Loch auf der A20 Leben am Abgrund

Hundert Meter lang, 45 Meter breit, zweieinhalb Meter tief: Auf der A20 in Mecklenburg-Vorpommern klafft ein riesiges Loch - von den Folgen sind die Bewohner eines nahen Dorfes mehr als genervt. Ein Ortsbesuch.

Aus Langsdorf berichtet Viktoria Degner


Wolfgang und Eva Knieling hatten sich ihr Leben im Alter anders vorgestellt. Vor drei Jahren zog das Ehepaar von Thüringen nach Langsdorf, ein kleines Dorf in der Gemeinde Lindholz mitten in Mecklenburg-Vorpommern. Hier, wo sie viele Jahre ihren Urlaub verbracht hatten, wollten sie sich zur Ruhe setzen. Betonung auf Ruhe.

Jetzt donnern Motorräder, Autos und Lastwagen an ihrer Haustür vorbei. Seit Oktober ist das so, als die A20 bei Tribsees wegsackte. Nun wird der Verkehr über die Dörfer der Gemeinde Lindholz umgeleitet.

Dort, wo früher eine Autobahn war, klafft ein riesiges Loch. Hundert Meter lang, 45 Meter breit, zweieinhalb Meter tief. Leitplanken mitsamt Pfosten hängen in der Luft, als habe es ein schweres Erdbeben gegeben.

An diesem Loch steht Hartmut Kolschewski, Bürgermeister der Gemeinde Lindholz. "Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passiert", sagt der 64-Jährige. Neben dem Krater hinter dem mächtigen Bauzaun wirkt der Mann mit dem grauen, leicht schütteren Haar ganz klein. "Zum Glück ist dabei niemand verunglückt."

Während er das sagt, wandert sein Blick nach unten, wo seine Schuhe im Morast versinken. Tiefe Risse ziehen sich dort durch den Boden, wo die Autobahn weggebrochen ist. "Ich bin wegen dieses Lochs zum Überbringer schlechter Botschaften geworden", sagt Kolschewski.

Für die Knielings bedeutet der Krater auf der Ostseeautobahn, dass von ihrem Leben im Idyll nicht mehr viel übrig geblieben ist. "Die fahren hier volle Granate, vor allem nachts", sagt Wolfgang Knieling. "Da müssten wir schon in den Wald gehen, um unsere Ruhe zu haben", sagt Eva Knieling.

Der Tag, an dem es mit der Ruhe in Langsdorf vorbei war, war der 13. Oktober 2017. Seither leitet das Landesamt für Straßenbau und Verkehr jeden, der auf der A20 in Richtung Lübeck fuhr, über den Ort um.

Teilweise war die Autobahn bereits am 25. September eingestürzt. Der Verkehr sollte zunächst einspurig über die gegenüberliegende Fahrbahn laufen - bis feststand, dass die der doppelten Belastung nicht lange standhalten würde. Am 27. Oktober sperrte das Landesamt die zweite Fahrbahn. Vergangenes Wochenende stürzte die dann auch ein, ganz ohne Auto drauf.

Autos schleichen durchs Dorf - Höchstgeschwindigkeit herabgesetzt

Damit müssen alle auf der A20 durch Langsdorf. Richtung Stettin geht es über eine Behelfsausfahrt in den Ort, vorbei an Ponywiesen und Einfamilienhäusern. Über die Hauptstraße läuft der Verkehr weiter in Richtung Tribsees und wieder auf die Autobahn. Autos Richtung Lübeck müssen über Langsdorf weiter bis in den Lindholzer Ortsteil Böhlendorf. Ab dort ist die A20 wieder frei. Macht insgesamt elf Kilometer Umleitung.

Stoßstange an Stoßstange reihen sich Autos und Lkw auf der Hauptstraße aneinander, die der Länge nach durch Langsdorf führt, vorbei an Vorgärten, Zäunen und Hinweisschildern zu Tempo 30 und Radarkontrollen. Kurz nach Einrichtung der Umleitung wurde das Tempolimit in einigen Teilen des Dorfes gesenkt. Zu häufig hatten Autofahrer es überschritten.

Viele halten sich immer noch nicht daran. Der Landkreis Vorpommern-Rügen hat nach Sperrung der A20 einen Blitzer in Langsdorf aufgestellt. Bis zu 300 Mal löst er aus. Täglich.

Die ersehnte Ruhe bringt das den Knielings nicht. Um sich vor dem Lärm zu schützen, hat Wolfgang Knieling einen Zaun vor seinem Haus hochgezogen. Dicke Holzlatten, zwei Meter hoch, weiß und braun gestrichen. "Die nehmen keine Rücksicht, donnern hier einfach lang", sagt der 67-Jährige. Er hat selbst ein paar Schilder aufgehängt - drei Stück, vorne am Zaun. "Runter vom Gas", steht da, "Lkw-Rennstrecke" und "StVO unbekannt".

Eva und Wolfgang Knieling
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Eva und Wolfgang Knieling

Wie kann es sein, dass eine 13 Jahre alte Autobahn einfach so wegsackt? Darüber wollen die Verantwortlichen noch keine offizielle Aussage treffen. Man wolle ein Gutachten abwarten, heißt es sowohl vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr als auch von der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, kurz Deges. Das Unternehmen plante und baute seinerzeit die Ostseeautobahn.

Fest steht, dass der weggesackte Teil der Strecke auf einem Moor errichtet wurde, das ständig in Bewegung ist. Um es zu erhalten, wurde der Untergrund beim Bau nicht verdichtet. Stattdessen trieb die Deges 80.000 Trockenmörtelsäulen in den morastigen Untergrund. So wollte das Unternehmen eine feste Basis für die Fahrbahn schaffen. Bis zu 13 Meter sind die Stützen lang, ihr Durchmesser beträgt zwischen 18 und 22 Zentimeter.

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Mecklenburg-Vorpommern: Autobahnverkehr im Dorf

Getestet habe Deges dieses damals neuartige Verfahren nur am Einsatzgebiet selbst, sagt Lutz Günther, Sprecher des Unternehmens, auf Anfrage des SPIEGEL. Damals hätten die Säulen der Belastung standgehalten. Weiter will er sich nicht zum Loch äußern. Auch nicht zum Verdacht, dass die Stützen vermutlich eingebrochen sind.

Diese These vertritt auch Eugen Perau, Professor für Geotechnik an der Universität Duisburg/Essen: "Die Stützen waren viel zu schmal, viel zu schwach, um dauerhaft belastet zu werden." Die Pfähle unter der A20 seien auf Dauer vermutlich "ausgeknickt", also verbogen worden. "Der Untergrund der Autobahn ist wie eine Schüssel Schokoladenpudding. Wenn man dort ein paar Gummistäbe hineinstellt und belastet, geben die auch nach." Wenn eine Stütze ausgeknickt oder zusammengebrochen sei, werde automatisch die nächste noch stabile Säule belastet. "Dauerhaft geht das nicht gut."

Die Planung der neuen Strecke sei bereits ausgeschrieben, sagt Ronald Normann, Leiter der Abteilung Autobahn beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Die Frist läuft bis zum 22. Februar. Die A20 soll bei Tribsees in Zukunft wohl über eine Art Brücke laufen, alle 30 Meter eine Stütze. "Das ist die teurere, aber sicherere Variante", sagt Normann. Geplant ist, zunächst die eine, dann die andere Fahrtrichtung neu zu errichten. 2021 soll alles fertig sein.

100 Millionen Euro soll das Ganze kosten. Der Bund zahlt. Die Deges ist fein raus, war nach dem Bau nur fünf Jahre haftbar. Möglicherweise wird das Land nach der Reparatur prüfen, ob es Ansprüche gegen die Firma geltend machen kann.

Angst vor der Ferienzeit

Für Langsdorf heißt das: Statt durchschnittlich knapp 2900 Fahrzeuge pro Tag werden bis 2021 mehr als 17.000 täglich durch den Ort fahren, darunter fast 1900 Lkw.

"Das ist eine Katastrophe", sagt Erika Baumgart. Ihr gehört die Gaststätte Zur Kastanie in dem 200-Seelen-Dorf. Die kleine Frau mit weichem Gesicht steht hinter dem hellen Holztresen ihrer Gastwirtschaft. Darauf ein wenig Grünzeug und Nippesfiguren. Um die Hüfte hat die 66-Jährige eine rote Schürze gebunden, ihr Haar hochgesteckt. Aus der Küche duftet es nach Bratkartoffeln. Um die Ecke in der Stube sitzen ein paar Gäste und essen zu Mittag, Gutbürgerliches gibt es hier, Sauerfleisch, Kassler.

Seit der Sperrung der A20 blieben die Stammkunden aus, sagt Baumgart. Der Umsatz sei zurückgegangen. Nachts könne sie wegen des Lärms nicht mehr schlafen, nicht einmal die Fenster aufmachen, der Krach, der Dieselgestank. "Wenn ich morgens um sieben Uhr die Rollladen hochziehe, dann sehe ich nur Autos. Das ist nicht mehr normal."

Baumgart fürchtet den Sommer wie viele Langsdorfer. In der Ferienzeit, wenn die Touristen über die A20 nach Rügen und Usedom fahren, wird der Verkehr im Dorf wohl noch dichter. Baumgart fühlt sich im Stich gelassen: "Die A20 war die wichtigste Lebensader für uns. Wenn jemand einen Herzinfarkt hat, muss er doch auch operiert werden. Warum macht das hier keiner?"

Neue Umleitungsstrecke soll 15 Millionen Euro kosten

Geplant ist allenfalls eine Not-OP: Eine neue Umleitungsstrecke soll den Verkehr noch vor dem Ortseingang von Langsdorf in beide Fahrtrichtungen leiten. Das Landesamt will dafür eine alte Baustraße reaktivieren. Die wurde nach Fertigstellung des Autobahnabschnitts 2005 abgerissen und müsste komplett neu gebaut werden. Die Umleitung führt zudem durch ein Vogelschutzgebiet sowie über die Grundstücke von insgesamt 20 Eigentümern. 19 von ihnen haben ihr Einverständnis für den Bau erteilt, auch ein paar Bäume wurden schon gefällt.

"Wenn die Bürger im Dorf endlich Fortschritte sehen würden und den neuesten Stand nicht aus der Zeitung erfahren müssten, dann wäre für viele die Welt schon wieder in Ordnung", sagt Bürgermeister Hartmut Kolschewski.

Geht alles glatt, können die Arbeiten für die Behelfsstrecke im Sommer 2018 beginnen. 15 Millionen Euro würde die 750 Meter lange Umleitung schätzungsweise kosten. Im April 2019 soll sie fertig sein.

Bis dahin, ist sich Wolfgang Knieling sicher, wird er noch weitere Verkehrsschilder an seinen Zaun nageln. Zwei liegen schon im Schuppen bereit. "30 für den ganzen Ort", steht drauf. Und: "Kurort an der Autobahn".



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j.w.pepper 17.02.2018
1. Irreführend
"Der Bund zahlt. Die Deges ist fein raus, war nach dem Bau nur fünf Jahre haftbar. Möglicherweise wird das Land nach der Reparatur prüfen, ob es Ansprüche gegen die Firma geltend machen kann." Die Deges hat als Gesellschafter den Bund und 12 Bundesländer. Wer ist dann fein raus? Aber wahrscheinlich fallen bereits -zig Poster über den bösen, bösen kapitalistischen Baukonzern her, den man doch mit dem bloßen Umstand der seit Einführung des BGB üblichen Verjährungsfrist nicht davonkommen lassen darf.
unky 17.02.2018
2. Billig, billiger, am teuersten
Dieser Gau ist das Ergebnis des Billigwahns: Alles soll immer so billig wie möglich gebaut werden. Und im Ergebnis muss man dann zweimal bezahlen. Das ist hierzulande aller Orten so. Und niemand ändert diese kuzsichtige Herangehensweise.
frankasten 17.02.2018
3. Mir tun die Leute dort sehr leid!
Das scheint ja eben immer mehr in Mode zu kommen, Bauarbeiten im Straßen- und Eisenbahnbau für Erprobungszwecke zu mißbrauchen. Die Betonunterbauexperimente auf der A14, der Tunnelbau Rastatt, und die A20. Damit tötet man Menschen, manchmal direkt, öfter indirekt. Die DEGES gehört dem Bund und 12 Bundesländern. Die werden sich schon nicht selbst verklagen. Und selber bezahlen werden sie es schon überhaupt nicht. MeckPomm gehören wohl 10% der DEGES. Dann haftet der Gesellschafter sicherlich mit Steuergeldern für seine Schlamperei.
frankasten 17.02.2018
4. Mir tun die Leute dort sehr leid!
Das scheint ja eben immer mehr in Mode zu kommen, Bauarbeiten im Straßen- und Eisenbahnbau für Erprobungszwecke zu mißbrauchen. Die Betonunterbauexperimente auf der A14, der Tunnelbau Rastatt, und die A20. Damit tötet man Menschen, manchmal direkt, öfter indirekt. Die DEGES gehört dem Bund und 12 Bundesländern. Die werden sich schon nicht selbst verklagen. Und selber bezahlen werden sie es schon überhaupt nicht. MeckPomm gehören wohl 10% der DEGES. Dann haftet der Gesellschafter sicherlich mit Steuergeldern für seine Schlamperei.
Gerdd 17.02.2018
5. Sicher ist ...
... dass neben den Anwohnern auch die "Umgeleiteten" ziemlich genervt sein dürften. Am besten man heuert die Schweizer an, die den Gotthart-Basistunnel gebaut haben und leitet den ganzen Verkehr unter dem Torf durch. Das wäre dann wohl die erste durch Torf lärmgedämmte Autobahn der Welt. Jedenfalls kann man wohl davon ausgehen, dass die Schweizer so ein Projekt pünktlich und im vorgesehenen Finanzrahmen abspulen. (BER läßt grüßen!)
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