9/11-Überlebender Superhelden-Epos eines Putzmannes

Am 11. September 2001 ist William Rodriguez Putzmann im World Trade Center - und mit den Anschlägen beginnt sein neues Leben als Superheld. Seit zehn Jahren erzählt er, wie er etliche Menschen aus den brennenden Türmen rettete. Doch viele zweifeln die schier unglaubliche Geschichte an.

Aus New York berichtet

William Rodriguez

William Rodriguez hat viele Freunde, aber auch ein paar Feinde. Sie nennen ihn den größten Lügner aller Zeiten, eine traurige Witzfigur, den Sohn einer Hure. Ein Freund von ihm, Charlie Sheen, hätte ihm dagegen gesagt, es wäre eine Ehre seine Rolle in einem Hollywood-Film zu spielen. Er habe abgelehnt: "Tut mir leid, Charlie, das geht nicht. Du hast Drogenprobleme."

Ohne den 11. September 2001 würde William Rodriguez wahrscheinlich immer noch die Treppen des World Trade Centers putzen, 110 Stockwerke im einst höchsten Gebäude der Welt. In der Liga der Treppenputzmänner kann man es nicht viel höher bringen. Aber es war nie die Liga, in der Rodriguez spielen wollte. Er wollte nie morgens gegen 8 Uhr im Keller seinen blauen Overall anziehen, nie mit Besen, Kehrschaufel und Lappen in den 110. Stock fahren und nie diesen langen Weg nach unten beginnen. Eigentlich kam Rodriguez nach New York, um dort sein Glück zu finden. Er wollte ein noch größerer Zauber- und Entfesselungskünstler werden, als er es in Puerto Rico schon war.

Das klappte nicht, die Konkurrenz in den Bars Manhattans und Brooklyns war zu groß. Und wenn schon der Aufstieg nicht klappen wollte, begann er eben den Tag mit einem der längsten Abstiege der Welt. Als Zauberkünstler hatte er einen Lieblingstrick: einen Dollar in 20 Dollar zu verwandeln. So etwas wollte er auch von seinem Leben: mehr.

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William Rodriguez: Der Super-Putzmann
Rodriguez putzt keine Treppen mehr. Er hat neben den paar Feinden auch viele neue Freunde. Einer hat ihm die "Ballade von William Rodriguez" gedichtet und zu Banjo-Klängen seine Heldentaten besungen. Rodriguez gefällt die Ballade gut, er hat sie auf seiner Website verlinkt.

William Rodriguez ist ein fröhlicher, hilfsbereiter Mann, der mit einem dicken Hund namens Elvis in New Jersey lebt. "Lassen Sie uns in den Keller gehen", sagt er kurz nach der Begrüßung. Im Keller steht der Computer unter einem Bild von William Rodriguez. Und auf dem Computer sind die anderen Bilder mit William Rodriguez gespeichert: Rodriguez mit George W. Bush, Rodriguez mit Hillary Clinton, Rodriguez mit dem Premierminister von Malaysia, Rodriguez mit Charlie Sheen. Ein Foto zeigt ihn auch als Superhelden, ein anderes mit ernstem Blick und entschiedener Geste vor einem Mikrofon. Es sieht ein bisschen so aus, als sei er der Präsident und hätte gerade Iran den Krieg erklärt. Und als ob er es selbst nicht glauben könne, dass er dieser Mann ist, sagt er in die Stille: "Ich bin William Rodriguez."

"Schlüssel der Hoffnung"

Glaubt man die Geschichte, die Rodriguez vor Zehntausenden Zuhörern auf der ganzen Welt erzählt, mit den Armen weit ausholend, die Bühne im schwarzen Anzug abschreitend, ist William Rodriguez der berühmteste 9/11-Überlebende aller Zeiten. Er ist der Keymaster, der Herr des Masterkeys, des Generalschlüssels des World Trade Centers. Sie nennen ihn den "Key of hope", den Schlüssel der Hoffnung, meint Rodriguez. Es ist unklar, wen er mit "Sie" meint, aber so wie er es sagt, scheinen es sehr viele Menschen zu sein.

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Mit dem Generalschlüssel will er nach der Attacke die Türen im Treppenhaus des Nordturms aufgeschlossen und damit Hunderten zur Flucht verholfen haben. Zwischendurch knackte er zusammen mit einem Cop einen Wasserautomaten, brachte Feuerwehrleuten etwas zu trinken, rief seine Mutter in Puerto Rico aus dem brennenden Gebäude an und sagt ihr: "Ich helfe diesen Leuten. Mach dir keine Sorgen."

Er selbst, so sagt er, half noch einem Rollstuhlfahrer die Treppe hinunter, rannte dann als letzter Mensch aus dem brennenden Nordturm, bevor er zusammenkrachte, und warf sich unter einen Feuerwehrwagen vor dem Eingang. Stunden später konnte er aus den Trümmern gerettet werden, nur aufgrund seiner antrainierten Atemtechnik als Entfesselungskünstler überlebte er die zwei Stunden in Staub und Trümmern. Danach gab er sein erstes Interview bei CNN, das erste von vielen. Vielleicht hat er schon an diesem Tag geahnt, dass er nie wieder Treppen putzen muss.

Es ist nur ein Teil seiner Geschichte vom 11. September. Erzählt dauert sie etwa zwei Stunden und handelt noch von mindestens 17 weiteren Menschen, die ihm sein Leben zu verdanken haben, unter anderem zwei, die er aus einem gefluteten Fahrstuhl retten konnte. Immer wenn die Geschichte zu dem Punkt mit dem Schlüssel kommt, greift er in seine Hosentasche und sagt: "Und hier ist er. Sie nennen ihn den 'Key of hope'." Er sagt es beiläufig, so als hätte er ihn gerade zufällig in der Tasche gehabt, zieht ihn heraus und zeigt ihn, als sei er wieder ein Zauberkünstler, der den 20-Dollar-Schein präsentiert.

"Ich bin 9/11"

Er wurde als Redner eingeladen, nach Spanien und Kanada, in die Niederlande, nach Kolumbien, Italien, Kuala Lumpur und Guatemala, er sprach vor allen, die ihn einluden, Familien der Opfer, Kinder, Politiker, Veschwörungstheoretiker, Holocaust-Leugner und Islamisten. "Ich war das Gesicht der Katastrophe", sagt er. In einem Internetforum schrieb er einmal: "Ich bin 9/11." "Wie oft bekommst du die Chance, einen echten amerikanischen Helden zu treffen?", heißt es auf seiner Website, auf der man ihn als Redner buchen kann. Er lebe wie ein Musiker, sagt er, manchmal bekomme er einen Auftrag, dann wieder nicht.

Die New Yorker Feuerwehr meinte auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, sie könne die Geschichte weder dementieren noch bestätigen. Es gibt Funkprotokolle, nach denen Rodriguez aus dem Turm mit seinem Chef spricht und sich weigert, das Gebäude zu verlassen, um Polizei und Feuerwehr zu helfen. Menschen, denen Rodriguez schon vor dem Treppenaufstieg geholfen hat, haben sich öffentlich bei ihm bedankt, unter anderem die zwei aus dem Fahrstuhl, aber auch andere.

Auch der einzige von Rodriguez erkannte Mann, der mit ihm die Treppen im Nordturm heraufging, Polizeioffizier David Lim, kennt Rodriguez. Er sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon, dass er schon vor vielen Jahren beschlossen habe, nichts mehr über Rodriguez zu sagen, den er im Übrigen für einen Opportunisten hält. Er möchte keinen Ärger bekommen.

In Lims offizieller Aussage vor der Untersuchungskommission zu den Anschlägen des 11. Septembers erwähnte er Rodriguez nicht. Dafür gibt es ein YouTube-Video, das die beiden in einer Fernsehsendung wenige Monate nach den Attentaten zeigt. Darin nennt Lim Rodriguez einen Helden und zeigt lachend auf den Generalschlüssel, den Rodriguez um den Hals hängen hat.

Es gab ein Generalschlüsselsystem im World Trade Center. Und die New Yorker Hafenbehörde, die das Gebäude betrieb und die Schlüssel ausgab, hatte tatsächlich einen Gerichtsprozess im Jahr 1996 verloren. Der Kläger: William Rodriguez. Er klagte einen Generalschlüssel für sich ein, weil er beim Putzen ausgerutscht sei, mehrere Stunden hilflos im Treppenhaus lag und nicht die Türen von innen aufschließen konnte.

Es gibt Leute, die sich an Rodriguez' Geschichte abarbeiten, auf Hunderten von Seiten beweisen wollen, dass sie einfach nicht stimmen kann, dass schon die Zeit nicht ausgereicht haben kann, das alles zu bewerkstelligen, außer er sei wirklich ein Superheld. Andere sagen: Doch, in 102 Minuten lasse sich das machen, warum nicht?

Letztendlich lässt sich Rodriguez' Geschichte nicht komplett beweisen, und sie lässt sich auch nicht komplett widerlegen. Vielleicht stimmt sie nur zum Teil, und er lässt sie ein bisschen imposanter erscheinen, als sie ist. Als 20-Dollar-Geschichte, nicht als Ein-Dollar-Geschichte. Gut möglich, dass sich über seine alten Erinnerungen eine neue Schicht gelegt hat, die er jetzt selbst glaubt. Und vielleicht ist auch gar nicht so entscheidend, was an diesem Tag geschah, sondern was er aus ihm gemacht hat.

Für viele war der 11. September das Ende ihres bisherigen Lebens. Mehr als 10.000 sind immer noch traumatisiert, viele haben ihre Jobs verloren. Kenny Johannemann, der einem Brandopfer aus einem Fahrstuhl half, erschoss sich vor drei Jahren, eine Woche vor dem Jahrestag des 11. Septembers. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, dass er zu viel trinken würde und ihn nichts mehr glücklich mache außer seiner Katze. Kenny Johannemann war Putzmann im World Trade Center.



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