Abschiebung Keine Gnade für Yassine B.

Deutschland muss mehr abschieben, fordern viele Politiker. Was das für die Betroffenen bedeutet, gerät oft in Vergessenheit. So wie im Fall des gut integrierten Tunesiers Yassine B.

Yassine B. und seine Freundin
Michael Kraske

Yassine B. und seine Freundin

Von Michael Kraske, Leipzig


Die Stimme wird schrill, versagt. Yassine B., 37, sitzt an einem kleinen Küchentisch, schlägt die Hände vors Gesicht und weint. "Ich möchte tot sein", flüstert er. "Das ist, was ich will." Der kräftige Mann sitzt hilflos da, graue Arbeitshose, neben ihm seine deutsche Freundin. Morgens riefen Freunde an und sagten, Polizisten seien morgens zu seiner Wohnung gekommen, um ihn abzuschieben. Der Flieger stehe bereit. Nach Hause kann er jetzt nicht mehr. Was will er tun? Sich stellen? Untertauchen?

"Keine Ahnung", sagt er, "keine Ahnung". Alles habe er getan: Steuern gezahlt, gearbeitet, Tag für Tag: "Wie ein Deutscher, wie ein Deutscher." Zur Frühschicht im Leipziger BMW-Werk steht er morgens um vier auf, zurück kommt er abends um sechs. Kürzlich erst hat er einen festen Arbeitsvertrag bei einer Logistik-Firma unterschrieben, die als Subunternehmer für BMW fungiert. Keine Zeitarbeit mehr, weil er gut und zuverlässig war. Dass er noch bis Juli geduldet ist, zählt nicht. Seine Asylverfahren vor den Gerichten hat er in allen Instanzen verloren. Eine Kommission in Chemnitz befand, er sei kein Härtefall.

Stockend erzählt Yassine B. seine Geschichte. Geboren im Küstenort Sfax, der Vater war Imam in der Moschee. B. studierte Marketing und wurde Fischhändler. Vor fast zehn Jahren habe er zum christlichen Glauben gefunden, heimlich zu Hause gebetet und die christlichen Feste gefeiert. Er vertraute sich zwei Freunden an, bald wusste es die Familie, bald auch alle anderen. Was dann geschah, kann er nicht beweisen. Wie auch. Man habe sein Geschäft zerstört, er sei verprügelt worden. Als er das anzeigen wollte, habe ihn die örtliche Polizei tagelang eingesperrt, an Handschellen an einem Haken aufgehängt, immer wieder geschlagen.

Yassine B.
Michael Kraske

Yassine B.

Nach der Entlassung habe er es in einer anderen Stadt versucht. Wieder Drohungen, also zurück nach Sfax. Dreimal habe man ihn verprügelt, auch in der Moschee, wo er den Imam um Hilfe gebeten habe. Seine Frau habe ihn mit den beiden Kindern verlassen, die Familie den Kontakt abgebrochen. Unbekannte hätten sein Haus beschmiert: "Ungläubiger." Nach dem Anschlag auf das Nationalmuseum in Tunis im Frühjahr 2015 habe man ihn am Telefon bedroht; "Du bist der Nächste." Danach floh er nach Deutschland. So erzählt er es.

Die Anwältin kann nichts mehr tun

Der Sachbearbeiter beim Bundesamt für Migration glaubte ihm nicht. Die Richterin, die im April 2017 am Leipziger Verwaltungsgericht seine Asylklage abwies, sah das ausdrücklich anders. Offenkundig unwahr sei seine Geschichte nicht. Im Urteil bezweifelt sie jedoch, dass B. wirklich schon in Tunesien zum Christ wurde. Sonst hätte er sich ja dort einer christlichen Gemeinde angeschlossen. Welcher denn?, fragt B. Die wenigen, die es in Tunesien gebe, seien Auslandsgemeinden. Er kenne keine tunesischen Christen.

Tunesien sei eine Demokratie, Christen würden nicht flächendeckend verfolgt, begründete die Richterin die Entscheidung. Sie hielt ihm auch vor, die Misshandlungen bei der Polizei nicht angezeigt zu haben. Laut Amnesty International wird in tunesischen Polizeistellen bis heute gefoltert. Wer würde es da wagen, Folter durch Polizisten anzuzeigen? Die Richterin habe später zu ihr gesagt, das Urteil sei ihr schwergefallen, sagt B.s Anwältin Christina Herrig. Und sie fügt hinzu, dass sie selbst nichts mehr für ihren Mandanten tun könne: "Da gibt es nichts, es ist alles vorbei."

Der Schichtleiter seines Arbeitgebers wirkt am Telefon schockiert, als er von der drohenden Abschiebung erfährt: "Das wäre ja hirnrissig, den abzuschieben. Wir brauchen den definitiv. Wir wollen ihn sogar langfristig behalten. Das ist ein richtig guter Mann." Er werde gleich mit seinem Chef reden, was zu tun sei. Doch selbst, wenn die Firma einen Antrag bei der Ausländerbehörde stellt - die Abschiebung läuft.

Michael Kraske

Vor dem Portal der Nikolaikirche in Leipzig steht auf einem Aufsteller: Offen für alle. Yassine B. ist Mitglied der Gemeinde. Über viele Monate hat er ehrenamtlich im Café geholfen und im Altersheim. Hat mit alten Leuten Schach gespielt, ihnen vorgelesen und zugehört. Im Gemeindebüro erzählt Nikolai-Pfarrer Bernhard Stief, er habe B. als gläubigen und wissbegierigen Christen kennengelernt. Integrationsbereit und sprachbegabt. Sonntags sei er oft zum Gottesdienst gekommen. Keiner, der nur behaupte zu glauben: "Bei den Gerichten machen Menschen Glaubensprüfungen, die mit diesen Fragen wenig vertraut sind", sagt Stief. Glauben dürfe man Menschen aber nicht einfach absprechen.

Immer wieder hätten Mitglieder der Gemeinde B. zu dessen Gerichtsverhandlungen begleitet. "Wir können schon unterscheiden, ob einer es ernst meint", sagt der Pastor. B. habe es ernst gemeint: "Wir kennen ihn. Wir haben ihn hier erlebt." Zuletzt habe er ihm angemerkt, wie belastend die Ungewissheit war: "Man kann einen Menschen damit kaputt machen, kann ihn regelrecht zerstören." Es sei überlegt worden, ihm Kirchenasyl zu gewähren. Aber in seinem Fall sei das aussichtslos. Was er noch für Yassine B. tun könne? Schweigen.

"Vielleicht killen sie mich, vielleicht die Straße"

Am Küchentisch der kleinen Wohnung halten sich B. und seine Freundin an den Händen. Sie erinnert sich daran, wie sie ihn kennenlernte: "Er war so ehrlich und ohne Maske, einfach ein lieber Mensch. Wo soll er in Tunesien denn hin?" Sie hatten überlegt zu heiraten, aber B. ist nicht mal geschieden. Er habe seine Frau in Briefen um die Scheidung gebeten. Keine Antwort.

Für seine Familie sei er eine große Schande, sagt Yassine B. Was erwartet ihn in seiner alten Heimat? Er fürchtet, verhaftet zu werden. "Vielleicht killen sie mich, vielleicht die Straße." Wieder versagt ihm die Stimme. Er geht auf den Balkon und raucht. Seine Freundin kommt zu ihm. Sie nehmen sich in den Arm und lassen sich los. Warten, dass es an der Tür klingelt.



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