Verbotene Abtreibung in Chile "Für das, was kommt, brauchst du viel Kraft"

Abtreibung ist in Chile verboten - selbst wenn absehbar ist, dass ein Kind noch vor der Geburt sterben wird. Nun könnten sich die Gesetze ändern. Zu spät für Andrea Quiroga.

Mutter in Trauer: Andrea Quiroga
Anne Schade

Mutter in Trauer: Andrea Quiroga


Ihr Wohnzimmer ist etwa vier Schritte lang, drei Schritte breit, jeder Meter erinnert an den Tod eines Kindes. Überall kleben Schmetterlinge aus Plastik. An den Wänden, am Kühlschrank, auf den Töpfen von Pflanzen, an der Gardinenstange.

Jedes Mal, wenn Andrea Quiroga vor Traurigkeit nicht weiterweiß, kauft sie einen Schmetterling für ihre Wohnung und denkt an ihre Tochter, die sie vor fünf Jahren tot auf die Welt bringen musste, und die sie Mariposita nennt: kleiner Schmetterling.

Andrea ist eine rundliche Frau mit sanften braunen Augen. Alles an ihr sieht weich aus, ihre Haare, ihre Haut, das seidige Hemd mit dem Blümchenmuster. Die 41-Jährige arbeitet als Buchhalterin und wohnt ganz in der Nähe ihrer Mutter in einem Reihenhaus im Süden Santiago de Chiles, in einer Gegend, in der die Mieten noch bezahlbar sind.

Mit 16 Jahren wurde sie von einer Jugendliebe schwanger. Eine Abtreibung kam für sie nicht infrage. Sie brach ihre Ausbildung ab und bekam einen Sohn. Mit 35 Jahren erwartete Andrea erneut ein Baby, dieses Mal ein Wunschkind. Von dem Vater des Kindes trennte sie sich am Anfang der Schwangerschaft. Nur wenig später entdeckte der Arzt einen Herzfehler bei dem mittlerweile elf Wochen alten Fötus, die Hauptschlagadern waren falsch verbunden. Das Kind würde noch vor der Geburt sterben. Der Mediziner nahm Andreas Hand und sagte: "Für das, was kommt, brauchst du viel Kraft."

"120.000 illegale Abtreibungen pro Jahr"

Chile ist einer der wenigen Staaten weltweit, in denen Frauen unter keinen Umständen abtreiben dürfen - neben El Salvador, Honduras, Nicaragua, Surinam, Malta, der Dominikanischen Republik und Vatikanstadt. Grund ist ein Gesetz aus dem Jahr 1989, ein Relikt aus der Diktatur Pinochets. Demnach gelten Abtreibungen als Straftaten, die ähnlich hart geahndet werden wie der Handel mit Drogen. Wer bei einem Abbruch erwischt wird, muss mit Geldstrafen oder sogar Gefängnis rechnen.

Zwar hat sich seit dem Sturz Pinochets im Jahr 1990 viel getan. Chile gehört mittlerweile zu den führenden Industrienationen Lateinamerikas. Doch das Abtreibungsverbot gilt weiterhin. Jahr für Jahr zwingt es Tausende Frauen dazu, Kinder zu bekommen, die sie nicht wollen, oder sie ohne ärztliche Hilfe heimlich abzutreiben. "Die Dunkelziffer liegt bei rund 120.000 illegalen Abtreibungen im Jahr", sagt Leslie Nicholls, Sprecherin der Frauenrechtsorganisation Miles.

Auch deshalb will die Präsidentin Michelle Bachelet das Gesetz ändern. Die ehemalige Ärztin und Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation UN-Women möchte Abtreibungen in bestimmen Fällen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche zulassen. Etwa wenn eine Frau nach einer Vergewaltigung schwanger wurde. Wenn ihr Leben durch die Schwangerschaft gefährdet ist. Oder wenn das Kind so krank auf die Welt kommen würde, dass es nicht lebensfähig ist.

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet
AP

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet

Monatelang debattierten die chilenischen Abgeordneten über diesen Gesetzesentwurf. Letzte Woche bewilligte die Abgeordnetenkammer ihn schließlich mit einer knappen Mehrheit. Jetzt muss noch der Senat zustimmen, damit das Gesetz in Kraft treten kann.

Austragen, bis es von selbst stirbt

Doch die konservativen Kräfte im Land sind stark. Ihr Hauptargument ist: Das Ungeborene habe ein Recht auf Leben. Und für das wollen sie kämpfen - gegen die Rechte der Schwangeren, für ihre Wertvorstellungen und zur Not auch vor dem Obersten Gericht. Einige Gegner kündigten bereits an, dort die Verfassungsmäßigkeit des Entwurfs prüfen lassen zu wollen.

Bis darüber entschieden ist, beenden viele Chileninnen eine ungewollte Schwangerschaft illegal mit dem Medikament Misoprostol. Eigentlich ist es zur Linderung von Geschwüren in Magen und Darm gedacht, es hat aber eine vielfach erwünschte Nebenwirkung: Es löst Wehen aus. Außerdem lässt sich Misoprostol im Körper nicht nachweisen. Auf dem Schwarzmarkt sind die Pillen für um die 100 Euro zu haben, ein Vielfaches ihres Einkaufspreises.

Magen-Darm-Pille Misoprostol
Getty Images/ The LIFE Images Collection/ James Keyser

Magen-Darm-Pille Misoprostol

Auch wenn Misoprostol ziemlich sicher ist und in 90 Prozent der Fälle zu einem Schwangerschaftsabbruch führt, gibt es Risiken. Es verursacht mitunter starke Krämpfe und Blutungen. Bei einer von zehn Frauen bleiben Teile der Plazenta in der Gebärmutter zurück, die sich entzünden können. Und in seltenen Fällen erleiden die Frauen lebensgefährliche Sturzblutungen. Nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Miles sterben in Chile jedes Jahr etwa 20 Frauen wegen einer illegalen Abtreibung, viele von ihnen verbluten.

"Ich hatte Angst", sagt Andrea. Sie hat noch nie im Leben etwas Verbotenes gemacht. Und jetzt sollte sie einen Dealer treffen und illegal abtreiben? "Das Risiko war mir zu hoch."

Wohlhabende Chilenen können einen Abbruch in einer Privatklinik vornehmen lassen, entweder in Santiago oder im Ausland, in Argentinien, Kuba oder den USA. "Diese Krankenhäuser sind gut, man wird gesund heimgehen", erzählt Andrea, die sich die Behandlung dort aber nicht leisten konnte. Ihr blieb nur eine Möglichkeit: Sie musste das Kind austragen, bis es von selbst starb. Erst wenn das geschieht, dürfen Ärzte in Chile die Geburt legal einleiten.

Keine Tritte, keine Drehungen

Die ganze Zeit spürte Andrea das Kind nicht. Keine Tritte, keine Drehungen, keinen Schluckauf vom Fruchtwasser. Der Embryo bewegte sich nicht, aber er wuchs. Auf der Straße gratulierten ihr Menschen zum Babybauch. "Wie soll man ihnen nur sagen, dass das Kleine sterben muss?", fragt Andrea. Sie flüchtete in Fachbegriffe, legte sich eine Standardantwort zurecht: "Meine Tochter hat eine Inkompatibilität mit dem Leben", sagte sie, und manche Leute entschuldigten sich dann für die Glückwünsche.

Am 12. Januar 2011 feierte Andrea ihren 36. Geburtstag. Sie war im sechsten Monat schwanger. Eigentlich hatte sie erst in der nächsten Woche einen Termin beim Arzt, doch die Praxis rief an und fragte, ob Andrea schon morgen vorbeikommen könne. Da sei gerade was freigeworden. Das war ihr Glück in all dem Unglück: Bei der Untersuchung stellte der Arzt fest, dass das Ungeborene gestorben war.

Manchmal fragt Andrea sich, was gewesen wäre, wenn sie erst sechs Tage später zum Arzt gegangen wäre. Sechs Tage mit einem toten Kind im Bauch? Womöglich hätte sie eine Infektion gekriegt, vielleicht eine Blutvergiftung. So aber leiteten die Ärzte schnell die Geburt ein. Andrea war alleine im Kreißsaal, Freunde und Familie waren nicht erlaubt: "Die Wehen taten so weh wie bei meinem Sohn." Es dauerte zwölf Stunden. Dann brachte sie ihre tote Tochter Anais Andrea zur Welt, 36 Zentimeter groß und 450 Gramm schwer.

Die Hebamme wickelte das winzige Mädchen in ein weißes Tuch, setzte ihm ein cremefarbenes Mützchen auf und ließ nur das Gesicht frei, bevor sie Andrea das Neugeborene in den Arm legte. "Die Kleine sah aus, als ob sie schläft", erinnert sich die Mutter. Die Beerdigung war zwei Tage später. "An jedem meiner Geburtstage werde ich an sie denken", sagt Andrea. "Andere Eltern gehen mit ihren Kindern in den Park zum Spielen, ich gehe auf den Friedhof."

Mehr als 2000 Euro zahlte Andrea für die Geburt, ein Vielfaches ihres Monatsgehalts. Wie viele Chilenen hat sie keine Krankenversicherung. Um die Arztrechnungen begleichen zu können, verschuldete sie sich. Für einen Psychologen bleibt ihr bis heute kein Geld.

Obwohl Andrea ihre Geschichte schon oft erzählt hat, kommen ihr immer noch die Tränen. Sie ist wütend auf Leute, die von Religion und Werten reden: "Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man nicht mehr schlafen und essen kann, weil das Kind in einem stirbt."

Dann stellt sie einen Schuhkarton auf den Wohnzimmertisch. Was drin ist, hat sie noch keinem gezeigt, nicht einmal ihrer Mutter oder ihrem Sohn: eine gelbe Mütze, eine hellgrüne Hose aus Nicki-Stoff und ein blaues Hemd - alles so klein, dass es einer Puppe passen könnte. Ein Goldkettchen. Kondolenzschreiben. Und ein paar Fotos. Es ist, was ihr von dem Kind geblieben ist, das sie zur Welt bringen musste, um es zu beerdigen.



Anne-Katrin Schade recherchierte im vergangenen Jahr drei Monate als Stipendiatin des Internationalen Journalisten Programms für Lateinamerika in Chile. In dieser Zeit sprach sie mit Frauenrechtsaktivistin Leslie Nicholls und traf Andrea Quiroga. Die Buchhalterin setzt große Hoffnungen in die Gesetzesreform zum Abtreibungsverbot. Doch trotz der jüngsten Fortschritte kann es noch Monate dauern, bis es in der Frage weiter vorangeht.

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Senf-Dazugeberin 28.03.2016
1. Das ist wie Folter an den armen Frauen
von angeblich ach so guten Menschen, die anderen einen Horror aufzwingen, den man seinem ärgsten Feind nicht antun möchte. Alles, was Frauen nicht selber über ihren Körper bestimmen können, ist wie eine Vergewaltigung. Und ob die Babys im Mutterleid nicht unerträgliche Schmerzen leiden und im Fruchtwasser stumm schreiend grausam verenden, weiss auch niemand genau. Sage ich als Mutter, die selber Fehlgeburten hatte und sich ihre Kinder sehnlich gewünscht hat. Und als "kleine" Schwester, die ihren älteren Bruder nie kennengelernt hat weil er voll ausgetragen tot auf die Welt gekommen ist. Dass das EU-Mitglied Malta noch so weit im Mittelalter steckt, hätte ich trotz mehrfacher Besuche dort nicht gedacht und es schockiert mich. Die armen Frauen, die das alles ertragen müssen.
udo46 28.03.2016
2.
Diese arme Frau ist das Opfer scheinheiliger Pfaffen und williger staatlicher Kirchenbüttel. Wann hört dieses Elend endlich auf?
Sibylle1969 28.03.2016
3. Inhuman
Abtreibungen selbst bei einer drohenden Totgeburt, nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der Mutter zu verweigern, ist mehr als inhuman. Darüber hinaus hat jede Frau das Recht, selbst zu entscheiden, ob und wann sie ein Kind haben will. Ich habe mal über einen Fall gelesen, wo in Irland einer Frau eine Abtreibung verweigert wurde, die dann infolge einer Blutvergiftung gestorben ist, die durch die Schwangerschaft ausgelöst wurde. Unglaublich... Solche Gesetze retten kein Leben...
knok 28.03.2016
4. Zeigt mal wieder
dass Christentum und Demokratie nicht vereinbar sind.
stefzeri 28.03.2016
5. Mein tief empfundenes Mitgefühl
Musste selber eine ähnliche Erfahrung machen. Allerdings hätte ich zumindest die Freiheit gehabt die Schwangerschaft zu beenden. Auch wenn ich meinem Kleinen ganz bewusst seine Zeit gegeben habe, bin ich doch der Meinung, dass jede Frau das für sich entscheiden können sollte.
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