Abtreibungsfolgen in Asien Der größte Männerclub der Welt

Asiens Bevölkerung wächst, allerdings mit drastischer Schräglage. Denn der wirtschaftliche Fortschritt hat eine grausame Folge: Immer mehr weibliche Föten werden abgetrieben. Schon jetzt fehlen dem Kontinent mehr als 160 Millionen Frauen. Der Preis dafür: Prostitution, Menschenhandel, Gewalt.

Von , Islamabad

REUTERS

Sie guckte nur in Jungenaugen: in Kindergärten und in Schulen, überall. Kein Mädchen in den Spielzimmern und Klassenräumen. Mara Hvistendahl ist das aufgefallen, als sie durch China reiste. Die amerikanische Journalistin begann zu recherchieren.

Jüngsten Berechnungen zufolge gibt es in Asien 163 Millionen weniger Frauen als Männer. Hvistendahls Fazit: Forscher machen bisher vor allem die Traditionen für das Phänomen verantwortlich. In China favorisieren Eltern wegen der (inzwischen aufgeweichten) Ein-Kind-Politik einen Sohn als Stammhalter. Und in Indien gilt eine Tochter als teuer, da die Eltern bei ihrer Hochzeit eine Mitgift zahlen müssen, das Kind aber nach der Hochzeit zur Familie ihres Mannes zieht - während ein Sohn später für die Eltern sorgt. Mehr Bildung und ein höheres Einkommen würden dieses Problem schon beheben, lautet die Schlussfolgerung meistens.

Doch die US-Journalistin macht nicht die alten Bräuche in armen Schichten für das Ungleichgewicht verantwortlich, sondern beschreibt das Missverhältnis als "Auswuchs des ökonomischen Fortschritts". Der wirtschaftliche Aufschwung in vielen asiatischen Ländern, besonders in China und Indien, den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, hat dazu geführt, dass sich immer mehr Frauen eine Ultraschalluntersuchung leisten können - und sich für einen Abbruch der Schwangerschaft entscheiden, wenn der Fötus ein Mädchen ist.

Hvistendahl wirft dem Westen vor, durch das Propagieren von Bevölkerungskontrolle seit den fünfziger Jahren zu dem Problem beigetragen zu haben. In ihrem gerade erschienenen Buch "Unnatural Selection" beschreibt sie, dass Länder wie China und Indien ein langsameres Bevölkerungswachstum als Schritt zur wirtschaftlichen Entwicklung sehen und deshalb niedrigere Geburtenraten fördern.

In diesem politischen Klima würden Abtreibungen von weiblichen Föten zunehmen - und dank Verbreitung von Ultraschallgeräten überhaupt erst möglich werden. Die indische Aktivistin Ranjana Kumari geht so weit zu behaupten, dass "das Töten von weiblichen Föten zunimmt, je reicher und je gebildeter die Menschen sind".

Allein: Die Frage, warum die Jungen den Mädchen bevorzugt werden, bleibt. Sind es am Ende doch die Traditionen, die Eltern dazu bringen, die weiblichen Föten zu töten? Der technische Fortschritt ermöglicht die Selektion, doch er erklärt sie nicht.

Sechs Millionen Abtreibungen in zehn Jahren

Studien belegen, dass in Asien in den vergangenen drei Jahrzehnten immer weniger Mädchen geboren wurden - mit gravierenden Folgen: In der chinesischen Stadt Tianmen kommen auf 100 Mädchen unter vier Jahren 176 Jungen, in manchen chinesischen Orten beträgt das Verhältnis sogar eins zu zwei. Und Indiens Volkszählung im Frühjahr 2011 ergab, dass das bereits seit dem ersten Zensus im Jahr 1861 vorhandene Missverhältnis zwischen Jungen und Mädchen im zurückliegenden Jahrzehnt deutlich zugenommen hat.

Eine kanadische Studie geht dem medizinischen Fachblatt "The Lancet" zufolge davon aus, dass in den vergangenen zehn Jahren in Indien bis zu sechs Millionen weibliche Föten abgetrieben wurden. In Zukunft dürften es noch mehr werden. Indiens Premierminister Manmohan Singh spricht von einer "nationalen Schande" und fordert einen "Kreuzzug zur Rettung der Mädchen".

Die Schande reicht weit über Ländergrenzen hinaus. Hvistendahl zufolge lassen in ganz Asien vor allem reiche Städter mit Zugang zu medizinischer Versorgung abtreiben, wenn per Ultraschall festgestellt wurde, dass das Kind kein Junge ist. Dabei hätten die systematischen Abtreibungen ein weitaus größeres Ausmaß als das Töten von Mädchen kurz nach der Geburt. Auch die "Lancet"-Studie belegt, dass es sich entgegen weitläufiger Überzeugung nicht um ein Problem armer, ungebildeter Schichten handelt. In Indien falle das Jungen-Mädchen-Verhältnis stärker zugunsten von Jungen aus, je gebildeter die Mütter seien.

In Indien gibt es ein strenges Abtreibungsgesetz, das einen Schwangerschaftsabbruch nur bei gesundheitlichen Risiken oder nach einer Vergewaltigung erlaubt, und nach der zwölften Schwangerschaftswoche nur nach Beratung durch zwei Ärzte. Nach der 20. Schwangerschaftswoche sind Abtreibungen grundsätzlich nicht erlaubt. Ein Abbruch wegen des Geschlechts ist zu jedem Zeitpunkt illegal, bei Zuwiderhandeln drohen bis zu fünf Jahre Haft. In China sind die Regeln weniger streng, es gibt keine zeitlichen Fristen für Abtreibungen, jedoch sind Schwangerschaftsabbrüche wegen des Geschlechts auch hier illegal.

Doch die Verbote haben keine Wirkung, ein selektiver Fetozid findet statt: In China beträgt das Verhältnis bei den Neugeborenen inzwischen 121 Jungen auf 100 Mädchen, in Indien sind es 112 Jungen. Wissenschaftlern zufolge wäre ein Verhältnis von 105 zu 100 normal, denn wie schon der deutsche Statistiker Johann Peter Süßmilch 1741 schrieb, hätten Jungen eine höhere Sterblichkeitsrate, so dass es bei diesem Verhältnis gleich viele Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter geben würde.

Prostitution, Menschenhandel, höhere Mordrate

Die Folgen sind Forschern zufolge gravierend: In Regionen mit Frauenmangel nimmt Prostitution zu. Viele Männer, schreibt Hvistendahl, würden in Asien inzwischen für eine Ehefrau bezahlen, sie also kaufen. Dealer entführten und verschleppten Frauen, es gebe einen regelrechten Menschenhandel von Vietnam nach China, aber auch nach Taiwan und Südkorea, ebenfalls Länder mit besorgniserregendem Frauenmangel. In Indien habe man festgestellt, dass die höchsten Mordraten nicht dort verzeichnet würden, wo die ärmsten Menschen lebten, sondern in den Gegenden mit dem größten Männer-Frauen-Ungleichgewicht.

Der unbedingte Wille, einen Sohn zu bekommen, führt zu seltsamen Verhaltensweisen. Die Landesregierung des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh untersucht derzeit Zeitungsberichten zufolge Vorwürfe von Menschenrechtlern gegen Ärzte. Sie sollen umgerechnet bei bis zu 300 Mädchen für jeweils umgerechnet 2000 Euro Geschlechtsumwandlungen vollzogen haben. Betroffen sind vor allem Krankenhäuser in der Stadt Indore. Die Ärzte rechtfertigen die Eingriffe damit, sie hätten die Operationen lediglich bei Kindern vorgenommen, die "mit geschlechtlichen Abnormalitäten" zur Welt gekommen seien. Aktivistin Kumari nennt diese Geschlechtsumwandlungen dagegen "ein Zeichen für Indiens sozialen Wahn".

Wissenschaftler warnen davor, dass ein Ungleichgewicht des Geschlechterverhältnisses auch auf andere Teile der Welt übergreifen könnte. Inzwischen sei diese Entwicklung auch in Teilen Osteuropas zu beobachten. Selbst in den USA sei diese Tendenz erkennbar, dort sogar noch vor der Entstehung eines Fötus: In Amerika ist die Selektion nach Geschlecht bei künstlicher Befruchtung erlaubt. Das "Fertility Institute" in Los Angeles, eine schicke Klinik in einem wohlhabenden Viertel, wirbt auf seiner Webseite mit dem Spruch: "Seien Sie sich gewiss, dass Ihr nächstes Kind das Geschlecht hat, das Sie sich wünschen."

Die Klinikmanager sehen die Sorge vor einem Jungenüberschuss gelassen. Sie weisen darauf hin, dass die meisten ihrer Kunden sich ein Mädchen wünschen.



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