Aus New York berichtet Jonathan Stock
Viele fragen schon am Anfang, wo sie war, als es passierte. Dann sagt Judith Pucci: "Das erzähle ich später." Es ist der Höhepunkt ihrer Tour, sie will ihn sich für den Schluss aufheben. Unter den Zuhörern sind die ersten Teenager, die die Katastrophe nicht bewusst mitbekommen haben. Manche erleben das erste Mal einen Zeitzeugen. 60 Prozent ihrer Gäste sind US-Amerikaner, schätzt Judith. Viele waren noch nie in New York. Sie kennen Ground Zero nur aus dem Fernsehen.
25 von ihnen sitzen auf dem Teppichboden im ersten Stock des Weltfinanzzentrums. Sie schauen aus dem Fenster, wo das neue World Trade Center gebaut wird, und sie schauen auf Pucci. Sie sind still geworden.
Pucci kann gut erzählen, sie weiß wann sie laut und wann sie leise werden muss, wann eine Pause und wann ein Detail nötig ist. Sie erzählt von der Aussicht im 110. Stock des alten World Trade Centers, von den Touristen, die auf der Straße auf dem Boden lagen, um bis ganz nach oben sehen zu können, und vom Staub nach den Attentaten. Und am Ende erzählt sie ihre eigene Geschichte.
Der 11. September ist darin ein Dienstag mit blauem Himmel und geringer Luftfeuchtigkeit. Es war morgens, sie weiß nicht mehr wie spät, sie arbeitete zu Hause, barfuß, im T-Shirt und einer alten Hose. Sie schrieb an einem Videoskript für den Werbefilm einer katholischen Privatschule in der Bronx. Sie erwartete einen Boten, er sollte ein Paket für die Arbeit bringen.
Sie sagt lange nichts. Dann fragt sie: "Ein kleines Privatflugzeug?"
Dort wo Judith Pucci wohnt hatte man einen direkten Blick auf das World Trade Center. Manchmal kam sie nachts nach Hause und sah den Himmel und die beleuchteten Zwillingstürme. Sie fand sie wunderschön. Jetzt brannten sie. An diesem Morgen blieben die Fußgänger auf der großen Straße stehen. Mit dem Gesicht nach Süden, still, bewegungslos, ungläubig auf diese beiden Gebäude in Flammen schauend.
Sie sagt: "Wir waren beide erschöpft"
Kurz danach kam der Mann, der telefonieren wollte. Er arbeitete im Nordturm, erzählte er, seine vierjährige Tochter sei in der einzigen Kindertagesstätte, im Gebäude 5 des World Trade Centers untergebracht. Bei der Evakuierung konnte er sie nicht finden. Er wusste nicht, was er machen sollte, außer irgendwo ein Telefon zu finden und irgendjemanden anzurufen.
Judith Pucci hatte noch nie einem fremden Mann die Tür geöffnet. Sie war 53 Jahre alt und lebte allein in Greenwich Village in der Nähe der 7th Avenue. Der Mann wollte eigentlich zu ihrem Nachbarn, um das Telefon zu benutzen. Doch der Nachbar war nicht da. Der Mann sagte, er wolle zumindest wissen, ob seine Tochter tot sei. Er hatte ein Handy. Aber am 11. September 2001 waren Handys ein nutzloses Stück Plastik. Mit ihrem Festnetztelefon im Schlafzimmer hatte er vielleicht eine Chance. Also öffnete Judith Pucci die Tür.
Der Mann blieb zwei Stunden in Puccis Wohnung. "Wir waren beide erschöpft. Wir sprachen nicht miteinander", sagt Judith. Sie wartete im Wohnzimmer, er versuchte im Schlafzimmer zu telefonieren. Am Ende kam er durch. Einige Minuten später rief er ihren Namen.
Judith Pucci sieht ihn immer noch im Türrahmen stehen, mit dem Telefon am Ohr und der Hand über dem Mundstück. Er schaut sie an, mit völlig leerem Gesichtsausdruck und dann sagt er langsam: "I found her." Seine Tochter lebte.
"Ja", sagt sie, "es ist eine gute Geschichte."
Pucci erzählt sie zweimal die Woche, seit fast einem Jahr, insgesamt schon mehr als hundert Mal. Es ist keine große Geschichte, keine Heldengeschichte, die in den einstürzenden Türmen spielt, aber es ist ihre Geschichte, und die Leute hungern nach Erzählungen wie diesen, sagt Pucci. Geschichten normaler Leute, die die Katastrophe verständlich machen, sie herunterbrechen auf ein Menschenleben. Die Besucher zahlen Geld dafür. 10 Dollar kostet die Tour, sie dauert mehr als eine Stunde.
Sie sagt: "Wir sind die Verkörperungen einer großen Katastrophe"
450 Führer wie Pucci hat allein das Tribute World Trade Center Visitor Center ausgebildet, das bisher einzige Museum zum 11. September in der Nähe des alten World Trade Centers. 250 von ihnen gehen regelmäßig auf Tour. Jeden Tag werden mindestens fünf Führungen angeboten, sieben Tage die Woche, sie sind immer ausgebucht. Interessierte müssen eine Stunde vorher da sein. 150.000 Besucher gab es bislang.
Ohne den 11. September würde Pucci wahrscheinlich andere Führungen anbieten, vielleicht im Lincoln Center, das wäre auch interessant, aber es wäre nicht dasselbe, meint sie.
Einige Besucher sagen, die Tour sei die bewegendste Erfahrung ihres Lebens gewesen, sie wüssten gar nicht, wie sie ihre Gefühle in Worte fassen sollten. Pucci, die immer noch als Werberin arbeitet, sagt: "Es gibt die Bücher, es gibt die Filme, es ist ein Event, aber am Ende zählen die Geschichten von einzelnen Menschen. Wir sind für sie die Verkörperungen einer großen Tragödie. Ihrer Tragödie."
Sie sagt: "Aufgewachsen und erzogen in New York"
Pucci verdient kein Geld mit den Touren, die Einnahmen gehen an das Museum, sie macht die Führungen ehrenamtlich. Und sie hat sich lange gefragt, warum. "Wir wollen alle diesen Tag verstehen", sagt sie. "Wir versuchen alle im 11. September einen Sinn zu erkennen. Ich glaube, keiner schafft es, aber es zu versuchen, verändert unser Leben." Viele sagen, dass die New Yorker freundlicher sind seit dem 11. September, mehr aufeinander achten.
Pucci sagt über sich: "Geboren, aufgewachsen und erzogen in New York". Sie spricht laut, lacht hart und geht schnell. Sie sagt, es sei ihre genetische Veranlagung als New Yorkerin, schnell zu gehen. Man dürfe nicht denken, dass sie weglaufen wolle. Aber wenn sie jetzt mit Touristen unterwegs sei, gehe sie so langsam, wie sie könne, aus Toleranz.
Sie konnte sich nie die Bilder dieses Tages angucken, hat sie immer instinktiv weggeschoben, bevor sie als Führerin arbeitete. Jetzt kann sie es. Es ist eine Umarmung, meint sie. Sie hat keine Angst mehr davor, kämpft nicht mehr dagegen. Es ist ihre Therapie.
Am Ende ihrer Geschichte zieht Pucci einen vergilbten Zettel aus ihrer Tasche und liest die Namen der Kinder vor, die den 11. September nicht überlebt haben. Acht sind es: Christine Lee Hanson, David Brandhorst, Juliana McCourt, Bernard Brown, Asia Cottom, Rodney Dickens, Dana Falkenberg und Zoe Falkenberg.
"So", sagt sie danach, "und jetzt reden wir über die Zukunft."
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