef gibt es genug zu tun. Noch immer fehlt es in Entwicklungsländern an Impfstoffen, sauberem Trinkwasser und Moskitonetzen gegen Malaria-Mücken. 

"Spenden bis ans Lebensende sammeln"

Unicef ist wohl die bekannteste Kinderorganisation, weil sie von Anfang an auf die Wirkung von Prominenten gesetzt hat. Der TV-Entertainer Joachim "Blacky" Fuchsberger wird in Deutschland 1984 der erste nationale Unicef-Botschafter. In seiner Sendung "Heut abend" erzählt die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann von ihrer Reise für das Kinderhilfswerk in den Sudan. Ganz still wird es, als sie schildert, wie ein ausgehungertes Kind in ihren Armen stirbt.

"Die Menschen im Studio haben vergessen, Luft zu holen - und ich auch", erzählt Joachim Fuchsberger bewegt. Noch während der Sendung fragt ihn die Schauspielerin spontan, ob nicht auch er Unicef helfen wolle. Gezögert hat er nicht. "Das ist bis heute eine meiner besten Entscheidungen gewesen", meint Fuchsberger. Seitdem sammelt er unermüdlich Spenden, "bis an mein Lebensende", sagt er. Schauspieler wie Ralf Bauer, Sänger wie Sasha oder eben Fernsehmoderatoren wie Christiansen engagieren sich für das Kinderhilfswerk. Durch ihre Hilfe, die der insgesamt 40.000 Ehrenamtlichen (in Deutschland allein 8000) und Spenden von Regierungen und Privatmenschen kann Unicef Projekte in 30 Ländern unterstützen.

Dabei bewegt sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen stets auf einem schmalen Grat mit seinem Auftrag, eine gerechtere Welt zu schaffen. Die Mitarbeiter müssen den Kindern vor Ort helfen - und gleichzeitig versuchen, eine Regierung zu beeinflussen, deren Politik oft erst zum Elend geführt hat. Nur ein Beispiel ist Simbabwe mit seinem Despoten Robert Mugabe, der das Land und seine Menschen in den Ruin treibt. Unicef ist eine der wenigen Hilfsorganisationen, die dort noch arbeiten kann. Deshalb hält sich die Organisation mit offener Kritik zurück: Die Mitarbeiter können Probleme schlecht anprangern, ohne die Ausweisung fürchten zu müssen - und damit die Kinder im Stich zu lassen. 

Mahnen statt feiern

Seit 1989 haben Unicef und andere Organisationen zumindest ein Dokument in der Hand, mit dem sie Regierungen an ihre Verpflichtungen erinnern können: In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen werden erstmals die Rechte der Jüngsten festgehalten. Bis auf Somalia und die USA wurde sie von allen Staaten unterzeichnet. "Dadurch hat Unicef die Kinderrechte maßgeblich nach vorne gebracht, und davon profitieren wir ungemein", sagt Sascha Decker, Pressesprecher der Kindernothilfe.

Wenn es angebracht ist, dann kritisiert Unicef auch offen: Während die Welt die generöse Hilfe der Bundesregierung für die Tsunami-Opfer bestaunt, mahnen das Kinderhilfswerk und andere Organisationen, dass dieser Hilfsaktionismus unangemessen sei. Statt eine Region massiv zu unterstützen, sollten die Gelder auch auf andere Krisenherde verteilt werden.

Für die Rechte der Kinder zu kämpfen, ist mühsam. So beschränkt sich Unicef auch zu seinem 60. Geburtstag nicht darauf zu feiern. Stattdessen mahnt die Organisation mit der neuen Kampagne "Du und ich gegen Aids" unermüdlich weiter. Eigentlich fände das Jubiläum auch erst im Gründungsmonat Dezember statt, die Helfer haben sich aber entschieden, schon früher im Jahr auf ihre Sache aufmerksam zu machen.

2,2 Milliarden Kinder leben laut Unicef auf der Erde - jedes Zweite von ihnen wächst in Armut auf. Die Organisation hat noch viel zu tun. Dabei wäre Unicef für die Zukunft doch wirklich nur eines zu wünschen. "Das Ziel wäre eigentlich", meint "Blacky" Fuchsberger, "dass wir uns selber abschaffen."


Spendenkonto:
Unicef Deutschland
Bank für Sozialwirtschaft Köln
Kontonummer: 300 000
Bankleitzahl: 370 205 00

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